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Obstsalat mit roter Dessertsoße

Seit geraumer Zeit ist eine linke Sammlungsbewegung angekündigt. Doch die gibt es schon, meint Christian Klemm

  • Von Christian Klemm
  • Lesedauer: 3 Min.

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Ein Gespenst geht um in Deutschland - das Gespenst der Sammlungsbewegung. Alle Mächte der Republik haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen dieses Gespenst verbündet, die Kipping und der Riexinger, Habeck und Kühnert, linksradikale G20-Aktivisten und antideutsche Israelfans.

Mit diesem bearbeiteten Anfang aus dem »Kommunistischen Manifest« kann man die linke Mehrheitsmeinung zur Sammlungsbewegung von Sahra Wagenknecht, Linksfraktionschefin im Bundestag, und ihrem Ehemann Oskar Lafontaine, beschreiben. Bis auf wenige Ausnahmen lässt niemand ein gutes Haar an dem Vorhaben, das sich die beiden bei Jean-Luc Mélenchon und seiner Bewegung »Unbeugsames Frankreich« abgeguckt haben und das ab September an den Start gehen soll. Das Problem ist nur: Es gibt schon eine Sammlungsbewegung in Deutschland. Und die heißt Linkspartei.

Man erinnere sich: 2002 hatte die PDS den Wiedereinzug in Bundestag verfehlt. Sie war dort nur noch durch »die letzten sichtbaren Überbleibsel des Real-Sozialismus« (»Spiegel«) vertreten: Petra Pau und Gesine Lötzsch. Die Partei lag darnieder. Dann kam die Agenda 2010 samt Hartz-Schweinereien, sprich: der größte Sozialabbau der Bundesrepublik, durchexerziert von einer vermeintlich fortschrittlichen Bundesregierung aus Sozialdemokraten und Grünen. Eine Steilvorlage für eine neue Partei links der Schröder-SPD. 2007 war es dann soweit: Die LINKE wurde in Berlin gegründet.

Die damalige Aufbruchstimmung war beinahe mit den Händen zu greifen. Verwunderlich war das nicht, schließlich entstand ein in der zersplitterten deutschen Linken vielversprechendes Projekt: Die verschnarchte PDS und die mit frischem Wind aus Westdeutschland kommende WASG fusionierten. Fortan brachte die Linkspartei das unter einen Hut, was sich bis dahin zum Teil bekämpft hatte: von der SPD enttäuschte Sozialdemokraten, ehemalige DKP-Kader, Trotzkisten, Gewerkschaftslinke, progressive Grüne und Aktivisten aus der Außerparlamentarischen Opposition. Ein bunter und schmackhafter Obstsalat, vermengt mit einer roten Dessertsoße.

Tatsächlich hat diese Mischung die Partei interessant gemacht. Streit sollte in ihr solidarisch ausgetragen werden, jedem Parteimitglied wurde die Möglichkeit gegeben, sich einzubringen. Eine »Generallinie« dürfe es nicht mehr geben - dieses Credo aus der alten PDS wurde mit in die LINKE genommen. Basta-Politik machen andere, wir nicht, hieß es damals. Außerdem konnten die Genossen mit dem ehemaligen Bundesfinanzminister und SPD-Vorsitzenden Lafontaine ein politisches Schwergewicht für sich gewinnen: Ein Mann, der erfahren, durchsetzungsstark und clever ist. Und charismatisch - so wie sein Politkumpel Mélenchon.

Ich habe Lafontaine zu der Zeit in der Mensa der Universität Kassel sprechen sehen. Hin und weg war ich von dem, was er von sich gab - obwohl es nicht viel mehr als die üblichen Stanzen eines linken Sozialdemokraten waren. Dem Rest der Anwesenden erging es vermutlich ähnlich.

Das Charisma von Lafontaine hat auch Wagenknecht. Wenn sie im Fernsehen spricht, ist ihr der Applaus sicher: Hartz IV muss weg, Bundeswehr raus aus Afghanistan, Mindestlohn rauf, Finanzkonzerne entmachten - mit diesen richtigen Forderungen sammelt die einstige Frontfrau der Kommunistischen Plattform die Leute ein.

Doch seit geraumer Zeit weht Wagenknecht aus den eigenen Reihen eine steife Brise entgegen. In der Migrationsdebatte scheinen viele Genossen keine Pluralität zulassen zu wollen. Das kann man eine Aufkündigung des Gründungskonsenses dieser Partei nennen. Eine Schokoladentorte flog vor zwei Jahren auf dem Parteitag in Magdeburg in das Gesicht der Fraktionsvorsitzenden - eine Anspielung auf ihre angebliche Nähe zu AfD. Inzwischen ist von nicht wenigen Linken diese Gretchenfrage ausgerufen worden: »Wie hältst du es mit den Flüchtlingen?« Ihr Feindbild ist Wagenknecht.

Und da kommt die Sammlungsbewegung ins Spiel. Wer sich dort sammeln wird, ist bisher nicht ausgemacht. Wie die Linkspartei wird auch sie ein zusammengewürfelter Haufen von Linken und denjenigen sein, die sich für links halten. Einen wesentlichen Unterschied zwischen beiden gibt es aber doch: Von »offenen Grenzen« wird in der Bewegung vermutlich keiner sprechen. So viel Pluralität wird sie dann doch nicht zulassen.

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