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Zurück in den bürgerlichen Kosmos

Die Ereignisse von ’68 wurden in die Erfolgsgeschichte der BRD integriert - und ihre radikalen Impulse ausgeblendet

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Im Kampf um die Deutungsmacht über »’68« reproduzieren sich nach 50 Jahren die politisch-ideologischen Kräftekonstellationen. Innerhalb des »herrschenden Blocks«, dessen Zentrum die Großen Koalition unter Angela Merkel bildet, hat sich - flankiert von Grünen, FDP und Teilen der Partei DIE LINKE - ein eher liberaler Konsensus herausgebildet, der die Ereignisse von 1968 in die Erfolgsgeschichte der deutschen Republik integriert. Die Kreuzung von Rudi-Dutschke-Straße und Axel-Springer-Straße in Berlin-Stadtmitte bringt dies gleichsam symbolisch zum Ausdruck.

Schon die Bildung der rot-grünen Regierung im Jahr 1998 war in den Medien als die Machtergreifung der ’68er kommentiert worden. In einem Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft zur »Elitenrekrutierung« wurde bereits 1995 festgestellt: »Die Mehrheit der deutschen Führungsschicht kommt heute aus der ProtestundWohlstandsgeneration …« (zit. n. Kraushaar). Der ehemalige Juso-Vorsitzende Schröder und der ehemalige Straßenkämpfer Fischer bewiesen sogleich die »Zuverlässigkeit« Deutschlands durch die Beteiligung am Krieg der NATO zur Zerstörung Jugoslawiens. Und mit der »Agenda 2010« setzten sie die radikalsten neoliberalen »Reformen« in der neueren deutschen Geschichte durch. Bis heute sind Schröder und Fischer als Unternehmensberater tätig. Ihre Karrieren gelten so als Beweis für die erfolgreiche Integration von führenden Kräften (und einigen Ideen) der ’68er Bewegung in das ökonomische, politische und ideologische Herrschaftssystem der Bundesrepublik. Vertreter der »Grünen«, die einst zum radikalen Flügel der ’68er Bewegung und in den frühen 1970er Jahren maoistischen K-Gruppen angehört hatten, interpretieren ’68 als Bruch mit dem »Adenauer-Staat«, als Versöhnung mit den angelsächsischen Demokratietraditionen, als Initialzündung für die neuen sozialen Bewegungen und als Beitrag zur Demokratisierung, Liberalisierung und Weltoffenheit des Landes.

Jürgen Habermas hatte schon 1990 diese Deutung von ’68 stark gemacht: »Die studentische Protestszene hat in der Bundesrepublik den ersten Schub einer Fundamentalliberalisierung ausgelöst … Ich meine den neuen Individualismus der Lebensstile, die sich an libertären Vorbildern orientieren, auch die neuen Formen autonomer Öffentlichkeit, in denen die Grenzen zwischen Demonstration und zivilem Ungehorsam, zwischen Diskussion, Festival und expressiver Selbstdarstellung verschwimmen. … Diese Revolte war für die politische Kultur der Bundesrepublik ein Einschnitt, in den heilsamen Folgen nur übertroffen von der Befreiung vom NS-Regime durch die Alliierten.«

’68 wird so als Teil einer westlichen Kulturrevolution wahrgenommen, die - unter den Begriffen Emanzipation, Partizipation und Transparenz - für die Konstruktion eines »modernen Deutschland«, für den Bruch mit der postfaschistischen Bundesrepublik einen wesentlichen Beitrag geleistet habe. Für den einschlägigen Historiker Norbert Frei war schon nach 40 Jahren klar, dass »der notwendige gesellschaftliche Wandel« durch die »Atmosphäre des Protests und des Aufbruchs« um ’68 beschleunigt wurde: »mehr Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern und mehr Rechte für gesellschaftliche Randgruppen; mehr Mitsprache an der ›Basis‹ der Parteien, in Gewerkschaften, Kirchen, Verbänden; mehr Offenheit und Begründungspflicht in Verwaltungshandeln von Staat und Gemeinden; mehr Demokratie bei der Polizei«. Und dazu noch: »der ohne Begleitung seiner Partnerin den Kinderwagen schiebende Facharbeiter mit den etwas längeren Haaren auf dem schwäbischen Dorf (oder) die junge Büroangestellte aus der hessischen Kleinstadt mit unbegleiteter Urlaubsreise in Spanien«.

