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Reichtum und obszöner Handel

»Europa und das Meer« - eine neue Ausstellung in Berlin und ein Buch zeigen, wie die Welt zusammenrückte

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Das Handy von Mohammed Ebrahimi
Das Handy von Mohammed Ebrahimi

Bucintoro, die Goldene Barke, war das Staatsschiff der Dogen von Venedig.
Bucintoro, die Goldene Barke, war das Staatsschiff der Dogen von Venedig.

Die wichtigste europäische Ausstellung läuft gerade im Deutschen Historischen Museum in Berlin an. Sie zeigt und diskutiert erstmals die Geschichte unseres Kontinents vom Meer aus. Die Exposition will zudem das Bewusstsein der Menschen für die nicht zu überschätzende Bedeutung lenken, die das Meer für unsere Zivilisation und Kultur hatte und immer noch hat. Sie wirkt zugleich wie ein aktueller Kommentar zu den jüngsten, unbefriedigend verlaufenden Verhandlungen der G7 zum Schutz der Ozeane. Vor allem aber auch zu den nicht enden wollenden Flüchtlingsdramen auf dem Mittelmeer, für die hier stellvertretend das zerbrochene, auf seiner Fluchtodyssee mitgeführte Mobiltelefon von Mohammed Ebrahimi ausgestellt ist.

See-Tourismus Fotos: DHM
See-Tourismus Fotos: DHM

Die meisten Einflüsse, die von Europa ausgingen oder die Europa empfing, führten über das Gewässer. 400 teilweise sensationelle Exponate hochkarätiger Leihgeber aus diversen Ländern dokumentieren mannigfaltige Aspekte dieser Wechselwirkung, ausgehend vom antiken Hafen Piräus über zwölf weitere berühmte Hafenstädte bis hinein in unsere Gegenwart. Darüber hinaus wird ein Ausblick auf die Zukunft gewagt.

Projektleiterin Dorlis Blume erläuterte während des Presserundgangs vor der Eröffnung der Ausstellung die teils langwierigen Verhandlungen mit Leihgebern der kostbaren und empfindlichen Exponate, die - wie etwa zwei Jahrhunderte alte Seekarten - in klimatisierten Behältern angeliefert werden mussten. Aus Danzig kamen einige bei einem Schiffbruch im 15. Jahrhundert untergegangene Fässer, die - von Teer umschichtet - ihr kostbares dokumentarisches Material im ursprünglichen Zustand bewahrten.

Deutlich wird der Paradigmenwechsel, der aus dem Auswanderungskontinent Europa des 19. Jahrhunderts im 21. Jahrhundert einen Einwanderungskontinent machte. Vor zwei Jahrhunderten war für viele Deutsche und Osteuropäer Bremerhaven das Tor zur Neuen Welt. Die meisten flüchteten vor wirtschaftlicher Not in ihrer Heimat, aber oft auch vor politischer Verfolgung. Die »Zwangsmigration« von etwa 13 Millionen afrikanischen Sklaven nach Amerika wird an der einzigen europäischen Hafenstadt dargestellt, die sich heute ernsthaft der Aufarbeitung des verbrecherischen Menschenhandels stellt: Nantes an der französischen Westküste. Erstaunlich und erschütternd exakt führten die Sklavenhändler und die mit ihnen kollaborierenden Reedereien Buch über den An- und Verkauf von Menschen, die später beispielsweise auf karibischen Zuckerrohrplantagen elendiglich zugrunde gingen. Obszöner Schacher mit Menschen, unglaubliche Hartherzigkeit gegenüber menschlichen Schicksalen, was durchaus noch an manch heutige Praktiken erinnert. Auf den kata᠆strophalen zerstörerischen Umgang der Menschen mit dem Meer verweisen Plastikenten, die vor einigen Jahrzehnten im chinesischen Meer mit einem Container über Bord gegangen waren. Eine Grafik verdeutlicht, wie das Spielzeug von den Meeresströmungen an die Küsten aller Ozeane geschwemmt wurde. Vor Wilhelmshaven wurde ein ganzer Müllberg aus der Nordsee gefischt; er ist in einer gläsernen Schandsäule zu sehen.

