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... dann klappts auch mit dem Nachwuchs

Für Roberto J. De Lapuente geht es in der aktuellen Pflegedebatte in erster Linie um die Steigerung der Lebens- und Arbeitsqualität

  • Von Roberto J. De Lapuente
  • Lesedauer: 3 Min.

Als Jens Spahn vor Wochen großkotzig verkündete, er gehe jetzt den Pflegenotstand an, indem er 8000 neue Stellen schaffe, erntete er – wie immer, wenn er den Mund aufmacht – rege Kritik. 8000 neue Pfleger_innen seien viel zu wenig. Ebenso sollten die neuen Stellen mit ausländischen Arbeitnehmer_innen besetzt werden. Dies gefiel nicht allen. Schließlich tut sich mancher betagte Patient schwer mit kostengünstigen Krankenschwestern, die nicht richtig Deutsch können. Das ist nicht mal aus der Luft gegriffen, fehlende Ansprache ist besonders in der Altenpflege ein häufiges Problem.

Gleichwohl sieht die Realität in deutschen Einrichtungen aber bereits so aus, dass dort eine Internationale am Werk ist. Besonders Leute aus Niedriglohn- und Krisenländern werden gerne genommen. Ob nun Kasach_innen, Thais oder Spanier_innen: Sie machen den Job, den Deutsche offenbar immer seltener machen wollen. Jedenfalls nicht als erste Berufswahl. Daher ist die beliebteste Forderung: Man solle doch bitte einfach mal besser bezahlen, damit auch der deutsche Nachwuchs wieder verstärkt in die Branche drängt. Gegen bessere Bezahlung spricht freilich nichts, aber das ist nur ein Punkt, der berücksichtigt werden muss. Es sind vielmehr die Rahmenbedingungen, die junge Leute zurückschrecken lassen.

Wer in die Pflege geht, der weiß eines ziemlich sicher: Es ist ein 24/7-Job. Ohne Schichtarbeit wird es nicht abgehen. Freie Wochenenden oder Feiertage werden rar. Besonders diese Arbeitszeiten machen die Pflege unattraktiv für Berufseinsteiger_innen.

Insbesondere der Nachtdienst dokumentiert die Ungerechtigkeit innerhalb des medizinischen Betriebes. Während sich in Krankenhäusern der diensthabende Arzt auch mal in die Kissen legen darf, wenn kein Patient seiner Fachrichtung vorstellig wird, obliegt es der nächtlichen Pflege, die Nacht als Tag zu verbringen. Spätestens seitdem Jeffrey C. Hall, Michael Rosbash und Michael W. Young letztes Jahr den Medizinnobelpreis gewannen, wissen wir allerdings, dass die innere Uhr keine Einbildung ist, sondern wissenschaftlich nachvollziehbar. Sprich: Nachtarbeit ist widernatürlich. Warum also nicht ein bisschen lindern und die Pflege nicht auch als Bereitschaftsdienst mit optionaler Ruhezeit laufen lassen? So kriegt man wenigstens eine Mütze voll Schlaf und laugt über die Jahre nicht völlig aus.

Man muss daher dringend attraktive Arbeitszeitmodelle in Aussicht stellen. Eine Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich könnte die Bereitschaft stärken, sich vielleicht doch für die Pflege zu entscheiden. Darüber hinaus wäre es nicht nur eine reine Werbetour, Pflegeberufe mit fünf zusätzlichen Urlaubstagen auszustatten, um Interesse bei Berufseinsteigern zu fördern - es hätte durchaus auch einen medizinischen Aspekt. Von Supervisionen in der Pflege hört man auch kaum etwas, sodass Erlebtes innerhalb der Belegschaft bestenfalls zwischen Tür und Angel verarbeitet werden kann. Dabei wäre so eine Maßnahme überlebenswichtig für den Berufsalltag.

Denn machen wir uns nichts vor: Das Verhältnis zwischen Pflegenden und Gepflegten ist für beide grundsätzlich ein unwürdiger Zustand. Keiner wird gerne versorgt und niemand findet es wirklich gut, dass er der verlängerte Arm eines Menschen ist, der mit seinen Extremitäten nicht mehr richtig umgehen kann. Das ist das Meta-Dilemma dieses Berufszweiges. Und hier muss man Abhilfe schaffen, Angebote zur Verarbeitung. Nur so schafft man Würde in diesem per se unwürdigen Sektor.

Die jungen urbanen Leute, so liest man heute oft, seien weniger geld- und statusfixiert. Sie hätten kein Auto und suchten andere Ideale. Wenn das nun stimmt, kann man mit höheren Löhnen alleine das Interesse nicht fördern. Mit Maßnahmen zur Steigerung der Lebens- und Arbeitsqualität kriegt man sie. Geld mag ja ein Äquivalent sein – aber man kann nun mal nicht alles direkt mit Geld ausgleichen. Manchmal muss man es indirekt machen, indem man die Strukturen verbessert.

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