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Was quält, soll weg

Phantom Winter legen eine der besten Metal-Platten des Jahres vor

  • Von Benjamin Moldenhauer
  • Lesedauer: 3 Min.

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Wo es schürfbollert und krawallt im Metal, da geht es nach wie vor kraftmeierisch zu. Gerade in seinen avancierteren Spielarten aber, dort, wo Ironie und Pathos am Ende sind, suggeriert diese Musik nicht nur Härte, sondern erzählt von den Rissen der eigenen Inszenierung. Dem elegischen Black Metal von Deafheaven gelingt das zurzeit beispielsweise sehr gut. Oder, auf eine ganz andere Art, nämlich ungleich langsamer, Bell Witch.

Slayer und Metallica hingegen können das, bei aller Bedeutung, die sie für das Genre haben, nicht. Und wurden, wie viele Bands, die von diesen Rissen nichts ahnen oder wissen wollen, irgendwann zur Selbstpersiflage oder halt bewusst zum Comic.

Brüche werden im Metal dort spürbar, wo es überschießt und übersteuert und himmelschreiende Verzweiflung kultiviert wird. Dann verwandelt sich die Kraftmeierei in etwas anderes, in etwas, das bislang gleichsam in ihr eingeschlossen war.

Nachvollziehen kann man diese Verwandlung am dritten Album von Phantom Winter, einer Band aus Würzburg, die weitgehend unbemerkt eine der überzeugendsten Metal-Platten des Jahres in die Welt gestemmt hat. Auf »Into Dark Science« kracht es durchweg depressiv und tonnenschwer. Beim ersten Hören erinnert das an die legendären Isis, eine Band, die in den Jahren nach der Jahrtausendwende ein paar lose Enden des Genres aufnahm und ein Konzentrat aus Doom, Hardcore und langen Instrumentalpassagen kreierte. Der Gesang bei Isis versprach Souveränität und Kontrolliertheit, die zwei Sänger von Phantom Winter hingegen arbeiten an der eigenen Entgrenzung - der eine röhrt, der andere kreischt -, und beim Hören macht man sich eher Sorgen, als dass sich Identifikation einstellen würde. Die Verwandlung, noch einmal konkretisiert: Während im Metal sonst meist maskuline Stärke versprochen wird, windet sich auf »Into Dark Science« alles im Unglück, mit allerlei Geschabe und Gerumpel und Totenglocken im Hintergrund und immer wieder mit einem Überschlag in der Stimme, der eine solche Stärke nicht mehr als cool erscheinen lässt.

Metal ist Körperpanzermusik. Wenn man sich »Into Dark Science« spaßeshalber mit Klaus Theweleits »Männerphantasien« im Gepäck anhört, müsste es auch an den Texten diverser Autorinnen liegen, die im Konzept von Phantom Winter Präsenz entfalten, dass diese Musik in ihrer Verzweiflung lebendiger wirkt als ein Großteil der traditionellen Souveränitätssimulationen, die das Genre dominieren. Die Band zitiert in ihren Texten und im Booklet etwa Mary Shelley, Sylvia Plath und Adrienne Rich: »The problem, unstated until now, is how to live in a damaged body in a world where pain is meant to be gagged uncured ungrieved over. The problem is to connect, without hysteria, the pain of anyone’s body with the pain of the world’s body.« Das Leiden des Körpers, der immer stark sein muss, das Leiden an der Unverbundenheit mit der Welt: Was quält, soll weg, will aber nicht weichen. Davon handelt diese Musik, die eine Stärke transportiert, die von der eigenen legitimen Schwäche weiß. Das traut sich im Genre sonst kaum einer.

Phantom Winter: »Into Dark Science« (Golden Antenna Records)

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