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Theater im »Polarisierungslabor«

Dresdner Forscher untersuchen Agieren von Kultureinrichtungen in Zeiten von Pegida & Co.

  • Von Hendrik Lasch, Dresden
  • Lesedauer: 3 Min.

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Als das islamfeindliche Pegida-Bündnis seine Kundgebungen im Laufe des Jahres 2015 immer wieder vor der Semperoper in Dresden veranstaltete, zeigte das Theater Flagge - genauer gesagt: drei Flaggen. Sie trugen die Aufschriften »Türen auf!«, »Augen auf!« und »Herzen auf!« und waren als deutliche Kritik an den Äußerungen der Pegida-Redner zu verstehen, die Zuwanderung strikt ablehnten. Auch andere Kultureinrichtungen bezogen klare Position in der gesellschaftlichen Debatte um Migration und Integration. Das Staatsschauspiel Dresden etwa lädt seit Langem zu einer Reihe namens »Montagscafé«, deren Anliegen in den Satz gefasst wird: »Eine offene Gesellschaft braucht Freunde.«

Jetzt wird dieses Verhalten der renommierten Theater und anderer Kultureinrichtungen zum Thema für die Forschung. Das Zentrum für Integrationsstudien an der Technischen Universität Dresden will untersuchen, welche Rolle Kunst und Kultur in einer »polarisierten Stadt« spielen. Sachsens Landeshauptstadt als »Wiege und Bühne« der hier im Herbst 2014 entstandenen Pegida-Bewegung sei zwischen Willkommenskultur und »Angst vor Überfremdung« gespalten und deshalb eine Art »Polarisierungslabor«, sagte die Soziologie-Professorin Heike Greschke. Mit dem Forschungsprojekt, das bis Mai 2019 läuft, soll herausgefunden werden, ob Kunst und Kultur eine vermittelnde Rolle einnehmen und welche Möglichkeiten und Grenzen ihr Engagement hat.

Etliche Dresdner Kultureinrichtungen seien angesichts der scharfen Kontroversen schon Ende 2014 »sehr aktiv« geworden, sagt Eva-Maria Stange, sächsische Ministerin für Kunst und Wissenschaft. Die Häuser seien »auf Weltoffenheit und Toleranz angewiesen«, betont die SPD-Politikerin - weil sie internationale Gäste anziehen, aber auch Schauspieler, Tänzer und Musiker aus dem Ausland in ihren Ensembles haben. Stange bezeichnet die Kultureinrichtungen als »Seismografen für Prozesse, die wir im ganzen Land spüren«. Allerdings sei bisher unklar, wie genau sie selbst ihre Rolle in der gesellschaftlichen Debatte sehen, sagte Stange, deren Ministerium das Forschungsprojekt an der TU mit gut 100 000 Euro fördert. In Anspielungen auf Diskussionen im brandenburgischen Cottbus merkte die Ministerin an, dass manche Theater es ablehnten, sich zu politisieren. »Solche Fragen wurden hier nicht gestellt - zumindest nicht laut«, sagte Strange. Vielmehr hatte Wilfried Schulz, damaliger Intendant des Staatsschauspiels, im April 2015 gesagt: »Kunst kann gar nicht anders, als Stellung zu beziehen.«

Die Forscher der TU Dresden wollen nun untersuchen, ob das auch für andere Kultureinrichtungen zutrifft und welche internen Diskussionen einer solchen Positionierung womöglich vorausgehen. Es soll auch gefragt werden, ob sich die Häuser als »Räume für Vermittlung und Dialog« sehen oder in der Kontroverse einseitig Partei ergreifen und so »den Antagonismus von ›wir‹ und ›sie‹ verfestigt« hätten, sagte Greschke: »Auch das ist ein Eindruck, der entsteht.« Sie sprach von einem »Sog der Positionierung«, in den auch das im Jahr 2016 gegründete Zentrum für Integrationsstudien immer wieder einmal gerate.

Um ihre Fragen zu beantworten, wollen die Wissenschaftler nach Angaben der Soziologin zunächst eine »Vermessung der Kulturlandschaft« vornehmen. Die ist auch in Dresden nicht homogen. Eine Buchhandlung im Stadtteil Loschwitz etwa gilt zunehmend als Anlaufpunkt für Anhänger der AfD; ihre Inhaberin Susanne Dagen gehört dem Kuratorium der AfD-nahen Desiderius-Erasmus-Stiftung an. Denkbar sei auch, dass Kultureinrichtungen von den Debatten »völlig unberührt« geblieben seien, sagte Greschke - was die Frage aufwerfe, »wie das geht«. Neben der allgemeinen Bestandsaufnahme soll es eine detaillierte Fallanalyse geben. Diese »Tiefenbohrung« findet am Deutschen Hygiene-Museum Dresden am Beispiel der dort derzeit gezeigten Sonderausstellung zum Thema Rassismus und von deren Begleitprogramm statt.

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