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Groß gedacht - mit Schwächen

Landgraf Karl von Hessen hatte ein »feinen Näschen« für das Machbare und Notwendige, um sein Reich groß zu machen. Nun ist ihm in Kassel eine Landesausstellung gewidmet.

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Verzeihen Sie, mein Herr, möglicherweise blamiere ich mich ja jetzt bis auf die Knochen. Dennoch: Verraten Sie mir bitte, wer Sie sind? Sie scheinen mir optisch ein wenig aus der Zeit gefallen, wenngleich Ihr nicht gerade bescheidenes Auftreten mich eher an einen schnell reich gewordenen Start-Upper erinnert: mein Schloss, mein Park, mein Marmorbad...

Warum sollte ich mich in Bescheidenheit üben? Das war niemals mein Begehr, ich orientierte mich stets an den Großen und Mächtigen der Welt. Schließlich habe ja auch ich Großes geschaffen! Gestatten: Landgraf Karl von Hessen. Was mein Äußeres angeht, so trage ich den Chic des frühen 18. Jahrhunderts, in dem ich 53 Jahre lang die Geschicke der Landgrafschaft Hessen-Kassel lenkte. Gnädige Frau, durch meinen 1730 von Gott erzwungenen Ruhestand hätte ich Zeit, Ihnen ein wenig von dem zu zeigen, was unter meiner Regentschaft entstanden ist. Was halten Sie davon?

Wunderbar! Doch eine Frage noch vorab: Wie soll ich Sie ansprechen - Herr Landgraf? Klingt ein bisschen albern, finde ich.

In der Tat. Meine Untertanen pflegten mich mit »Serenissimus«, also Hochwohlgeboren, anzusprechen. Nennen Sie mich doch einfach Hoheit, auch wenn ich nie König war. Dafür aber der Vater des 1720 gekrönten schwedischen Königs Friedrich. Ach ja, König wär ich auch gern gewesen - aber lassen wir das. Gehen wir lieber zum Fridericianum in meiner Residenzstadt Kassel, dort hat man mir gerade unter dem Titel »Groß gedacht! Groß gemacht?« eine große Landesausstellung gewidmet. Respekt vor den Machern, denn sie erzählt wirklich sehr anschaulich über mein Leben und Wirken für Hessen. Einzig das Fragezeichen im Titel verstehe ich nicht, denn mit Kleinigkeiten habe ich mich nie abgegeben.

Hoheit, wenn ich mir so Ihre Lebensdaten anschaue, tun Sie mir schon ein bisschen leid. Als Jugendlicher mal so richtig »auf die Kacke« hauen, war Ihnen ja kaum vergönnt. 1654 geboren und schon 1670 in die Regierungsgeschäfte eintreten zu müssen, das ist schon sehr hart!

Da haben Sie Recht, Gnädigste. Aber so war mein Leben ja nicht geplant. Eigentlich sollte mein Bruder, Wilhelm VII., die Regentschaft übernehmen. Doch der starb 19-jährig völlig unerwartet während seiner Grand Tour durch Europa, der üblichen Reise zu meiner Zeit für künftige Landesherrscher, um Kontakte zu knüpfen, höfische Umgangsformen, diplomatische Kenntnisse und Fremdsprachen zu erlernen. Deshalb lag nun die Bürde bei mir, dem Zweitgeborenen. Wobei, wenn ich ehrlich bin: Wilhelms Tod hat mich zwar schon erschüttert, doch Landgraf wurde ich keineswegs ungern. Denn zur Macht fühlte ich mich von jeher hingezogen. Sieben Jahre führte meine Mutter - übrigens eine Schwester des Großen Kurfürsten von Brandenburg - für mich noch die vormundschaftliche Regierung, mit 23 aber übernahm ich selbst die Geschäfte. Nur die Grand Tour blieb mir versagt. Schade, aber Schwamm drüber! Ich trat übrigens nicht nur politisch das Erbe meines Bruders an, sondern auch privat, wurde ich doch mit seiner Verlobten, Maria Amalie von Kurland, verheiratet. Eine Wahl hatte ich nicht, denn zu meiner Zeit spielte an Fürsten- und Königshäusern Liebe keine Rolle. Hochzeiten waren ein Mittel, die eigene Macht und den Einfluss zu vergrößern. Wobei ich sehr, sehr glücklich mit Amalie wurde, die mir 17 Kinder schenkte. Gott hab sie selig!

Als Sie 16-jährig Landgraf wurden, war der Dreißigjährige Krieg erst 22 Jahre vorbei. Ich kann mir ganz gut vorstellen, dass Ihr Reich zu der Zeit alles andere als eine »blühende Landschaft« war.

In der Tat, ich trat ein schreckliches Erbe an: Die Landgrafschaft war ausgeblutet, verwüstet und lag wirtschaftlich völlig am Boden. Um so mehr bin ich stolz darauf, meinen Erben ein prosperierendes Land hinterlassen zu haben.

Wie haben Sie das denn geschafft? Vielleicht können sich unsere heutigen »Landesfürsten« ja davon was abgucken.

