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Mit Aberglaube ins All

Raumfahrer achten Russlands kosmische Riten und Bräuche

  • Lesedauer: 3 Min.

Baikonur. Astronauten können Raumschiffe fliegen, hochkomplexe Experimente in der Schwerelosigkeit verrichten und sind trainiert für lebensgefährliche Notfälle. Doch bevor Gerst und seine Kollegen am Mittwoch ins All starteten, zelebrierten sie Riten und Bräuche der russischen Raumfahrt.

Baum pflanzen: Ein Besuch im Garten des Hotels »Kosmonaut« in Baikonur ist Pflicht vor dem Flug. Hier pflanzt jeder, der zum ersten Mal von dem russischen Kosmodrom ins All startet, einen Baum. Gerst durfte seinen Baum schon 2014 pflanzen, Sergej Prokopjew und Serena Auñón-Chancellor waren dieses Mal an der Reihe. Gerst half ihnen beim Schaufeln, wie Fotos der Raumfahrtbehörde Roskosmos zeigen. Die Tradition reicht bis zu Raumfahrtpionier Juri Gagarin zurück. Seit dessen Weltraumflug 1961 ist dort eine stattliche »Allee der Kosmonauten« gewachsen.

Münze plätten: Zwei Tage vor dem Start schleppt eine Lokomotive die Rakete aus dem Hangar zur Startrampe. Im Schritttempo schlängelt sich der Zug durch die kasachische Steppe. Vor dem Ziel legen Ingenieure, Techniker und Angehörige der Raumfahrer Münzen auf die Gleise, die der tonnenschwere Zug zerquetscht - für einen erfolgreichen Flug. Die Crew schaut sich das Aufstellen der Rakete nicht an: Ein Bräutigam bekommt seine Braut vor der Trauung ja auch nicht zu Gesicht.

Mit Gottes Segen in den Kosmos: Ein orthodoxer Priester spricht vor der aufgerichteten Rakete ein Gebet. Anschließend umrundet er sie mit einem Eimer voll Weihwasser und segnet sie. Der Brauch wurde in den 1990er Jahren eingeführt.

Kino: Am Abend vor dem Start entspannen die Raumfahrer bei einem gemeinsamen Filmabend. Doch schauen sie nicht etwa einen aktuellen Hollywood-Blockbuster, sondern einen sowjetischen Kinoklassiker aus dem Jahr 1970: »Beloje Solnze Pustyni« (Die Weiße Sonne der Wüste). Der Streifen von Regisseur Wladimir Motyl gilt als sowjetische Variante des Western. Raumfahrt spielt in dem Film keine Rolle. Doch geht die Tradition auf die Besatzung von »Sojus-12« zurück, die 1973 als erste nach dem tragischen Tod der dreiköpfigen Crew von »Sojus-11« (1971) sicher wieder zur Erde zurückkehrte. Vor dem Start hatten die Kosmonauten von »Sojus-12« den Film geschaut.

Autogramme: Vor dem Start verewigen sich die Raumfahrer auf einer Wand im Raumfahrtmuseum in Baikonur und an ihrer Zimmertür im Hotel »Kosmonaut«. Die Zimmertüren zu reinigen ist strengstens verboten. Wenn eine Tür voll ist, wird sie aber ausgetauscht und aufbewahrt.

Rock-Klassiker: Zum Abschied von der Erde bekommen die Raumfahrer eine Dröhnung sowjetischen 80er-Jahre-Rock. Wenn die Mannschaft in filmreifer Manier das Hotel verlässt und in den Bus steigt, der sie zur Startrampe fährt, werden die Boxen aufgedreht für den Klassiker »Trawa U Doma« (Gras vor dem Haus, 1983) von der Band Semljane (Erdbewohner). Im Song geht es um den Blick aus dem All auf die Erde. Roskosmos hat ihn 2009 zur »Hymne der russischen Raumfahrt« erklärt.

An Reifen urinieren: Auf dem Weg zur Startrampe ist es der Legende nach Brauch, an einen Reifen des Busses zu urinieren. Angeblich geht dies auf Raumfahrtpionier Juri Gagarin zurück, der bei seinem historischen Flug 1961 keinen Harndrang riskieren wollte. Ob Gerst und Kollegen den überlieferten Brauch wahren oder es sich um eine Legende handelt, bleibt offen - zumal das Anziehen des Raumanzugs kompliziert ist. dpa/nd

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