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Die Welt als Feind

Alberto Breccia übersetzte in den 70er Jahren H. P. Lovecrafts Horrorgeschichten in das Medium des Comics

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In der Moderne fand er sich nicht besonders gut zurecht: Der US-amerikanische Schriftsteller Howard Phillips Lovecraft (1890- 1937) war ein misanthropischer Einsiedler. Er gilt als Erfinder des kosmischen Horrors und Mitschöpfer des dazugehörigen sogenannten Cthu᠆lhu-Mythos, eines ausufernden literarischen Gruselkosmos.

Lovecraft hat nicht unbedingt Texte geschrieben, die sich auf den ersten Blick als Vorlagen für Comicstrips anbieten. Um die »Großen Alten« zu beschreiben - in den Geschichten Lovecrafts sind das gottähnliche, unsterbliche und mit übernatürlichen Kräften ausgestattete Wesenheiten aus dem All, deren Anblick Normalsterbliche in den Wahnsinn treibt -, hat er ganze Absätze verfasst, in denen er inflationär Adjektive wie »unnennbar«, »unsagbar« oder »unbeschreiblich« gebraucht.

Der Schrecken, den Geschichten wie »Cthulhus Ruf« oder »Die Farbe aus dem All« bei der Lektüre erzeugen, entsteht durch die Andeutung, durch das, was vom Autor nicht gesagt und vom Leser nur erahnt wird. Es scheint also, als könne eine Übertragung dieser Storys ins Bild da eigentlich nur verlieren. Alberto Breccia hat trotzdem bereits in den 70er Jahren das Experiment versucht - und dabei gezeigt, dass der Cthulhu-Mythos auch in Comicform funktioniert. Jetzt sind die gesammelten Strips des uruguayischen Zeichners als Buch erschienen.

Lovecraft, der seine Geschichten in den 20er und 30er Jahren des letzten Jahrhunderts in Pulp-Magazinen veröffentlichte, verfügte nicht gerade über eine breite Variation an Plotstrukturen. Tatsächlich zieht sich vor allem ein Muster durch sein gesamtes Werk: Ein Mann aus bürgerlichem Hause stößt in einer Kleinstadt in Neuengland wahlweise auf einen verschrobenen Privatgelehrten, einen mysteriösen Kult oder auf den Bericht eines Reisenden mit derzeitigem Wohnsitz in der Psychiatrie. Es folgen Nachforschungen, die dem traurigen Protagonisten eine Ahnung von der Bedeutungslosigkeit seiner eigenen Existenz angesichts des Wirkens außerirdischer Mächte geben, die so fremd erscheinen, dass nicht einmal sicher gesagt werden kann, ob sie tatsächlich böse sind. Bei Lovecraft ist die Welt der Feind. Das Grauen hat kein Gesicht und der Kampf dagegen ist immer aussichtslos.

Die Texte des Schriftstellers bilden gerade in ihrer beständigen Wiederholung derselben Erzählung ein Archiv bürgerlichen Scheiterns - was ihre Lektüre trotz der offensichtlich rassistischen Ressentiments ihres Autors (die er insbesondere in der Erzählung »Das Grauen von Red Hook« ausbuchstabierte) bis heute interessant macht.

Alberto Breccia nun versteht es, diesem Zusammenbruch bürgerlicher Gewissheit eine Form zu geben, die das Grauen visualisiert, es aber trotzdem in seiner Formlosigkeit belässt. Zu Beginn seiner Geschichten zeigt er noch die intakte Welt - klar umrissene Gesichter, realistischer Stil -, nur um später alles in zerfließenden Strukturen, Farbklecksen und fragmentierten Figuren aufzulösen. Breccia zeichnet Lovecrafts Horror mal in harten Kontrasten, dann wieder weich und organisch. Dabei macht er nie den Fehler, einfach die Textvorlage zu illustrieren. Sind keine Sprechblasen vorhanden, stehen Text und Bild in einem eher vagen Verhältnis zueinander. Das ist es auch, was die Comics so herausragend macht: Sie versuchen nicht, die Leerstellen der Originalgeschichten zu schließen, sondern überführen deren Schrecken in ein anderes Medium. Breccia wusste, dass die Tentakel bei Lovecraft eher im Subtext mitschwingen und dass das wirkliche Grauen nicht durch den Anblick des Monsters hervorgerufen wird, sondern durch die Welt, in der es auftritt.

Alberto Breccia: Lovecraft. Avant-Verlag, 126 S., geb., 29 €.

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