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  • Seenotrettung im Mittelmeer

»Europa hat sich von humanitären Werten wegbewegt«

Verena Papke von SOS Mediterranée im Interview über die Irrfahrt der »Aquarius« und die Zukunft der Seenotrettung

  • Von Fabian Hillebrand
  • Lesedauer: 4 Min.

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Nach tagelanger Irrfahrt ist das Rettungsschiff »Aquarius« am Sonntag in Valencia eingetroffen. Wie viele Stunden haben Sie in den letzten Tagen geschlafen?

Es war wahnsinnig stressig in den letzten Wochen – für die Leute an Land, wie für die Leute an Bord. Ich habe kaum geschlafen, war am Sonntag ab 5 Uhr morgens am Hafen, um das Einlaufen der Schiffe zu koordinieren. Wir wurden überrannt von den Medien. Das war absurd, über 600 Journalisten waren dort. Das ist natürlich gut, als spendenbasierter Verein brauchen wir eine solche Öffentlichkeit, auch unser politisches Anliegen braucht eine solche Öffentlichkeit. Aber wir sind mit dem Schiff schon hunderte Male in den Hafen eingelaufen, haben über 30.000 Gerettete in den letzten zwei Jahren an Land gebracht. Erst jetzt gab es solch ein Spektakel.

Wie haben sie das Einlaufen der »Aquarius« erlebt?

Ich habe das Schiff, wie gesagt, schon sehr oft einlaufen sehen. Diesmal war es aber ein sehr emotionaler Moment, als das Schiff nach dieser Odyssee endlich im Hafen lag und der erste Gerettete mit Tränen in den Augen von Bord ging. Auch für die Crew war es emotional, mit Handschlag und Umarmung haben sich die Menschen voneinander verabschiedet. In den letzten Tagen hatten die Menschen an Bord viel Zeit, sich kennenzulernen. Als die ersten Kinder von Bord gingen, war das für mich sehr emotional.

Wie geht es der Crew? Wie haben sie die Fahrt erlebt?

Die Crew findet es inakzeptabel, was passiert ist. In der Nacht von Samstag auf Sonntag haben sie bei einer Seenotrettung dutzende Menschen aus dem Wasser gezogen. Die Geretteten haben auf der Flucht zum Teil ihre Angehörigen verloren. Und diese Menschen werden durch die Gegend geschickt und sind ewig auf der Suche nach einem sicheren Hafen. Tagelang wusste die Crew nicht, wo sie jetzt hinfahren soll. Als es dann die Erlaubnis gab, nach Spanien zu fahren, sind wir mit dem Schiff an Korsika vorbeigefahren. Die Geretteten sehen Land, aber trotzdem müssen die Kranken kompliziert an Bord behandelt werden. Da gibt es schon viel Wut – auch bei der Crew. Am Ende sind wir aber vor allem erleichtert darüber, dass die Menschen unbeschadet in Europa angekommen sind.

Was bedeutet die Entscheidung der italienischen Politik, die Häfen dicht zu machen, für die Arbeit von ehrenamtlichen Seenotrettern?

Wir werden uns jetzt zusammensetzten und gucken, wie wir mit der Situation umgehen. Klar ist, dass wir weiter gebraucht werden. Menschen sterben da draußen. Und je weniger Seenotrettungsschiffe dort sind, desto höher ist die Zahl der Toten. Das ist einfach ein Fakt! Deshalb braucht es jetzt eine schnelle politische Klärung auf europäischer Ebene.

Kann man sagen, die »Aquarius« ist zum Spielball in einem europäischen Machtkampf geworden?

Ja, es ist ein Machtkampf, der auf dem Rücken von zivilen Seenotrettern, aber vor allem von Geflüchteten ausgetragen wird, die das Recht haben, Schutz zu suchen. Nach einer Rettung, das ist im Recht verankert, muss der nächste sichere Hafen angelaufen werden. Da wäre es gut, wenn sich alle Involvierten auch an diesen Rechtsrahmen halten.

Wie hat die deutsche Politik auf die Geschehnisse reagiert? Gab es Unterstützungsangebote?

Es gibt immer Einzelne, die sich melden. Die deutsche Politik ist insgesamt immer sehr leise, gerade wenn man das vergleicht mit dem, wie sich der französische Präsident Emmanuel Macron geäußert hat. Deutschland unterstützt eben auch den Aufbau der libyschen Küstenwache. Da werden Millionen in den Grenzschutz gesteckt. Das ist inhuman. Aber es ist auch nicht alleine die Schuld von Deutschland oder von Italien. Es braucht eine europäische Lösung. Denn der Fall der »Aquarius« hat gezeigt, wie weit sich Europa von humanitären Werten wegbewegt hat.

Was ist die Alternative, wenn Italien weiter die Häfen dicht hält?

Spanien ist keine dauerhafte Option. Wir sind jetzt 1400 Kilometer gefahren von der Rettungsstelle bis nach Valencia. Das dauert zu lange, wenn es Notfälle an Bord gibt. Tunesien ist auch kein sicherer Hafen. Humanitäre Grundvoraussetzungen sind dort nicht gegeben, es gibt kein funktionierendes Asylsystem. Und übrigens fliehen ja von dort aus auch viele Menschen. Ein Punkt, der oft untergeht, ist, dass wir uns gar nicht aussuchen, an welchen Hafen wir fahren. Wir fahren unter der Koordination der Rettungseinsatzstelle der Italiener. Die sind dafür zuständig, uns einen Hafen zuzuweisen.

Wann wird die »Aquarius« wieder auslaufen?

Wir sind jetzt erst einmal in Valencia. Unser Ziel ist es, in den nächsten Tagen wieder rauszufahren. Aber es ist auch klar, dass es einen zweiten Fall in der Art, wie die »Aquarius« ihn die letzten Tage durchgestanden hat, nicht geben darf. Dafür müssen jetzt die Voraussetzungen geschaffen werden.

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