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Der schwere Start in die Arbeitswelt

Viele Jugendliche brauchen Hilfe beim Einstieg ins Berufsleben. Nicht alle erhalten die nötige Unterstützung

  • Von Stefan Otto
  • Lesedauer: 7 Min.

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Ayla Wilhelm brach ihre Ausbildung zur Friseurin ab, weil sie dem Druck im Laden nicht gewachsen war. »Ich war bei den Kunden immer aufgeregt, wusste, dass ich die Schnitte noch nicht so beherrsche. Ich schwitzte, dass sogar meine Brille beschlagen war.« Schließlich bat sie ihre Chefin, aufhören zu dürfen. Die zeigte Verständnis für die Situation, sie schlossen einen Aufhebungsvertrag. Damit stand die 25-Jährige nach anderthalb Jahren Ausbildung vor dem Nichts.

Das Gefühl kannte sie schon. Auch von der Schule ging sie ohne Abschluss ab. Sie jobbte im Einzelhandel, verkaufte Klamotten und Lebensmittel, trug Zeitungen aus oder arbeitete in einem Café. Empfehlungen für eine Bewerbung waren das nicht unbedingt. Über ihren Freund erfuhr sie schließlich von Joblinge, einer gemeinnützigen Aktiengesellschaft, die versucht, Jugendliche in eine Ausbildung oder eine dauerhafte Beschäftigung zu bringen. Ayla Wilhelm hatte Glück, sie rutschte in das Programm.

Jonas Hettwer leitet den Joblinge-Standort in Berlin, wo es eine verhältnismäßig hohe Jugendarbeitslosigkeit gibt. Knapp 13 500 Jugendliche zwischen 15 und 25 Jahren waren dort im vorigen Jahr ohne Job. »Viele bleiben beim Übergang zwischen Schule und Beruf in Überbrückungsmaßnahmen stecken und können im Arbeitsleben nicht Fuß fassen«, sagt Hettwer. Für sie hat Joblinge ein Programm entwickelt, um sie mit einer intensiven Betreuung an Unternehmen zu vermitteln.

»In der Anfangszeit musste ich mich beweisen, das war schon klar«, sagt Ayla Wilhelm. Das gehört zum Konzept von Joblinge. In der sogenannten Orientierungsphase schafft Hettwers Team Hürden. Ayla Wilhelm erzählt, wie sie zu siebt Laub in einer Kita harkten - diese Arbeit gehörte ebenso zu dem Programm wie Bewerbungstraining oder Kommunikationsübungen. Zwei Monate dauerte diese Gruppenphase, dann ging sie wieder auf Tuchfühlung mit dem Arbeitsmarkt. »Meine Betreuerin schlug mir ein Praktikum im Hotel vor. Ich war skeptisch, versuchte es aber trotzdem.« Doch nach nur einem Tag im Andel’s Hotel in Berlin-Lichtenberg hörte sie wieder auf. »Der Kundenverkehr lag mir nicht«, gestand sie sich ein. Wieder war sie verunsichert. »Ich hätte ja gerne in einem Archiv oder einer Bibliothek gearbeitet.«

Das Unternehmen Joblinge ist vor zehn Jahren von der Eberhard von Kuenheim Stiftung, BMW und der Unternehmensberatung Boston Consulting Group gegründet worden. Die Organisation von Arbeitgebern versucht, mit einem Netzwerk von Unternehmen einen Beitrag gegen die Jugendarbeitslosigkeit zu leisten. Die Initiative ist zweifellos nicht ganz uneigennützig. Schließlich leiden viele Unternehmen unter einem Fachkräftemangel.

Mittlerweile hat Joblinge bundesweit 25 Standorte. Mehr als 7000 Jugendliche durchliefen in den vergangenen Jahren das bundesweite Programm. Drei von vier Teilnehmern finden dauerhaft eine Anstellung. Die Quote ist passabel. »Meistens landen sie nicht direkt bei unseren Partnerunternehmen«, erzählt Hettwer. »Aber die Netzwerke der großen Firmen helfen weiter, sie in kleine oder mittelständische Unternehmen zu vermitteln.«

So vorteilhaft das Projekt auch klingen mag - Joblinge hat ein Problem damit, junge Beschäftigungslose für die Kurse zu bekommen. »Wir könnten in Berlin etwa 300 Teilnehmer pro Jahr betreuen«, sagt Hettwer. Derzeit nehmen an den Maßnahmen der vier Berliner Standorte aber gerade einmal 42 Personen teil. Ein Problem sieht Hettwer im mangelnden Zugang in die Jobcenter. Die Arbeitsvermittler schickten manchmal nur wenige Arbeitslose zu Joblinge.

Tatsächlich sind die Qualifizierungsangebote für Erwerbslose in Berlin ist recht unübersichtlich. Die Zahl der Maßnahmen werde nicht vom Gesetzgeber festgelegt, erläutert ein Sprecher der Arbeitsagentur Berlin-Brandenburg. Folglich gibt es viele freie Träger, die sehr unterschiedliche Projekte anbieten. Werden die Programme nicht direkt von den Jobcentern oder Arbeitsagenturen eingekauft und in ihren Häusern angeboten, müssen freie Träger wie Joblinge Werbung für ihre Projekte machen.

Letztlich entscheiden aber die Arbeitsagenturen und Jobcenter über die Förderungen alleine. Grundlage dafür ist ein Gespräch zwischen dem Arbeitsvermittler und dem Erwerbslosen. Der Sachbearbeiter legt danach fest, »in welchem Umfang der Kunde zur Eingliederung in den Arbeitsmarkt Hilfe benötigt«, erläutert der Sprecher.

