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Die Revolution in der Gesäßtasche

Der Sammelband »Ein kleines rotes Buch« zeigt, in welchem Ausmaß eine Schrift eine ganze Generation prägte

  • Von Christopher Wimmer
  • Lesedauer: 4 Min.

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Mit einer Mischung aus Stolz und Scham zeigte mir einmal ein Oberstufenlehrer an meinem bayerischen Gymnasium vor einer Schulstunde ein kleines rotes Buch und einen Zeitungsartikel aus der »Süddeutschen Zeitung« aus den 70er Jahren. Jeglicher Kommunismussympathie unverdächtig, war die Zeitungsseite tatsächlich aufregend: Bei dem Artikel handelte es sich um den Bericht über eine Demonstration von Studierenden in München. Auf dem Bild zum Artikel sieht man den Lehrer, damals noch jung, unter einem Schild mit dem Konterfei Maos. Und dazu das kleine rote Buch: die chinesische Ausgabe der »Worte des Vorsitzenden Mao Tse-Tung«, die sogenannte Mao-Bibel. Er hatte sie sich gekauft, ohne je ein Wort Chinesisch sprechen zu können.

Was machte den Reiz Maos und seiner Schriften aus, dass diese selbst auf Studierende im katholischen und konservativen Bayern solch einen Einfluss hatten? Der Frage, wie die Mao-Bibel im Zuge von 1968 zum ultimativen revolutionären Accessoire der Studentenbewegung geworden ist, geht nun der jüngst erschienene Sammelband »Ein kleines rotes Buch. Über die Mao-Bibel und die Bücher-Revolution der Sechzigerjahre« nach.

Die Mao-Bibel, jene Zusammenstellung von Parolen und Sinnsprüchen des chinesischen Revolutionärs und ersten Präsidenten der Volksrepublik China Mao Tse-Tung, erschien 1967 das erste Mal auf Deutsch. Schnell wurde sie zum Kultobjekt für die rebellierenden Studierenden in Westeuropa. Die Herausgeber_innen der Anthologie zeigen in ihrer kenntnis- und detailreichen Einführung des Bandes die Bedeutung des Buches für diese Bewegung auf. Anhand der verschiedenen Ausgaben und Vorworte der Mao-Bibel beschreiben sie auch die wechselhafte Rolle, die dem Buch von verschiedenen Fraktionen der kommunistischen Partei in China gegeben wurde. Die Erläuterung, wie ein Text, der als kreative Weiterentwicklung des Marxismus-Leninismus gedacht war, versteinerte und sich selbst zum Dogma entwickelte, ist hierbei von großem Interesse.

Besonders lehrreich wird das Vorwort dort, wo es die Bedeutung des Buches für Westdeutschland beschreibt: H,ier bot der Maoismus eine Möglichkeit, sich von der DDR und der Sowjetunion abzugrenzen und trotzdem revolutionär zu sein. Mao wurde zum Sinnbild für Antiimperialismus und die Befreiungskämpfe der »Dritten Welt«.

Die weiteren Beiträge beschäftigen sich mit so unterschiedlichen Themen wie der Geschichte der Verbreitung des Buches oder auch seiner Gestaltung. Durch dessen einfache Darstellungsweise stand die Form häufiger im Zentrum als der Inhalt. Man mag nur mutmaßen, ob das Buch auf Demos häufiger geschwenkt als auch wirklich gelesen wurde. Ohne Zweifel war es ein »fotogenes Zeichen einer weltweiten revolutionären Jugendbewegung«, wie es Bedendikt Sepp in seinem Beitrag schreibt. Die Mao-Bibel verband dabei Intellektualität, ein politisches Statement und Popkultur.

Mascha Jaboby zeichnet in ihrem spannenden Beitrag die Rolle des Verfassungsschutzes bei der Verbreitung des Maoismus nach. Dieser habe maoistische Schriften verschickt, um sowjettreue Kommunist_innen mit den Ideen Maos zu verunsichern: Seit 1956 waren die Sowjetunion und China im Streit darüber, wer den Sozialismus noch wirklich vertrete.

Die Beiträge machen auch deutlich, wie die Lektüre Maos in den 60er Jahren mit einer Revolutionierung des Alltags einherging. Die Zitate konnten verschieden kombiniert und daher offen ausgelegt werden. In den 70er Jahren änderten sich die Lesepraktiken der Mao-Schüler_innen aber hin zur autoritären Kanonisierung durch die K-Gruppen. Diese waren miteinander konkurrierende kommunistische Kaderorganisationen, ein Zerfallsprodukt des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes.

Im Vorwort schreiben die Herausgeber_innen, dass der Text der Mao-Bibel uns fremd geworden sei. Dies stimmt. Jenseits von Splittergruppen, die selbst innerhalb der radikalen Linken niemand ernst nimmt, bezieht sich heute kaum jemand noch auf Mao.

Den verschiedenen Beiträgen des Bandes gelingt es, die umfassende Bedeutung des Buches für die Studentenbewegung nachzuzeichnen. Interessant wäre es noch gewesen, mehr über die Praktiken der maoistischen Akteure jener Zeit zu erfahren. Ebenso hätte es dem Buch gut getan, sich nicht als literaturwissenschaftlich informiertes Geschichtsbuch zu genügen. Es hätte eine Aktualität entfalten können, indem es Traditionslinien innerhalb der Linken aufdeckt, die bis heute wirken. Auch das aktuelle Verhältnis der Linken zu Autoritäten oder Theorie wäre einen Blick wert gewesen. Das Buch liefert hierzu erste Schlaglichter, mit denen man nun selbst weiterdenken kann.

Anke Jaspers, Claudia Michalski und Morten Paul (Hrsg.): Ein kleines rotes Buch. Über die Mao-Bibel und die Bücher-Revolution der Sechzigerjahre. Matthes & Seitz, 240 Seiten, 28 Euro.

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