Manche Entscheidung der Kuratoren überrascht - und überzeugt sodann: Der Hafen Sevilla war Ausgangspunkt vieler Entdeckungsreisen. Die Ausstellung verfolgt nicht die allseits bekannte Route von Christopher Kolumbus nach »Westindien«, sondern die Entdeckung der Kanarischen Inseln, zwei Jahrhunderte zuvor. Es kam damals zur ersten europäischen Kolonialerwerbung, und dies keineswegs friedlich. Venedig wiederum ist das Paradebeispiel für eine frühe Seeherrschaft. Neben prachtvollen Exponaten des durch regen Überseehandel erlangten Reichtums der Venezianer sind auch zwei gläserne Handgranaten aus Murano zu sehen. Die Missionsarbeit in und der Kulturaustausch mit Ostasien fanden anfänglich über die portugiesische Hafenstadt Lissabon statt. Eine feine Porzellanfigur zeigt einen Europäer aus dem Blickwinkel der Chinesen, ihr gegenüber gestellt ist die Skulptur eines Chinesen aus der Königlich-Preußischen Porzellanmanufaktur in Berlin. Im südenglischen Brighton gab es das erste Seebad, das für den Beginn des Küstentourismus steht, hier unter anderem bezeugt mittels historischer Badekostüme.

Die geschickt ausgewählten und durch knappe, kluge Begleittexte ergänzten Exponate vermitteln zwar keine andere Geschichte Europas, aber durchaus neue Einsichten und Erkenntnisse. Die Sonderausstellung wurde von Dorlis Blume. Christiane Brennecke, Ursula Breymayer und Thomas Eisentraut kuratiert und entstand auf Anregung von und im Zusammenwirken mit Professor Jürgen Elvert vom Jean-Monnet-Lehrstuhl für Europäische Geschichte der Universität zu Köln. Zahlreiche Symposien, spezielle Führungen und Sonderprogramme für Kinder und Schulen begleiten die Schau.

Parallel zur Sonderausstellung erschien außer dem Katalog noch ein hoch informatives Buch von Elvert. Es vertieft die Botschaft der Exposition, dass über das Meer die Europäer die Welt veränderten, wie auch umgekehrt die Welt über das Meer die Europäer. »Die Hafenstädte, in denen die Wechselwirkungen zwischen Europa und der Welt zuerst, unmittelbar und ungefiltert ihre ganze Dynamik entfalten konnten, waren gewissermaßen Laboratorien der europäischen Moderne, weil in ihnen - bildlich gesprochen - großangelegte Experimente stattfanden, welche die Entwicklung auch der Gesellschaften im Hinterland des Kontinents stark und nachhaltig beeinflussten«, heißt es im Prolog zum Buch.

Elvert beschreibt die maritime Hard- und Software, also Schiffe und Hafenanlagen, Karten und Navigationsmittel, ebenso sachkundig und detailreich wie die Fahrten und Schicksale der Entdecker, volks- und betriebswirtschaftliche Aspekte der Welterschließung über die Meere sowie den Einfluss religiöser Missionsarbeit, des Sklavenhandels, des Seevölkerrechts und der überseeischen Migration auf die Entwicklung unseres Kontinents. Es fehlt im Buch nicht die Veränderung des Konsumverhaltens der Europäer beispielsweise durch die Einfuhr zuvor unbekannter Pflanzen, Lebens- und Genussmittel wie Kartoffel, Tomate, Tee, Kaffee oder Tabak. In der Einschätzung und Gewichtung der Ereignisse beweist der Autor behutsame Urteilskraft.

Ausstellung und Buch entfalten ein beeindruckendes Panorama von einer über die Meere zusammenrückenden und sich erweiternden Welt.

Bis 6. Januar 2019, DHM, Unter den Linden 2, täglich 10 bis 18 Uhr, Eintritt 8 €, ermäßigt 4 €; Katalog 35 €.

Jürgen Elvert: Europa, das Meer und die Welt. DVA, 591 S., geb., 45 €.

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