Aber nicht immer geschieht dies im Sinne der Betroffenen. Die beschweren sich nämlich immer wieder darüber, dass die vorgeschlagenen Maßnahmen sie nicht weiterbrächten. Daran teilnehmen müssen sie aber trotzdem, ansonsten drohen ihnen nämlich Sanktionen.

Joblinge will dies anders machen und legt viel Wert darauf, eine Bindung zu den Teilnehmern aufzubauen. In der anfänglichen Orientierungsphase sind die Gruppen klein. Zudem unterstützen Mentoren die Jugendlichen. »Das sind Personen aus unserem Netzwerk, die als Ehrenamtliche bei der Orientierung helfen«, erklärt Hettwer. »Oft kommen sie aus einer anderen Lebenswelt, bringen Erfahrungen mit und haben einen festen Stand in ihren Unternehmen.« Das Programm, das im Regelfall ein halbes Jahr dauert, hat seinen Preis. 6500 Euro kostet es für die Jobcenter pro Person. Ob das ein Grund dafür ist, dass viele Plätze nicht besetzt werden, darüber kann nur spekuliert werden. Die Behörde will sich dazu nicht äußern.

Um Ayla Wilhelm kümmert sich Ute Becker, die im Sekretariat bei der Unternehmensberatung KPMG arbeitet. Insbesondere zu Beginn der Maßnahme hatte Wilhelm einen engen Kontakt zu ihrer Mentorin. »Wir trafen uns einmal in der Woche in einem Café. Sie hat mich beraten, welcher Beruf für mich passen könnte.« So war es auch Beckers Idee, bei dem Baustoffhändler Bauking wegen eines Praktikums im Büro nachzufragen. Ayla Wilhelm bewarb sich, und im Dezember klappte es. Vorerst für einen Monat schnupperte sie in das Geschäft hinein, verlängerte noch einmal und begann schließlich im Februar eine dreijährige Ausbildung im Büromanagement. Drei Tage arbeitet sie in dem Betrieb, montags und donnerstags hat sie Berufsschule.

Auch Khaled el-Sabeq hatte Probleme, nach der 10. Klasse einen Ausbildungsplatz zu finden. Ihm ging es wie vielen Jugendlichen, denen der Übergang von der Schule zur Arbeitswelt schwerfällt. Das Jobcenter schickte ihn zu Joblinge, und mit einiger Unterstützung gelang es ihm noch auf den letzten Drücker, eine Ausbildung als Bürofachkraft zu beginnen - im September 2016 fing er bei einer Berliner Sicherheitsfirma an.

»Ich war motiviert, wollte das durchziehen«, erzählt der 19-Jährige. Doch es kam anders. Er wurde von seinen Kollegen gemobbt. »Immer wurden die Geburtstage gefeiert, nur meiner nicht«, erinnert er sich. Es gab auch einen Mitarbeiter, der ihn offenen Rassismus spüren ließ. »Ich hörte häufiger Sätze wie ›Du gehörst nicht hierher‹«, erzählt er. Dabei lebt er bereits fast sein ganzes Leben in Berlin, kam als Siebenjähriger aus dem Libanon nach Deutschland.

Über die Diskriminierungen sprach er mit seinem Mentor, suchte das Gespräch auch mit seinen Vorgesetzten, sagte, dass er nicht einfach so angeschrien werden will. Als das nichts half, wendete er sich an die Chefetage des Unternehmens, das auf seiner Website vorgibt, gegen »Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus« einzutreten.

Doch das Verhältnis besserte sich nicht, im Gegenteil: Der Betriebsleiter hatte ihm nach seiner Beschwerde fristlos gekündigt. Joblinge intervenierte, woraufhin die Kündigung annulliert wurde. Letztlich zog Khaled el-Sabeq aber selbst die Reißleine, brach im Januar 2018 die Ausbildung ab. Unter diesen Voraussetzungen wollte er dort nicht weiterarbeiten. Sein Träger stand hinter seiner Entscheidung. »Wir haben viel darüber gesprochen«, erzählt Sarah Hauptmann, die ihn bei Joblinge betreut, »und alle fanden es richtig, den Ausbildungsvertrag aufzulösen.«

Khaled el-Sabeq blieb in dem Programm und hat vor wenigen Wochen ein Praktikum im Ellington-Hotel in Charlottenburg begonnen. Sein erster Eindruck ist positiv. Das Betriebsklima empfindet er als deutlich besser. »Das ist vielleicht das Wichtigste, alles andere ergibt sich dann«, sagt er und hofft darauf, im August eine Ausbildung als Hotelfachmann zu beginnen.

Ayla Wilhelm kann von ihrem Büro aus das Firmengelände von Bauking an der Stadtautobahn in Schöneberg überblicken. Ihre Kollegen fahren mit dem Gabelstapler umher, be- oder entladen die Lieferwagen. Sie mag die Branche. »Bei uns zu Hause wurde auch viel gebaut, das ist mir alles nicht fremd hier«, erzählt sie. Anders als im Hotel, wo sie an ihrem ersten Arbeitstag fast einem Gast Kaffee auf die Hose gegossen hätte.

Mit ihrer Mentorin hat sie noch immer Kontakt. Ute Becker hat selbst zehn Jahre lang bei Bauking im Büro gearbeitet. »Das habe ich ihr aber erst später erzählt. Ich hab ihr nur den Tipp gegeben, sich dort zu bewerben«, erzählt sie. »Um alles andere musste sie sich alleine kümmern.«

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