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Hobbits und Hooligans

Eine Tagung zur »New Work« untersuchte unsere Angst vor der Freiheit angesichts eines gewandelten Arbeitsbegriffs

  • Von Tom Wohlfarth
  • Lesedauer: 5 Min.

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Im postfordistischen Kapitalismus wird Autonomie und Kreativität zum Zwang, die Freiheit selbst wird ausgebeutet
Im postfordistischen Kapitalismus wird Autonomie und Kreativität zum Zwang, die Freiheit selbst wird ausgebeutet

Der Mensch ist ein seltsam nachträgliches Wesen. Häufig bedenkt er Wesentliches erst dann, wenn es - zumindest vermeintlich - zu spät ist. So wird etwa in den vergangenen Jahren in der westlichen Welt so viel über Arbeit gesprochen wie gefühlt seit Menschengedenken nicht mehr, das allerdings zu einem Zeitpunkt, da uns von vielen Seiten versichert wird, dass aufgrund von Automatisierung die große Mehrheit von uns in sehr naher Zukunft überhaupt keine Arbeit mehr haben wird. Doch dieses Szenario ist natürlich ebenso übertrieben wie die hier eingangs aufgestellte Behauptung.

Bereits in den 1980er Jahren hat der österreichisch-US-amerikanische Philosoph Frithjof Bergmann den Begriff der »Neuen Arbeit« (»New Work«) geprägt, der heute seinen Weg durch die Chefetagen macht. Bergmann, der 87-jährig noch immer auf großen Tagungen zum Thema spricht, sieht das allerdings zwiespältig. So kritisierte er etwa die erste New-Work-Großveranstaltung im deutschsprachigen Raum, die »New Work Experience« des sozialen Business-Netzwerks Xing 2017 in Berlin, zu der er selbst als Hauptredner eingeladen war. Während es ihm um die Befreiung der Menschen aus den Zwängen der Lohnarbeit gehe, indem sie Arbeit als das zu definieren lernen, was sie »wirklich, wirklich wollen«, hätten auf der Tagung vor allem Führungskräfte zu anderen Führungskräften über Führungstechniken gesprochen, also darüber, »wie Unternehmen ihre Angestellten noch raffinierter domestizieren und ausbeuten können«, wenn sie Arbeit »flexibel und kreativ« organisieren. So Bergmann in einem Interview für ein Blog der Schweizer Tageszeitung »Der Bund«.

Etwas anders wollte es das junge New-Work-Portal »Priomy« mit seinem ersten Event »Die Angst vor der Freiheit« machen, das vergangenen Freitag in Berlin stattfand. Inhaltlich ging es unkonventionell zu. Unkonventionell war bereits das Veranstaltungsformat, eine Mischung aus klassischer Konferenz und sogenannter »Unkonferenz«, bei der die Teilnehmenden die Inhalte selbst gestalten. So standen sechs von den Veranstaltern eingeladenen Workshops sechs von den Teilnehmern angebotene Sessions gegenüber, über die im Vorfeld online abgestimmt werden konnte. Äußerst breit gerahmt wurde das Ganze durch drei Keynotes aus den Bereichen Kunst, Politik und Wirtschaft. Anstatt also die Führungskräfte unter sich zu lassen und nur am Ende noch pro forma einem alten Meister zu huldigen, begann die Konferenz bereits ultimativ erbaulich mit einer Keynote der in Südafrika geborenen und in England lehrenden Künstlerin Shelley Sacks, die - orientiert an ihrem Lehrer Joseph Beuys - mit ihren Zuhörern eine »soziale Plastik« zu formen versuchte.

