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Kreuzzug der Entwicklung

70 Jahre nach Ausruf des American Way of Life stellt Alberto Acosta dem kapitalistischen Fortschrittsgedanken eine Bankrotterklärung aus

  • Von Alberto Acosta
  • Lesedauer: 3 Min.

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Die Illusionen, die nach der Rede von US-Präsident Harry Truman am 20. Januar 1949 ihre Wirkung mit großer Kraft entfalten konnten, lösen sich immer mehr in Luft auf. Damals hatte Truman erstmals das Politikziel der »Entwicklung« ausgerufen. Entwicklung würde sich im American Way of Life materialisieren, durch den auch die Werte der europäischen Aufklärung Wirklichkeit würden. Die historische Rede an die Nation war auch ein Aufruf zur Überwindung der »Unterentwicklung«, die laut Truman weiter Teile des Planten heimgesucht habe. Als Horizont, den es anzustreben gilt, wurden die großen Industriestaaten angepriesen. Damit war eine der weitreichendsten und dauerhaftesten Kreuzzüge der Menschheitsgeschichte angestoßen: »Entwicklung« sollte erreicht werden durch staatszentristische Annahmen, wobei der Markt als Organisator der Wirtschaft und Gesellschaft permanent das Ruder in der Hand hält.

Würden alle Länder den American Way of Life leben, dann bräuchten wir heute 5,1 Planten. Trotz Kritik an dieser Trumanschen »Entwicklung« wurde dieser Kreuzzug in den letzten Jahren weiter verstärkt. Heute bewegt sich die Entwicklungsvorstellung zwischen der einfachen Idee vom Wirtschaftswachstum, komplexeren Ansätzen wie »menschliche Entwicklung« bis zur »nachhaltigen Entwicklung«, um nur einige prominente Beispiele zu nennen. Mit der zunehmenden Abkühlung der Entwicklungseuphorie rund um den Globus wurden schließlich Diskussionen und Vorschläge stark, die Schritt für Schritt ein Post-Entwicklungs-Szenario entwarfen.

An dieser Stelle macht es Sinn die Frage zu stellen, wie es in den Ländern aussieht, denen die »Entwicklung« gelungen ist. Es ist doch ganz offensichtlich: Diese Länder sind Gefangene der Fortschrittsfalle, man sollte besser von »Schlechtentwicklungsländern« reden. Denn es mehren sich zweifelsfrei die Anzeichen dafür, dass die »Entwicklung« diese Länder in schwere Widersprüche, Konflikte und offensichtliche Probleme stürzt. In diesen Ländern, die sich zum Großteil auf Kosten der Unterentwicklung vieler anderer abhängiger Länder bereichern, welche zu Rohstoff-Lieferanten degradiert wurden, lassen sich die Schwierigkeiten nicht mehr verstecken: Die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, die ihren Ausdruck zum Beispiel in der unerträglichen Kinderarmut (USA: 32 Prozent; Deutschland: 21 Prozent) und übergewichtigen Jugend findet. Die breite Unzufriedenheit, sogar bei denen, die in materiellem Überfluss leben. Die steigende Gewalt, die sich in Rassensegregation, Neo-Faschismus, wachsender Kriminalität, Einsamkeit und Selbstmorden zeigt. Die Unfähigkeit auf Massenarbeitslosigkeit zu reagieren, während gleichzeitig die Zerstörung der Natur unaufhaltsam weitergeht. Auch Länder, die in den letzten Jahren als »erfolgreich« bezeichnet wurden beschreiten denselben Weg. Wir sehen Länder wie China, das bei der Umsetzung ihres »Rechts auf Entwicklung« die soziale Ungleichheit weiter vertieft und die Natur bei seiner Jagd auf natürliche Ressourcen mit sich reißt. So ist China zum größten CO2-Emittenten der Erde aufgestiegen. In drei Jahren, 2011, 2012 und 2013, hat China 6,5 Milliarden Tonnen Beton verbaut: 1,5 Mal so viel wie die Vereinigten Staaten im gesamten 20. Jahrhundert.

Nicht alle Länder leiden gleich an den Folgen dieser »schlechten Entwicklung«. Die Länder der Peripherie bekommen mehr zu spüren als die Länder in den kapitalistischen Metropolen. Wir haben es mit der komplexen Situation zu tun, dass die verarmten Länder weiterhin von den Logiken kapitalistischer Kapitalakkumulation abhängen, bei denen die verschiedenen Formen des Extraktivismus – Bergbau, Erdöl, Agrarwirtschaft, Fortwirtschaft, Fischereiwesen – eine entscheidende Rolle spielen und sich zunehmend brutal verschärfen. Auch die Regierungen in diesen Ländern bleiben der Leitidee der »Entwicklung« weiter verhaftet. Dabei gibt es alternative Konzepte von Wohlstand und gutem Leben, rund um die Erde, vor allem von marginalisierten Bevölkerungen, von den Ausgebeuteten, von den indigenen Völkern. 70 Jahre nach Beginn des verrückten Rennens hinter dem Gespenst der Entwicklung muss dieser Aberglaube, der im Westen fast wie eine Religion propagiert und gelebt wird, weiter kritisiert werden.

Redaktion/Übersetzung: Benjamin Beutler

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