Die Fixierung auf die Veränderungen der politischen Kultur und die Liberalisierung der Lebensstile entkoppelt ’68 jedoch von den radikalen Impulsen dieser Bewegungen, die die kulturrevolutionären Forderungen mit einer radikalen Kritik an Kapitalismus und Imperialismus verbunden hatten. An den Hochschulen wurde massenhaft das »Kapital« von Karl Marx studiert. Bei den Demonstrationen wurden die Köpfe der Kommunisten Ché Guevara und Ho Chi Minh hochgehalten. Nicht wenige der einst antiautoritären Wortführer orientierten sich nachfolgend am Maoismus. Selbst die Jungsozialisten publizierten im Ausklang von ’68 ein Manifest mit dem Titel »Überwindet den Kapitalismus« (Gansel).

Bei der schnellen Integration dieser »Kader der Revolution«, die auf der Bühne des Vietnam-Kongresses in Westberlin das Theaterstück »Die Pflicht des Revolutionärs ist es, die Revolution zu machen« in Szene gesetzt hatten, wirkten verschiedene Erfahrungen und Determinanten zusammen, die den Weg in den herrschenden Block vorgaben bzw. erleichterten. Stets war dieser jedoch mit der Abtrennung der Kapitalismuskritik von den kulturrevolutionären Impulsen von ’68 sowie mit der (antikommunistischen) Distanz gegenüber den antikapitalistischen Kräften in der real existierenden Arbeiterbewegung verbunden.

- Die Projekte der ultralinken Strömungen endeten schon in den 1970er Jahren in Niederlagen. Die Diskrepanz zwischen der Radikalität der politischen Propaganda und den realen gesellschaftlichen und politischen Kräfteverhältnissen war schließlich auch rhetorisch unüberbrückbar geworden. Joseph Fischer vom Frankfurter »Revolutionären Kampf« ging ans Band zu Opel, weil er »Arbeiter für die Revolution gewinnen« wollte; nach einem halben Jahr schied er aus! Gleichzeitig wurden die Grenzen des militanten Aktionismus deutlich. Die Partei der Grünen entstand schließlich ein Jahrzehnt später im Januar 1980 als Synthese zwischen Aktivist*innen von ’68 und den neuen sozialen Bewegungen. Sie wurde von den Realos nach den ersten Wahlerfolgen auf den Weg der Integration in den »herrschenden Block«, also zur Regierungsbeteiligung, geführt.

- In der »Reformära« der sozialliberalen Regierung unter Willy Brandt zwischen 1969 und 1974 wurde nicht nur mit dem Ausbau des »Sicherheitsstaates« sowie mit Repressionsmaßnahmen auf den zeitweilig zunehmenden Einfluss der neu gegründeten DKP in den Hochschulen sowie auf den Terror der RAF reagiert. Gleichzeitig gab es für die Aktivist*innen Angebote zum sozialen Aufstieg - unter anderem im Zuge des Ausbaus der Hochschulen. Kraushaar referiert Ergebnisse einer Focus-Umfrage aus dem Jahr 1996 unter 120 ehemaligen APO-Aktivist*innen, von denen 20 % als Hochschullehrer*innen, 35 % im Medien- und Kulturbereich sowie 15 % in der Politik tätig geworden waren. Die »Anti-Elite« von ’68 mutierte im »Marsch durch die Institutionen« zu einer »Wertelite anderen Typs«, die sich »für die Vermittlung nichtmaterialistischer Werte« einsetzt. Nicht alle schworen dem Marxismus und/oder der Kapitalismuskritik ab; die Mehrheit bildete allerdings jene Milieus der (vielfach verbeamteten) Besserverdienenden, die der grünen Partei auch mit dem Ex-KBWler Winfried Kretschmann als Ministerpräsidenten einer Koalition mit der CDU treu bleiben.

- Der großen Masse der Studierenden in den 1960er Jahren waren die Arbeits- und Lebensverhältnisse der Arbeiterklasse, aber auch die politische Welt und Kultur der Arbeiterbewegung und der Gewerkschaften völlig fremd. Die SPD distanzierte sich seit Godesberg (1959) von ihrer Geschichte als Klassenpartei. Daniel Cohn-Bendit betont bis heute, dass er seit mehr als 50 Jahren an einer Grundüberzeugung festgehalten habe: am Antikommunismus, den er damals gegen die Kommunistische Partei Frankreichs und diejenigen Teile der Arbeiterklasse vertrat, die diese repräsentierte. Der inzwischen bei der radikalen Rechten gelandete Bernd Rabehl weist ebenfalls gerne darauf hin, dass er als »Abhauer« aus der DDR (1960) immer strikter Antikommunist geblieben sei. Allerdings gab es immer wieder Individuen, die vom Studium in »die Produktion« gingen, um die »revolutionäre Arbeiterklasse« aufzuklären und abzuholen. Im Betrieb lernten sie dann - anders als Fischer - ihre Kolleg*innen und deren Einsatz für die Interessen der Lohnabhängigen schätzen; sie wurden aktive Gewerkschafter und schließlich hervorragende Betriebsräte.

