Werbung

Nicht bloß ein Kommentar über Roseanne und Trump

Wer den Rassismus in der Arbeiterschaft nicht angreift, nimmt die Arbeiterschaft nicht ernst, meint Simon Poelchau

  • Von Simon Poelchau
  • Lesedauer: 3 Min.

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Wie sehr habe ich als Teenager Roseanne geliebt. Ich schaute jede Folge der Serie, verfolgte gebannt, wie sich die Conners mit all ihren Problemen einer US-Arbeiterfamilie durchs Leben schlugen. Dass die Sitcom nun nach 20 Jahren Pause fortgesetzt wurde, bekam ich erst mit, als es zu spät war, wieder einzuschalten. Die Hauptdarstellerin und Namensgeberin der Serie, Roseanne Barr, hatte sich mehrfach über Twitter rassistisch und antisemitisch geäußert. Die Serie wurde abgesetzt.

Für meinen Kollegen Christian Baron lieferte Barr für die »liberalen Meinungsmacher« eine Steilvorlage. Diese arbeiteten daran, »in ihrer grenzenlosen Überheblichkeit« den Rassismusbegriff »auszuhöhlen«. Gleichzeitig versucht Baron zu verstehen, warum die »weiße Arbeiterklasse«, für die Roseanne als Symbol steht, Donald Trump zum Präsidenten gewählt hat: »Wer sich ökonomisch und moralisch nach unten gedrückt fühlt, der sucht sich ein Ventil, um dagegen zu protestieren - sei es auch so widersinnig wie die Parteinahme für Donald Trump.«

Letztlich ist dies jedoch nicht eine Debatte allein über eine US-Serie aus den 1990ern und den Wahlerfolg Trumps. Es ist eine Debatte, die derzeit wie keine andere in der Linken hierzulande geführt wird: Wie umgehen mit dem Erfolg rechter Parteien wie der AfD und dem Zuspruch, den diese in der - wie auch immer gearteten - Arbeiterklasse erhalten. Wie diese Menschen wieder für linke Positionen zurückgewinnen? Wie mit ihrem Rassismus umgehen, der durchaus in Teilen der biodeutschen Arbeiterklasse vorhanden ist?

Natürlich gibt es mittlerweile viele Zwischentöne, die sich in der Diskussion um eine neue Klassenpolitik nachlesen lassen, doch stehen sich da meist zwei Pole gegenüber. Auf der einen Seite eine kosmopolitische, akademisch geprägte Linke, die angeblich nicht mehr die Sprache der Arbeiter versteht und deswegen lieber für die Rechte der Geflüchteten, den Feminismus und anderweitiges Ökogedöns kämpfe. Auf der anderen Seite die standhaften Klassenkämpfer, die angeblich die Einzigen sind, die die Arbeiter noch verstehen.

Dabei sollte der Rassismus des »kleinen Mannes« durchaus als Problem für eine linke, progressive Politik ernst genommen werden. Das Beispiel Roseanne Barr zeigt, dass so manche Aussage nicht bloß ein dummer Spruch, sondern Ausdruck von tief verwurzelten Ressentiments ist. Als sie die langjährige Beraterin von Barack Obama, Valerie Jarrett, als eine Mischung aus »Muslimbruderschaft und ›Planet der Affen‹« bezeichnete, was letztlich zum Ende der Serie führte, verwendete Barr nicht nur ein typisch rassistisches Bild. Es war auch nicht die erste fragwürdige Aussage dieser Art. Sie beleidigte vorher schon den jüdischen Milliardär George Soros als »Nazi«. Die Liberalen in den USA höhlten also nicht den Rassismusbegriff aus, als sie Barr für ihre rassistischen und antisemitischen Äußerungen angriffen. Sie sprachen ein Problem an, das auch die angeblichen Verteidiger der Arbeiterklasse thematisierten sollten.

Diese machen nämlich einen Fehler, wenn sie AfD-Wähler und Co. dort abholen wollen, wo sie stehen, wenn sie in der Kneipe sagen, dass der Witz nicht wirklich rassistisch gewesen sei, sondern nur geschmacklos. Sie machen einen Fehler, wenn auch sie in Talkshows sagen, dass nicht jeder nach Deutschland kommen könne, dass es kontrollierte Einwanderung brauche.

Es gibt nur zwei Gründe, warum sie ein solches Verständnis zeigen können. Entweder lachen sie klammheimlich selbst über sexistische oder rassistische Witze. Oder sie nehmen den Rassismus der »einfachen Leute« nicht ernst. Ungefähr so wie Eltern ihren Kindern auf den Kopf tätscheln und sagen »Das verstehst du nicht«, wenn diese etwas Dummes gesagt haben. Dabei würdigen die angeblich letzten Klassenkämpfer jene herab, die sie vorgeben zu verteidigen. Also darf man die Ressentiments vormals linker, jetzt rechter Wähler nicht akzeptieren, wenn man sie zurückgewinnen will, man muss mit ihnen darüber streiten und sie überzeugen. Nur so nimmt man sie ernst.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

Noch kein Abo?

Jetzt kostenlos testen!

14 Tage das »nd« gratis und unverbindlich als App, digital oder gedruckt.

Kostenlos bestellen