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Der Sommer mit Panini

Abseits! Die Feuilleton-WM-Kolumne

  • Von Nelli Tügel
  • Lesedauer: 3 Min.

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Bis vor vier Jahren gehörte ich zu den Glückseligen, die bei Panini an etwas zu Essen denken. Dann kam die Fußball-WM in Brasilien - und ich verlor meine Unschuld. Angefangen hatte es ganz harmlos: Der Sohn brachte vom Leichtathletiktraining ein Sammelalbum mit, das dort an alle Kinder verschenkt worden war. Im Stile von Drogendealern, die zum Anfüttern kostenlos Stoff verteilen, um wehrlose Jugendliche abhängig und so zu regelmäßigen Käufern zu machen, hatte die Firma Panini Unmengen dieser Alben an Berliner Sportvereine gegeben, mit ein paar Stickern zum Einstieg. Wie verkommen das war, wurde mir erst später klar. Zunächst missverstand ich das Ganze als nette Geste.

In den folgenden Wochen regierte das Panini-Sammelalbum unser Leben. Um Geld für neue Stickertütchen zu beschaffen, machte der Sohn einen aufwändigen Flohmarktstand. Was bei Siebenjährigen heißt: Ich machte einen aufwändigen Flohmarktstand. Wer schon einmal am Sonntag die Kreuzberger Prinzessinnengärten besucht hat, weiß: Sich mit der Mafia einzulassen hätte ein geringeres Opfer bedeutet.

Apropos: Mafiöse Züge nahm rasch der Handel an, den die Kinder auf dem Schulhof betrieben. Meines schwatzte einem Klassenkameraden alle Sticker, die dieser besaß, ab im Tausch für einen Thomas Müller. Was wiederum diplomatische Irritationen unter uns Eltern nach sich zog. Irgendwann griff die Schule ein, untersagte den Stickertausch und bot dafür nachmittägliche, von Horterziehern moderierte Tauschbörsen an. Sämtliche Freizeittermine mussten geopfert werden, damit der Sohn an diesen auch teilnehmen konnte.

Das Geldproblem blieb und wuchs sich mit fortschreitender WM aus. Denn je mehr sich das Album füllte, desto exponentieller wuchsen die Ausgaben für die Stickertütchen. Logisch. Denn das Panini-System basiert darauf, dass manche Spieler viel seltener sind als andere. Der Fußball- und Sticker-uninteressierte Große meinte zum Kleinen, er habe gelesen, man könne seine Haare an Perückenmacher verkaufen. Eine selbstorganisierte Haareschneiden-Aktion ließ sich gerade noch verhindern.

Die im Sommer 2014 in das Management des Sammelalbums investierte Lebenszeit werde ich nie zurückbekommen. Neben Flohmarkt, Elterngesprächen und Tauschbörsen-Terminkoordination war da zum Beispiel noch der Tag gegen Ende der WM, als das Kind auf das inzwischen fast volle Stickeralbum kotzte. Bis tief in die Nacht saß ich da und löste unter Einsatz von Wasserdampf jeden einzelnen Sticker, um sie in ein neues, sauberes Album zu kleben.

Dann fuhren wir um das Finale herum in die Sommerferien. Am Nordseestrand erzählte mir eine Leidensgenossin, man könne auf der Panini-Internetseite einzelne Aufkleber für ein paar Cent pro Sticker bestellen. Nachdem der folgende hysterische Lach-Wein-Krampf überwunden war, orderte ich die fehlenden Spieler, um sie - wiederum in einer nächtlichen Aktion - mithilfe eines aufwändigen Verfahrens in Stickertütchen zu verteilen und diese so zu verkleben, dass sie wie neu gekauft aussahen. Es funktionierte. Am Tag des Finales war das Album voll. Und ich reif für eine Kur.

Vier Jahre sind seither vergangen, aber der Sommer 2014 sitzt mir noch immer in den Knochen. Als ich vor einigen Wochen einen Kiosk aufsuchte, war es dann da: Das neue Panini-Album. Da schon die EM nur noch halbherzig klebend vom Sohn begleitet worden war, hatte ich zwar Hoffnung, dass der Kelch diesmal vollständig an uns vorbeigehen möge. Aber sicher war ich nicht - und die Beklemmung, die Panik, die Atemnot - sie ließen sich nicht unterdrücken. Daheim fragte ich so beiläufig wie möglich, ob denn dieses Jahr wieder »Kinder in der Klasse« zu sammeln vorhätten. Nein, das sei out, lautete die Antwort. Der Seufzer der Erleichterung muss in ganz Moabit zu hören gewesen sein. Zum Beginn dieser WM kann ich also befreit von jedem Druck verkünden: Wir sind raus, Panini, ihr könnt uns mal! Und diese Kolumne, sie ist allen Eltern gewidmet, denen der Sammel-Terror nun bevorsteht.

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