Auf der anderen Seite gehörten gerade den linksradikalen Formationen auch junge Menschen aus reichen, großbürgerlichen Familien an, die sich an der These von Georg Lukács vom notwendigen »Klassenverrat« der Intellektuellen aus dem Jahre 1920 orientierten. In der Führung des SDS (1967/68) war selbst der Miteigentümer eines der größten deutschen Rüstungsunternehmen vertreten. Der »Selbsthass« auf die eigene Herkunft und Klasse, der solche »Revolutionäre« zunächst umtrieb, wurde nach einer gewissen Zeit durch die »Heimkehr des verlorenen Sohnes« in die eigene Familie und Klasse in eine spätpubertäre Jugendsünde verwandelt.

- Schließlich vollzogen sich diese Prozesse und Biografien in den 1970er Jahren auf dem Boden eines Formationswechsels in der Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise, der sich gleichsam »hinter dem Rücken« der handelnden Akteure vollzog und erst post festum zum Gegenstand kapitalismuskritischer Analysen wurde. Auf der Oberfläche waren es die politischen Siege des »Neoliberalismus« bzw. eines »Neokonservatismus«, der mit den Namen von Margaret Thatcher in Großbritannien, Ronald Reagan in den USA und schließlich auch Helmut Kohl in der Bundesrepublik Deutschland verbunden war. Das »neue Gesicht« (Hirsch/Roth) bzw. der »neue Geist des Kapitalismus« (Boltanski/Chiapello) reflektiert einen Strukturwandel in den materiellen Produktionsbedingungen selbst: das Voranschreiten der »informationellen Revolution«, die neue Stufe der Internationalisierung von Produktion, Tausch (Weltmarkt) und Finanzkapital, Rückgang der Industriearbeiterschaft in den Zentren des Kapitalismus. Nach Klaus Dörre gehört es zu den »Charakteristika des flexibel-marktzentrierten Produktionsmodells …, dass es die institutionalisierten Kompromisse des sozialstaatlich pazifizierten Kapitalismus irreversibel aufbricht, indem es die Schnittstellen zwischen Markt, Staat und Unternehmenshierarchien zugunsten der Marktkoordination umdefiniert«. Dieses Modell propagierte zugleich Werte, die sich - oberflächlich betrachtet - mit der Ideologie des Anarchismus und des linksradikalen Antietatismus der »antiautoritären Bewegung« am Ende der 1960er Jahre berührten.

Die Freiheit des Individuums steht im Mittelpunkt der Philosophie des ökonomischen und politischen Liberalismus, der in den Sozialwissenschaften die Hinwendung zum Prinzip des »methodologischen Individualismus« (bei Hayek und der gesamten Rational-Choice-Schule) einforderte. Der politische Neoliberalismus fordert den Rückzug des Staates, die Entfesselung der Marktkräfte, die Privatisierung der Sozialsysteme, den Abbau von Hierarchien, die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes usw. Im Prozess der Globalisierung wird die Macht der Nationalstaaten geschwächt. Ehemals linke Antietatisten sehen darin eine progressive Tendenz, die der Kapitalismus selbst ins Werk setzt. Der liberale Kosmopolitismus wird von den Managern der transnationalen Konzerne ebenso geteilt wie von den Anhängern »offener Grenzen«. Schließlich hat die neue Frauenbewegung - mit Recht - den von der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung durchgesetzten »Wohlfahrtsstaat« als konservativ bzw. reaktionär kritisiert, da dieser das traditionelle Familienmodell mit dem Mann als dem arbeitenden »Ernährer« der Familie favorisiert und zementiert. Der neoliberale Abbau des Wohlfahrtsstaats diente allerdings den Interessen des Finanzkapitals in der Rentenversicherung und bei der Privatisierung des Gesundheitswesens. Gleichzeitig eröffnete das Ansteigen der weiblichen Berufstätigkeit (auch dies eine progressive Forderung aus der Arbeiter- und Frauenbewegung) die Ausweitung von prekären Beschäftigungsverhältnissen und eines Niedriglohnsektors mit überwiegender Frauenbeschäftigung.

Der Sprung von Marx, Lenin oder Ché Guevara zu Hannah Arendt wurde leicht gemacht! So waren viele Brücken gebaut, über die die Wege der Integration und die Biografien der einst rebellischen ’68er in den Herrschaftszusammenhang sowohl der neuen Formation des flexiblen Kapitalismus als auch des »neoliberalen Blocks an der Macht« führten.

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Das Blättchen Heft 19/18