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Wissen wir, wer wir sind?

Cyrill Stieger über vergessene Minderheiten auf dem Balkan

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Siedlung einer vergessenen Minderheit – hier der Roma – am Rande von Belgrad
Siedlung einer vergessenen Minderheit – hier der Roma – am Rande von Belgrad

Über den Inhalt dieses Buches, dessen Erscheinen lange schon überfällig war, kann, ja muss man streiten. Es geht um die wichtige Frage, wie sich die dort existierenden ethnischen Minderheiten fühlen, sich selbst interpretieren, was ihre Identifikationsmerkmale sind und wie sie sich national zuordnen. Also die uralte Frage: Wer sind wir, woher kommen wir und was wird unter dem Druck moderner staatsbildender und globaler Prozesse aus uns? Auch die Deutschen, die zahlenmäßig groß und überaus präsent sind, sollten sich fragen: Wissen wir überhaupt noch, wer wir sind und wer wir sein wollen?

Der Schweizer Cyrill Stieger, Slawist, Osteuropahistoriker und langjähriger Auslandskorrespondent der »Neuen Zürcher Zeitung«, hat sich nun, auch aus aktuellem Anlass, diesem schwierigen Problemkomplex anhand der kleinen, halbvergessenen Völkerschaften im Südosten Europas, exakter: auf dem Balkan, zugewandt. Zentraler Punkt seiner Darstellung sind umstrittene und auch konkurrierende ethnische, religiöse und sprachliche Identitäten, persönliche und kollektive Identitätskonstruktionen der Minderheiten sowie die Motive und Kriterien, die über die jeweilige Zugehörigkeit zu einer Volksgruppe entscheiden.

Die ersten vier Kapitel des Buches behandeln die auf 2,5 Millionen geschätzten Muslime slawischer Herkunft, das heißt, die Torbeschen in Makedonien, die kaum jemand kennt (auch der Rezensent wusste nichts von ihnen), und die Pomaken im Süden Bulgariens und im Norden Griechenlands. Die anderen drei Kapitel sind den Aromuren in Makedonien, bekannter unter dem offiziellen Namen Vlachen, den Istrorumänen in Kroatien und den Uskoken an der kroatisch-slowenischen Grenze unweit von Zagreb gewidmet. Eine der weniger vergessenen balkanischen Minderheiten dürften die Pomaken sein, auf die hier näher eingegangen werden soll. Bei ihnen überschneiden sich Ethnie, Sprache und Religion in augenfälliger Weise, sodass sie selber nicht mehr wissen, wer sie eigentlich sind.

Hinzu treten noch, wie Stieger deutlich werden lässt, nationale Vereinnahmung, Assimilation, Anpassung oder Zwang. Als Beispiel führt er den Hodscha einer Moschee im Dorf Sărnica in den bulgarischen Westrhodopen an, der sich als Muslim und als Pomake und als bulgarischen Staatsbürger mit islamischem Glaubensbekenntnis bezeichnet. Er will kein Türke sein, fühlt sich andererseits aber durch den offiziellen Begriff »Bulgaro-Mohammedaner« in seinem Selbstverständnis verletzt.

Viele Pomaken sprechen eine türkisch-bulgarische Mischsprache (Pomakisch). Im Zuge politischer und ethnischer Homogenisierung wurden in den 1970er Jahren in Bulgarien auf administrativem Wege die türkisch-arabischen Vornamen der Pomaken, auch der in Bulgarien lebenden Türken, getilgt und durch bulgarisch-slawische ersetzt. Manche versuchten, sich dieser Maßnahme zu verweigern, doch die meisten - wie der Rezensent aus persönlichen Begegnungen weiß - sahen die Sache gelassen. Für sie war es eine Äußerlichkeit.

Um die ethnische Bestimmtheit der Pomaken gibt es lange schon Streit, der dadurch erschwert wird, dass, so Stieger, »für die Pomaken der Islam ein zentrales Element ihrer Identität« darstellt. Deshalb ist es notwendig, zum Ausgangspunkt zurückzukehren, zu den Anfängen ihrer Ethnogenese. Egal, ob als Vorfahren der Pomaken turksprachige Petschenegen und Kumanen oder Reste der Thraker, des - nach Herodot - größten Urvolks auf dem Balkan, angenommen werden, die daran anknüpfenden Überlegungen gehen letztlich in die Irre. Vor mehr als 3000 Jahren gab es auf dem Balkan weder Osmanen, noch Islam oder Christentum. Die eigentlich historische Zäsur und damit der Anfangspunkt der nachfolgenden Problematik wurden durch die türkische Eroberung der Balkanländer und ihre teilweise, mitunter nur oberflächliche Islamisierung gesetzt - noch vor dem 1453 erfolgten Fall Konstantinopels.

Seit 681 existierte das christliche 1. Bulgarische Reich, seit 1185 das 2. Bulgarische Königreich, das 1393 osmanisch wurde. Bis dahin lebte in dessen Grenzen eine christliche, vornehmlich slawisch sprechende Bevölkerung. Teile dieser Bevölkerung, nicht nur in den Rhodopen oder dem Rilagebirge, traten nach der osmanischen Eroberung freiwillig zum Islam über oder wurden zwangsislamisiert. Der Rezensent hat in den 1970er Jahren im Pomakengebiet an von Archäologen freigelegten mittelalterlichen Gräbern gestanden, die oben nach muslimischem Brauch angelegt worden waren, unten aber einer christlichen Bestattung dienten.

Bis heute ist die Islamzugehörigkeit - nicht nur in Bulgarien - eine fragwürdige Scheidelinie geblieben. Ist derjenige, der dem muslimischen Glauben anhängt, ein Türke, wie gern behauptet wird, oder ein ehemals bulgarisch-slawischer Christ? Für die Betroffenen ist es nicht leicht, eine Wahl zu treffen. Sehr undurchsichtig ist die Lage der Pomaken auch in Griechenland, wo sie es besonders schwer haben, eine Antwort auf die Frage zu finden, wer sie sind.

Stieger klärt auf, vermittelt Wissen, legt Probleme offen und rät zum Miteinander, suggeriert jedoch keine Lösungen. Die Welt der balkanischen Minderheiten wird künftig enger werden, manche werden als kulturelle Entitäten weiterleben, auch ohne eigene Sprache, andere allmählich verschwinden. So ist der Lauf der Dinge.

Cyrill Stieger: Wir wissen nicht mehr, wer wir sind. Vergessene Minderheiten auf dem Balkan. Paul Zsolnay Verlag, 286 S., geb., 23 €.

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