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  • Kultur
  • Stück an der Berliner Schaubühne

Unterwerfung war die Rettung

Thomas Ostermeier hat den Roman »Im Herzen der Gewalt« von Édouard Louis für die Schaubühne adaptiert

  • Von Christian Baron
  • Lesedauer: 5 Min.

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Im Wartesaal der Notaufnahme wandert ein Obdachloser umher. Er trägt einen viel zu großen Mantel und röchelt leise. Kaum kann er sich auf den Beinen halten. Trotzdem begehrt er keine medizinische Hilfe, sondern nur einen warmen Platz. Er pult im Aschenbecher. Ein junger Mann steht daneben. In den Morgenstunden am 25. Dezember ist in den Krankenhäusern nichts los. Sogar in einer Millionenstadt wie Paris. »Frohe Weihnachten, Monsieur«, sagt der Obdachlose. Er pult und pult und findet eine noch nicht ganz aufgerauchte Zigarette, mit der er sich auf eine Bank legt. Der junge Mann kann es nicht fassen, wie er später berichtet: »Dieses ›Frohe Weihnachten, Monsieur‹ war so fehl am Platz an diesem Ort und nach dem, was mir widerfahren war, dass ich lachen musste.«

Es ist eine sehr französische Angelegenheit, dieses Lachen im Angesicht des Absurden. Für den Existenzialisten Albert Camus ist es das einzige wirkliche philosophische Problem. Alles andere sind ihm bloße Kinkerlitzchen. Denn das Absurde könne jeden ganz plötzlich anspringen, schrieb er einmal, und dann stelle sich sofort die Sinnfrage: Was soll das alles? Lohnt sich dieses Leben überhaupt? Oder ist die Existenz zum Sterben absurd?

Obwohl er erst Mitte zwanzig ist, dürfte sich Édouard Louis solche Fragen schon oft gestellt haben. Er entstammt einem bildungsbürgerfernen Umfeld, er konnte gegen jedes Gesetz der Klassengesellschaft an einer Universität studieren, er ist Freund und Schüler der Geistesgrößen Geoffroy de Lagasnerie und Didier Eribon, er muss mit einer brachialen Neuerfindung seiner Aufstiegspersönlichkeit kämpfen, und er ist gefeierter Autor des autobiografischen Debütromans »Das Ende von Eddy«. In seinem 2016 erschienenen zweiten Roman »Im Herzen der Gewalt«, den die Schaubühne jetzt fürs Theater adaptiert hat, beschreibt er jene grausame Dezembernacht, in der ihn ein Mann namens Reda vergewaltigt hat. Das ist wirklich passiert, und der Autor gibt sich keine Mühe, seinen Text zu fiktionalisieren. Die Hauptfigur heißt Édouard, und die Freunde heißen Geoffroy und Didier.

Regisseur Thomas Ostermeier hat seine Inszenierung werktreu aufgezogen. In Dramaturgie und Form ist die Handschrift des Autors erhalten geblieben. Immer wieder durchbricht das Buch die Perspektive des Ich-Erzählers, revidiert und ergänzt sie durch die Sichtweise der Polizei und die Interpretation von Édouards Schwester Clara. Der Protagonist, dem der Schauspieler Laurenz Laufenberg in seiner blonden Schlaksigkeit äußerlich ähnelt, räsoniert darüber, wie ihm das Umfeld die Deutung seiner eigenen Geschichte geraubt hat - und wie hilflos er dem ausgeliefert ist.

Zu Beginn ist die Bühne ein Tatort. Menschen in forensischer Kleidung bewegen sich wie in Zeitlupe über das graue Geläuf. Ein nackter, nasser Mann rutscht auf dem nackten, nassen Boden aus und suhlt sich leidend im schmierigen Fingerabdruckpulver, das nichts anderes symbolisieren soll als Blut. Eine Kamera zeichnet alles auf, die Bilder werden in Schwarz-Weiß auf eine Leinwand projiziert.

