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Hier und jetzt

Martin Leidenfrost besuchte eine Aktivistin für die Rechte sexueller Minderheiten in Transnistrien

  • Von Martin Leidenfrost
  • Lesedauer: 4 Min.

Einmal will ich auch tun, was westliche Journalisten dauernd machen, nämlich über Diskriminierung Homosexueller in Osteuropa schreiben. Da ich Transnistrien gut kenne, wähle ich diese von 1990 bis 1992 unter hohem Blutzoll von Moldawien abgespaltene, von keinem Staat anerkannte Russenrepublik. Dort wurde eine Fotoausstellung homosexueller Lebensgeschichten nach einer Intervention des KGB abgesagt. Ja, der Geheimdienst heißt in Transnistrien KGB.

Die transnistrische LGBTIQA-Bewegung wiederum heißt Carolina Dutca. Die Macherin der abgesagten Ausstellung, so wird mir versichert, sei die einzige Aktivistin für LGBTIQA-Anliegen in Transnistrien. Die zwei Gründer einer Queer-Gruppe im russischen Netzwerk Vkontakte sind inzwischen weg, emigriert nach Moldawien und Portugal. Dutcas Monopol hat auch Vorteile, ihre Arbeit wird von einigen transparent aufgelisteten West-NGOs gesponsert.

An einem heißen Tag betritt sie die klimatisierte Filiale einer Pfannkuchen-Restaurant-Kette in ihrer Heimatstadt Bendery. Die 23-Jährige hat einen Wal eintätowiert, daneben die Worte »hier und jetzt«. Über Bendery weiß sie nicht viel, sie lebt in Kischinau und Tiraspol, und über transnistrische Politik weiß sie noch weniger als ich. 2016 brach sie ihr Medizinstudium ab, »nicht wegen dem KGB, sondern wegen der konservativen Uni-Leitung«. Seither ist sie »dokumentarische Fotografin«, die »Aktivismus durch Kunst« macht. Ihr Projekt gegen häusliche Gewalt wurde von der Regierung begrüßt, und ihre Umfrage über die etwaige Einführung genderneutraler Sprache ergab, dass 60 Prozent der Frauen dies neutral oder positiv sähen; Frauen über 45 wurden allerdings nicht befragt.

Carolina Dutca ist bisexuell. »Ich persönlich habe kein Problem, mich ziehen sowohl Männer als auch Frauen an.« Ihr Engagement habe mit den Klagen eines schwulen Freundes darüber begonnen, dass er zwar beruflich erfolgreich sei, seine Orientierung aber verbergen müsse. Ich frage sie nach homophober Gewalt. Ihr fällt ein Fall ein: Eine Lesbe sei vom Sohn eines Politikers zusammengeschlagen worden, daraufhin sei aber das Opfer und nicht der Täter 48 Stunden lang inhaftiert worden. Ich erzähle ihr, elf Jahre später immer noch bass erstaunt, dass ich einst zwei Frauen in einer transnistrischen Disko schmusen sah. Dutca, auch ein bisschen verwundert: »Ich gehe nicht in Diskos, aber wenn das hier zwei Männer tun, weiß ich nicht, ob sie es überleben.«

Dutcas Homosexuellen-Ausstellung, die unter www.nosilence.tilda.ws angesehen werden kann, war bereits im Vorfeld ein Skandal. Aufgrund von Hasskommentaren im Internet »befürchteten mögliche Zuschauer, dass sie in der Ausstellung abgefackelt werden. Ich sagte die Ausstellung selbst ab.« Der noch größere Skandal war, dass Dutca die vorangegangene Intervention des KGB nicht für sich behielt, sondern heimlich mitschnitt und das Transkript online stellte: »Niemand machte sein Problem mit dem KGB je öffentlich. Das erschreckte sie.«

Die Lektüre dieses Transkripts ist ein Genuss. Die Sprache des KGB-Offiziers verrät Bildung und Schulung, er zeigt sich mehr um die Sicherheit der jungen Frau als um die Verteidigung der »Nationalideologie« besorgt. Als Dutca sich weigert, eine Verschwiegenheitserklärung zu unterschreiben, versucht er es mit Humor: »Nun, ich setze Ihnen keine Pistole an die Schläfe.« Da Dutca nicht unterschreibt, sagt der KGB-Mann: »Gut. Hier und jetzt begehen Sie einen unverzeihlichen Fehler, den Sie erst ein klein bisschen später begreifen werden. Ich rufe dazu auf, meine Worte nicht als Drohung aufzufassen, sondern schon ein klein bisschen sozial verantwortlich zu sein.« Die Drohung, sie könnte von der Uni fliegen, leitet er folgendermaßen ein: »Womöglich wird Ihnen durchdringendere Aufmerksamkeit zuteil.«

Transnistriens einzige LGBTIQA-Aktivistin überlegt immer wieder, das Land zu verlassen. Wohin würde sie gehen? »Als Trägerin dieser Kultur nach Russland, auch wenn dort Gefahr besteht.« Sowohl in Russland als auch in Transnistrien verbietet ein Gesetz »Homopropaganda« gegenüber Kindern, weshalb auf Dutcas Webseite die Warnung »18+« erscheint. Dennoch erscheint ihr Russland als das freiere Land, »dort gibt es oppositionelle Medien, hier nicht«. Im Moment will sie bleiben, wird sie doch seit ihrem KGB-Skandal in Ruhe gelassen. Was glaubt sie, warum lässt man sie in Ruhe? »Vielleicht störe ich gar nicht so sehr.«

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