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Tief in der DNA der Klassengesellschaften

Von Cato bis Trump: Ein Exkurs in die Geschichte der Handelskriege. Von Karlen Vesper

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Das Eisenschiff »Nemesis« der East India Company zerstört eine chinesische Dschunke, 1841 Abb.: imago
Das Eisenschiff »Nemesis« der East India Company zerstört eine chinesische Dschunke, 1841 Abb.: imago

Die Einführung der »Strafzölle« in Höhe von 25 bzw. zehn Prozent auf Stahl- und Aluminiumexporte aus Europa in die USA bleibt nicht ohne Antwort. Die EU-Kommission hat nicht nur angekündigt, Klage bei der WTO einzulegen, sondern zugleich gedroht, eigene Zölle gegen US-Importe in Höhe von 6,4 Milliarden Euro zu erlassen. Man kann zu Recht von einem Handelskrieg sprechen - einem von vielen, mit denen die Geschichte der menschlichen (Klassen-)Gesellschaft gepflastert ist.

Schon die drei Punischen Kriege von 264 bis 146 v. u. Z. zwischen der See- und Handelsmacht Karthago und dem jungen aufstrebenden Römischen Reich waren ihrem Wesen nach solche. Es ging seinerzeit nicht nur um die geopolitische Hegemonie im westlichen Mittelmeer, sondern vornehmlich um die Kontrolle der Handelsrouten und Warenströme sowie die Ressourcen Nordafrikas, das sich die Römer nach ihrem Sieg über Karthago und der Ausschaltung der Punier als Rivalen als neue Provinz Africa einverleibten. Die aus dem 19. Jahrhundert stammende Behauptung, dass auf Karthagos Grund und Boden Salz ausgestreut wurde, um die Gegend unfruchtbar zu machen, ist Legende. Die Römer wussten sehr wohl die ertragreichen Plantagen der Kathager für ihr wachsendes, hungriges Imperium zu nutzen.

Auch bei den beiden Opiumkriegen 1839 bis 1842 sowie 1856 bis 1860 zwischen Großbritannien und China ging es um weit mehr als nur um den Absatz des Rauschmittels, das die britische East India Company aus Bengalen ins »Reich der Mitte« exportierte - zum Ingrimm des chinesischen Kaiserhauses, dessen Untertanen rasch millionenfach der Sucht anheimfielen, ergo weniger arbeitsam waren, womit sich gravierende soziale und wirtschaftliche Probleme einstellten. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts war die Handelsbilanz deutlich zugunsten Chinas ausgefallen. Dessen in Europa begehrten Exportartikeln wie Tee, Porzellan und Seide hatten europäische Manufakturen und Kompanien wenig Gleichwertes entgegensetzen. Zudem war das auf weitestgehende ökonomische Autarkie orientierte Riesenreich im Osten an europäischen Produkten wenig interessiert. Mit Gewalt sollte nun China zu einem Absatzmarkt degradiert werden und sich für Stützpunkte öffnen. Als Abschreckung plünderten die britisch-französischen Interventen am 6. Oktober 1860 Peking, verwüsteten den kaiserlichen Palast und raubten zahlreiche Kunstschätze. Zu ihrer Beute gehörten übrigens auch die Pekinesen-Hunde, die sich seither in europäischen Metropolen fleißig vermehrten. Wesentlicheres Ergebnis war indes zum Nachteil der Chinesen die Einführung des Privateigentums durch die christlichen Eindringlinge, was mit intensivierter Missionstätigkeit einherging. Ironie der Geschichte: Der von Donald Trump ausgelöste transatlantische Handelsstreit führt nun Europa und China zueinander. »Win-Win-Ergebnisse« beiderseits erhofft man sich mit dem jüngst in Brüssel vereinbarten Ausbau der Partnerschaft im Handel und bei Investitionen.

Alle Kolonialkriege waren in ihrem Kern Handelskriege, ging es dabei doch stets viel mehr um die Eroberung von Absatzmärkten und Rohstoffquellen als um die Ruhmessucht von Dynastien oder Staaten und Nationen. Unterworfene Völker mussten nicht nur materiellen Tribut leisten, sondern auch Erzeugnisse aus der Heimat der Invasoren gemäß deren Diktat abnehmen - Praxis nicht erst seit den alten Römern, sondern schon zur Zeit der Pharaonen und sumerischer Stadtstaaten zuvor.

Auch unterhalb der Schwelle militärischer Konfrontation tobten im Laufe der Jahrhunderte handfeste Handelskriege. Bekannt ist die Ende des 19. Jahrhunderts in Großbritannien eingeführte Zwangsetikettierung deutscher Waren mit dem Stempel »Made in Germany« zum Schutz vor ansteigenden Importen aus dem Wilhelminischen Kaiserreich - was sich als Bumerang erwies, mutierte dies doch zum Gütesiegel. Handelsboykotte wiederum waren und sind vielfach politisch intendiert. Die Boston Tea Party am 16. Dezember 1773, als Mitglieder der »Sons of Liberty« als Indianer verkleidet drei britische Frachter im Hafen kaperten und Tee im Wert von 10 000 Pfund über Bord warfen, kündigte die amerikanische Unabhängigkeitsrevolution an. Die Devise der Freiheitskämpfer lautete: »No taxation without representation.« (Keine Steuern ohne eigene politische Repräsentanz.) Von progressivem Gehalt war auch der strikte Boykott der Quäker in Pennsylvania im 17. Jahrhundert gegen alle Waren, die aus Sklavenarbeit resultierten; sie waren frühe Streiter des Abolitionismus, der Abschaffung jeglicher Sklaverei. Im Kampf gegen die britische Kolonialmacht rief Mahatma Gandhi seine Landsleute zum Boykott britischer Produkte auf, vor allem von in Manchester aus indischer Baumwolle gesponnene Textilien, und setzte sich, Vorbild gebend, selbst ans Spinnrad. 1930 unternahm er den legendären Salzmarsch, lief mit Hunderttausenden aus Protest gegen das britische Salzmonopol fast 400 Kilometer von Ahmedabad nach Dandi in Gujarat.

Negative Boykottbeispiele gibt es zuhauf. Einige Leser dieser Zeitung werden sich gewiss noch an das Technologie-Embargo des Westens gegen die sozialistischen Staaten erinnern, eine scharfe Waffe in der Systemauseinandersetzung, die trotz Spionage und eigener wissenschaftlich-technischer Anstrengungen nicht gänzlich entschärft werden konnte und letztlich mit zu den Sargnägeln des realexistierenden Sozialismus gehörte. Beliebtes Druckmittel in wirtschaftlichen und politischen Konflikten ist das Divestment, der Abzug von Kapital durch den Staat oder ein Unternehmen aus einem anderen Staat oder Unternehmen, um derart Druck zugunsten der Durchsetzung eigener Interessen auszuüben.

Handelsstreit und Handelskriege sind heute wesentlich effektiver und für die betroffenen Völker schmerzhafter als zu Zeiten von Karthagos Herrschern Hamilkar Barkas und dessen Sohn Hannibal sowie deren Gegenspielern Scipio und Cato; Letzterer war jener, der jede seiner Reden im Senat mit den Worten »Ceterum censeo Carthaginem esse delendam« beendet haben soll. (Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden muss.) Handelskriege sind in der DNA des Kapitalismus wie aller Klassengesellschaften eingeschrieben. Man darf gespannt sein, wie weit sich der Konflikt zwischen EU und USA noch hoch schaukelt.

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