Hier schmeißt ein sich um gängige Theaterkonventionen gewöhnlich einen Dreck scherender Regisseur sein Publikum schlagartig ins kalte Wasser. Kein Zweifel, dass die folgenden zwei Stunden einlösen, was der Stücktitel verspricht. Jenseits aller Chronologie entfalten sie Story und Hintergrund, als gehe es weniger um die Handlung und mehr um die gesellschaftlichen Schlussfolgerungen.

Auf der Pariser Place de la République begegnet Édouard einem Unbekannten, sie kommen ins Gespräch und landen schnell in Édouards Bett. Als er bemerkt, dass sein Smartphone und sein Tablet verschwunden sind, verdächtigt er Reda (Renato Schuch) - der ihn anschließend eine Waffe entgegenstreckt und ihn vergewaltigt. Wie es Édouard gelingt, Reda aus der Wohnung zu komplimentieren, wie in ihm schlagartig der Fremdenhass wächst und wie ihn bei der Anzeige der Rassismus der Polizeibeamten ärgert - all das erzählt Louis in nüchternem Ton, der einer soziologischen Abhandlung angemessen wäre.

Darin liegt die Schwäche der literarischen Vorlage. Bei Louis theoretisiert, zerlabert und reflektiert die Hauptfigur das Geschehen so lange, bis keine Auslassungen und Andeutungen mehr übrig sind, die im Bewusstsein der Leserschaft ein eigenes Bild entstehen lassen könnten. Durch einen Türspalt hört Édouard seine Schwester ihrem Mann den Tathergang schildern. Er streut immer wieder ein kursiv gesetztes »Lüge!« ein, wenn er es anders sieht. Louis bedenkt seine Schwester von der Vorliebe für Billigmöbel über biologischen Rassismus bis zur vulgären Sprache mit einem Klassengeschmack, den Kultureliten gemeinhin der »Unterschicht« zuschreiben.

Ostermeier, der selbst nicht eben behüteten Verhältnissen entstammt, setzt andere Schwerpunkte in der Zeichnung der Nebenfiguren. Manch anderer Regisseur hätte die Mutter, Clara und deren Mann in sächsischem oder rheinischem Dialekt sprechen lassen, um den Zuschauern ein absurdes Überlegenheitslachen zu ermöglichen. Ostermeier gibt zwar die Mutter (Christoph Gawenda) ohne ersichtlichen Grund als Dragqueen der Lächerlichkeit preis. Auch ist Clara (Alina Stiegler) und deren Mann die Klassenzugehörigkeit an der Kleidung anzusehen. Clara aber ist eine selbstbewusste und kluge Persönlichkeit.

Wenn Édouard sich den erotischen Reizen dieses seltsamen Reda nicht erwehren kann, dann ist es Clara, die sich auf der Bühne resolut zwischen beide stellt und ihren Bruder warnt. Es ist Clara, der auffällt, dass Édouard die Bücher von Nietzsche in der Öffentlichkeit stets so spazieren trägt, dass die Buchcover gut zu sehen sind. Und niemand anders als Clara entlarvt Édouard: »Insgeheim war er enttäuscht, dass wir nicht seinem Bild entsprachen. Er war enttäuscht, dass wir nicht homophob und rassistisch reagiert haben.«

Im Buch sind Rassismus, Gewalt und Macht die wichtigsten Themen. Auf der Bühne aber rückt durch die so konturierte Clara eine weitere Frage in den Mittelpunkt: Warum ist Édouard »durchgekommen«, seine Schwester aber nicht? Unterwerfung war seine Rettung: In der Akzeptanz bürgerlicher Regeln und in einem starken Interesse für Hochkultur sieht er langfristige Erfolgsstrategien, ja Pfade zum sozialen Sieg. Es ist keine schöne Wahrheit, doch trifft sie auf ausnahmslos jeden sozialen Extremaufsteiger zu: Nur, weil Édouard sich zu einem großen Teil selbst verleugnet, kann er der mondäne Intellektuelle sein, der er heute ist.

Nächste Vorstellungen: 20., 21. Juni

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