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Flüchtlinge, rettet uns!

Zum Wohle unserer Gesellschaft können wir nur hoffen, dass mehr Menschen zu uns kommen, meint Fabian Goldmann

  • Von Fabian Goldmann
  • Lesedauer: 3 Min.

In der «Bild»-Zeitung lacht der Messer-Migrant, der rechte Kolumnist warnt vor dem afrikanischen Millionenheer und aus dem x-ten Asylstreit in Berlin geht wieder mal nur einer als Sieger hervor: die AfD. Verfolgt man die migrationspolitischen Debatten dieses Landes, kann man schon einmal ins Zweifeln geraten: Hält unsere Gesellschaft das wirklich aus? Ging es uns nicht besser, bevor wir all diese Flüchtlinge aufgenommen haben? Wäre es für das politische Klima hierzulande nicht besser, einige Abstriche an der eigenen gutmenschlichen Gesinnung zu machen? Ein paar Leistungskürzungen für Integration? Ein paar Abschiebungen zum Werteerhalt? Ausländer raus gegen rechts? Ein bisschen wenigstens?

Die Vorstellung, dass weniger Flüchtlinge irgendwie zu weniger Rechtsruck führen könnten, ist eine, die auch unter Linken viele Anhänger findet. Dann müssen Sorgen ernst genommen, Aufnahmebereitschaften nicht überstrapaziert und Verschnaufpausen gewährt werden. Freilich uns, nicht den Flüchtlingen. Doch die Rechnung geht nicht auf.

Zur Erinnerung: Im Jahr fünf der sogenannten Flüchtlingskrise liegt die Zahl neuankommender Asylsuchender in Deutschland zwischen 12.000 bis 16.000. Nicht pro Tag, sondern im Monat. Das ist weder im internationalen Vergleich noch im historischen Kontext besonders viel. Dank Asylpaketen, Integrationsgesetzen, Abschieberichtlinien und Vergabepraktiken des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge ist vom deutschen Asylrecht derzeit so wenig übrig wie nie zuvor. Nie war es für einen der 67 Millionen Menschen, die irgendwo auf der Welt vor Krieg, Terror oder Armut fliehen, so schwer, in Deutschland Schutz zu finden wie heute. Würde die Abweisung von schutzsuchenden Menschen gegen den Rechtsruck helfen, müssten derzeit die letzten AfD-Kreisverbände ums Überleben kämpfen und würde sich die LINKE vermutlich an der Frage entzweien, ob sie die Parteichefin Katja Kipping oder die Fraktionsvorsitzende Sahra Wagenknecht als Kanzlerinnenkandidatin aufstellt.

Die Realität ist freilich eine andere. Für Flüchtlinge wie für die Mehrheitsgesellschaft. Im realexistierenden Deutschland 2018 ziehen wöchentlich rechte Scharfmacher den Rest der Republik durch die Manege ihrer inszenierten Migrationsdebatten, während sich der flüchtlingsfreundliche Teil des Landes mit der Forderung zufrieden gibt, doch etwas langsamer zu rennen: «Familiennachzug aussetzen - einverstanden. Aber vielleicht nur für die Hälfte», «Abschiebungen sind okay, aber zumindest nicht nach Afghanistan?», «Lagerhaft ja, aber lieber in Nordafrika?

Dabei ging die Gleichung »weniger Fremde = weniger Fremdenfeindlichkeit« noch nie auf. Das wissen nicht nur Besucher monokultureller Provinzen Ostdeutschlands, sondern auch Rassismusforscher. Unzählige Studien zeigen, dass Toleranz nichts ist, was sich am kulturell homogenen Stammtisch aushandeln lässt. Offenheit gegenüber Fremden entsteht in erster Linie durch deren Anwesenheit, sie ist nicht Voraussetzung, sondern Folge einer multikulturellen Realität.

Seit Jahren reden wir uns nun schon ein, wir müssten nur genügend Sorgen ernst nehmen, dann würden die Rechten irgendwann verschwinden. Aber die Wahrheit ist: Die Vorbehalte sind nicht dort am größten, wo die meisten Flüchtlinge leben, sondern dort, wo die meisten Ängste geschürt werden; dort wo die Menschen nicht die Chance haben, die Geschichte von Ali aus der »Bild«-Zeitung mit der Realität Alis von nebenan abzugleichen.

In Wahrheit führen wir nicht nur die Debatte über Flüchtlinge. Die Debatte führt uns. Es sind die Debatten über Lager, Obergrenzen und Asylskandale, die uns nach rechts, weg vom gesellschaftlichen Zusammenhalt, treiben. So wie unsere Migrationsdebatten die Realität vieler Flüchtlinge formen, formt die migrationspolitische Realität unseres Landes auch uns.

Es gibt gewiss ehrenwertere Gründe, Menschen vor Krieg, Armut oder was auch immer Schutz zu gewähren, als der Schutz unserer eigenen Gesellschaft. Aber auch zum Wohle unserer Gesellschaft können wir nur hoffen, dass dieses Millionenheer wirklich bereitsteht. Die Forderung nach offenen Grenzen bietet nicht nur Hoffnung für viele Flüchtlinge, sie bietet auch Hoffnung für uns. Wem es ernst ist, mit dem gesellschaftlichen Zusammenhalt, dessen Forderung kann nur lauten: Ausländer rein gegen rechts!

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