Die Bonner Philosophin Inga Ketels berichtete in ihrer von den Teilnehmenden ausgewählten Session von den Schattenseiten der selbstbestimmten Arbeitsgestaltung. Im postfordistischen Kapitalismus würden Autonomie und Kreativität zum Zwang, die Freiheit selbst werde ausgebeutet, Fremdausbeutung werde zu Selbstausbeutung in der Illusion von Selbstverwirklichung. Damit machte Ketels deutlich, was »neue Arbeit« bedeuten kann, solange Macht- und Systemfragen nicht gestellt werden, geschweige denn beantwortet sind. Folge: Die Generation Z wie Zukunft wird zur Generation A, einer Generation mit Angst vor der Freiheit.

Hier hätte nun die Politik ins Spiel kommen können, wenn deren Sprachrohr auf der Tagung, der US-Politologe Jason Brennan, mit seinem 2017 auf deutsch erschienenen Buch Gegen Demokratie nicht provokativ jegliche Erwartung an die Demokratie zurückgewiesen hätte. Brennan unterteilt die politische Menschheit in Hobbits und Hooligans: Die einen interessieren sich nicht für Politik, die anderen zu sehr. Hooligans sind zwar gut informiert, dabei aber bedingungslos parteiisch. Hobbits sind zwar gutmütig, aber ahnungslos. In seinem unterhaltsamen Vortrag illustrierte Brennan zwar anhand seiner Schwiegereltern den Übergang der einen Gruppe zur anderen, er versäumte allerdings, seine Terminologie zu Ende zu denken. Sind doch Hobbits zwar von sich aus völlig desinteressiert an dem Kampf zwischen Gut und Böse, der um sie herum tobt. Doch einmal in die Pflicht genommen, erweisen sie sich letztlich als die eigentlichen Helden. Hier ließe sich also gut auch gegen Brennan für mehr Demokratie argumentieren, für eine Wahlpflicht etwa.

In der Diskussion gestand Brennan immerhin noch zu, dass demokratische Partizipation besser im kleinen Maßstab funktioniere und dies auch auf Unternehmen zutreffe. Die »Unternehmensdemokratie«, wie sie etwa einer der Organisatoren der Konferenz, der Autor und Berater Andreas Zeuch, propagiert, ist also auch für Brennan nicht völlig aufzugeben. Ob sie sich allerdings in Arbeitgeber-gesteuerten Maßnahmen wie der im Personalservice der Deutschen Bahn AG erschöpft, die dessen Leiterin Jessica Wigant in der dritten und letzten Keynote vorstellte, darf bezweifelt werden. Denn solange sich nicht auch die Art des Wirtschaftens unserer Gesellschaft ändert, bleibt wohl auch die größte »Organisationskunst« einer noch so partizipativen Unternehmensführung Makulatur.

Denn echte Freiheit könne nur dann verwirklicht werden, wenn demokratische Bürger auch an den wirklich relevanten politischen und polit-ökonomischen Entscheidungen teilhaben, so Shelley Sacks in der von Zeuch moderierten Abschlussdiskussion. Brennan übte dagegen Selbstkritik an seiner Zunft der Lehrer und Professoren, die ihren Schülern unter all der »Workload« den Geschmack für die Freiheit nicht zu vermitteln vermögen. Und Wigant machte immerhin Hoffnung, dass der Abbau klassischer Arbeitsstellen die Notwendigkeit neuer Stellen - und »neuer Arbeit« - nach sich ziehen werde. Die Partizipation wurde auf dem Podium schon einmal geübt, wo sich auf einem frei gehaltenen Platz auch das Publikum auf Augenhöhe an der Diskussion beteiligen konnte.

Wer allerdings noch immer nicht genug vom Thema hat und sich noch einmal vergewissern möchte, wie lebendig die totgesagte Lohnarbeit sein kann, in der Darstellung derer, die ihrer gedenken, der kann sich auch die bewegende Produktion After Work der Polyrealisten an der Berliner Schaubühne ansehen, die dort am vergangenen Samstag Premiere hatte und noch bis Ende der Woche gespielt wird.

Hier wie dort wird deutlich: Das Ende der Arbeit wird uns noch genug Arbeit machen.

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