Ganz gewiss könnten sie das. Betrachten wir doch nur die vielen Flüchtlinge. Mit offenen Armen nahm ich ab 1685 mehr als 3800 Hugenotten auf, die, nach dem im gleichen Jahr von Ludwig XIV. verkündeten Edikt von Fontainebleau, in Frankreich um ihr Leben fürchten mussten, wenn sie sich nicht zum Katholizismus bekannten. Bei uns waren sie hochwillkommen. Zumal Hessen im Dreißigjährigen Krieg in manchen Regionen bis zu zwei Drittel der Einwohner verloren hatte. Hier konnten die Glaubensflüchtlinge sich sicher fühlen, das garantierte ich ihnen in meiner »Freiheits-Conseccion«. Darin versprach ich ihnen neben der freien Religionsausübung eine befristete Steuer- und Zunftfreiheit und sicherte ihnen zu, dass sie in den Kirchen und Schulen Französisch sprechen durften. 17 Dörfer und eine Stadt ließ ich für sie bauen. Die Hugenotten bekamen Bauplätze und Baumaterial kostenfrei. Dank der Einwanderer blühten alsbald Gewerbe und Wirtschaft auf, sie waren wirklich hervorragende Handwerker. Es entstanden zahlreiche Manufakturen, deren Produkte sich bald einen Namen über die Landesgrenzen hinaus machten.

Respekt, Hoheit. Bei so viel staatlicher Unterstützung dürfte es ja keine Probleme mit der Integration gegeben haben.

Ähm, tja, wie soll ich das jetzt sagen: Also, mit dem Abstand der Jahrhunderte betrachtet, würde ich heute wohl einiges anders machen. Möglicherweise ist es ja auch ein Tipp für die Mächtigen Ihrer Zeit. Zweifelsfrei habe ich sehr viel Gutes für die Flüchtlinge getan - selbstkritisch füge ich an, dass mich dazu natürlich nicht nur reine Menschenliebe bewog, sondern vor allem wirtschaftliche und demografische Interessen -, leider habe ich dabei oftmals die Einheimischen ungerecht behandelt. Denn ihnen versagte ich all die Privilegien, schlimmer noch, ich vergatterte sie zu unentgeltlichem Arbeiten für die Neuankömmlinge. Das nahmen meine Landeskinder mir ziemlich übel. Dennoch, ohne die Hugenotten wäre meine Landgrafschaft wohl für immer ein Armenhaus geblieben.

Wenn Sie erlauben: Möglicherweise steht ja deshalb das Fragezeichen im Titel der Landesausstellung. Aus heutiger Sicht würde ich aber auch ein dickes Fragezeichen hinter eine Ihrer weiteren Methoden zum wirtschaftlichen Aufschwung des Landes machen. Nämlich der Schaffung eines stehenden Heeres, der aktiven Kriegsführung und der Vermietung von Soldaten als Söldner.

Papperlapapp! Das war völlig normal und höchst ehrenwürdig zu meiner Zeit. Schließlich brachte ich dadurch viele junge Männer in Lohn und Brot, was gleichzeitig einherging mit der Schaffung einer landesweit gut funktionierenden Infrastruktur. Schließlich mussten die Soldaten gekleidet, verköstigt und mit vielerlei Dingen versorgt werden. Auch die Bevölkerung hat davon profitiert. Kollateralschäden muss man da einfach in Kauf nehmen!

Tut mir leid, Hoheit, da gehe ich gar nicht d’accord mit Ihnen. Wenn ich es mir aber so richtig überlege, ticken heutzutage viele Politiker auch nicht viel anders. Sie verbrämen das nur ein wenig und sprechen von notwendiger Landesverteidigung. Und sei es am A... der Welt!

Wissen Sie was, ehe wir uns ernsthaft verstreiten, zeige ich Ihnen lieber noch ein bisschen was von meinen architektonischen und künstlerischen Hinterlassenschaften. Ist es nicht prächtig, mein Marmorbad im Staatspark Karlsaue! Die Anregung dafür brachte ich 1700 von meiner Italienreise mit. Auch wenn hier nie gebadet wurde, gilt der Prachtbau doch als das letzte erhaltene spätbarocke Badegebäude Deutschlands. Mein Prunkstück aber ist der Bergpark, in den Menschen aus aller Welt strömen, um sich an den Wasserspielen zu erfreuen, die noch immer genau so funktionieren, wie ich und meine Nachfahren sie schufen. Ein absolutes technisches Meisterwerk und ein Schauspiel ohne Gleichen weltweit. Über Kaskaden, Wasserfälle und Kanäle fließt das Wasser über 250 Meter in ein riesiges Becken mit einer gewaltigen Fontäne als Finale. Völlig zu Recht wurde der Bergpark 2013 UNESCO-Weltkulturerbe. Schauen Sie nur, ist er nicht fantastisch!

Gewiss Hoheit, doch ich muss nun weiter. Irgendwann schaue ich mir den Park ganz in Ruhe an. Vielleicht treffen wir uns dann ja wieder. Danke für die Begleitung durch Ihre Zeit.

Infos

Die Landesausstellung »Groß gedacht! Groß gemacht?« über Landgraf Karl ist noch bis 1. Juli im Fridericianum in Kassel zu sehen.
Infos unter: www.landgraf-karl.de

Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog erschienen.

Bergpark Wilhelmshöhe: Die Wasserspiele im UNESCO-Welterbe Bergpark sind alljährlich vom 1. Mai bis 3. Oktober jeden Mittwoch, Sonntag und Feiertag kostenlos zu erleben. Start: 14.30 Uhr am Herkulesbauwerk.

Marmorbad: geöffnet 1. April bis 3. Oktober, Dienstag bis Sonntag und feiertags 10-17 Uhr
www.museum-kassel.de

Führungen mit Wolfgang Schmelzer als Landgraf Karl:
Tel.: (0561) 655 03
www.inpractice.de

Allgemeine touristische Infos zu Kassel:
Kassel Marketing GmbH
Tel.: (0561) 7077-07
www.kassel-marketing.de

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Das Blättchen Heft 19/18