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  • Qualität des Schulunterrichts

»Fata fert Farat«

In den letzten Jahren häuft sich Kritik am Schulunterricht aus der Politik und in den Medien. War der Unterricht früher wirklich besser?

  • Von Hans Brügelmann
  • Lesedauer: 5 Min.

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Bei internationalen Leistungsvergleichen schneidet die Grundschule gut ab - trotz schlechterer Ausstattung als die Primarstufe in anderen Ländern und als die Sekundarstufe in Deutschland, wie ein Gutachten des renommierten Bildungsökonomen Klaus Klemm 2016 gezeigt hat. Als 2001 die Ergebnisse der ersten PISA-Studie veröffentlicht wurden, brach ein Sturm der Empörung los: Was das für ein Unterricht in Grundschulen sei, dass deutsche Schüler*innen so schlecht lesen könnten. Nun sehe man, wohin die modernen Methoden wie »Schreiben nach Gehör« und Konzepte wie »offener Unterricht« führten. Dieses Urteil fiel fast einhellig aus, obwohl niemand Daten dazu hatte, in welchem Umfang die kritisierten didaktischen Ansätze tatsächlich die Praxis bestimmten. Zwei Jahre später wurde der erste Bericht über die internationale Lesestudie IGLU veröffentlicht. Die Viertklässler*innen in Deutschland lagen hier im oberen Leistungsviertel, nur vier Länder erzielten signifikant bessere Ergebnisse. Dieser Befund war besonders erfreulich, da Deutschland Ost und West 20 Jahre zuvor noch auf einem mittleren Rangplatz gelegen hatten.

Umso kritischer fielen die Reaktionen aus, als 2017 die Ergebnisse der vierten IGLU-Studie veröffentlicht wurden, bei der die deutschen Grundschüler*innen »nur« im Mittelfeld landeten. Von »Leistungseinbruch« war die Rede, und den »neuen Methoden« wurde wieder die Schuld in die Schuhe geschoben.

Was stimmt: Weil andere Länder bessere Ergebnisse erzielten, war 2016 der Rangplatz schlechter. Aber die Leistungen lagen fast auf den Punkt genau auf demselben Niveau wie 2001 - und das trotz des starken Anstiegs der Kinder mit Migrationshintergrund, eines größeren Anteils von Kindern mit besonderem Förderbedarf in den Regelschulen und einer etwas ungünstigeren Geschlechts- sowie Alterszusammensetzung. Man hätte also auch anerkennen können: Der Unterricht wird schwieriger, deutsche Grundschulen sind trotzdem erfolgreich.

In einer vor wenigen Wochen veröffentlichten Petition haben sich in NRW fast 20 000 Grundschullehrer*innen über ihre Kultusministerin beschwert. Sie vermittele den Eindruck, die Methoden, mit denen an Grundschulen gearbeitet wird, seien falsch bzw. die Lehrkräfte setzten diese nicht richtig ein. Es gebe eine simple Lösung: »Wir führen in den Grundschulen in NRW flächendeckend wieder den Fibel-Unterricht ein, dann klappt es wieder besser mit dem Lesen und dem Zuhören«, wie der Verband Bildung und Erziehung in einem offenen Brief an die Ministerin sarkastisch anmerkte.

Wenige Tage später legte der Grundschulverband einen »Fakten-Check Grundschule« vor, in dem er Vorurteile über den heutigen Grundschulunterricht mit empirischen Befunden und Argumenten konfrontiert. Tatsächlich findet die Arbeit der Grundschulen gerade heute breite Zustimmung. Wie Allensbach-Umfragen zeigen, hat der Beruf der Grundschullehrerin über die letzten 50 Jahre hinweg in der Bevölkerung stark an Anerkennung gewonnen und sogar den Studienrat deutlich überflügelt. Und: In einer Infratest-Umfrage vor ein paar Jahren bewerteten zwei Drittel der Eltern mit Grundschulkindern die Arbeit der Grundschule mit »(sehr) gut« - auf der Sekundarstufe war es nur noch die Hälfte. Mit dem Unterricht und mit ihren Lehrer*innen ist auch die Hälfte der Kinder »sehr zufrieden«, weitere 20 Prozent sind »zufrieden«, wie unter anderem die World Vision Studie 2018 zeigt.

Die Grundschule legt die Grundlagen für die Bildung unserer Kinder - gemeinsam mit dem Kindergarten. Ihre Arbeit hätte ein Loblied verdient. Stattdessen hagelt es Kritik: aus der Politik, in den Medien und an den Stammtischen. Kinder dürften angeblich schreiben, »wie sie wollen«. Auch um die Handschrift kümmere sich niemand mehr. Offener Unterricht überfordere schwache Schülerinnen und Schüler. Und wo auf Noten verzichtet werde, herrsche eine leistungsfeindliche »Kuschelpädagogik«.

Alles »Fake News«, sagt der Grundschulverband. Seine These: Neue Anforderungen verlangen neue Methoden. In der Broschüre des Verbandes erläutern die Expert*innen, warum es wichtig ist, dass die Kinder schreiben, wie sie können (nicht, wie sie wollen!). Sie müssen zuerst den Lautbezug der Schrift entdecken und »Fata fert Farat« schreiben dürfen, damit sie auf dieser Basis erfolgreich die Orthographie der »Buchschrift« lernen können. Dies belegen viele Studien aus den vergangenen 50 Jahren. Für viele ist das ungewohnt und wird ohne genauere Kenntnis der fachlichen Gründe vorschnell abgelehnt. So auch die Praxis, Kindern auf direktem Weg von der Druckschrift zu einer persönlichen Handschrift zu verhelfen - ohne den Umweg über eine Normschreibschrift wie zum Beispiel die vielen vertraute Lateinische Ausgangsschrift, die früher in den Schulen gelehrt wurde.

Um hier aufzuklären haben die Expert*innen in einem »Fakten-Check Grundschule« Sachinformationen zusammengestellt, die gängige Vorwürfe als Mythen entlarven, zum Beispiel, dass kleine Klassen nichts bringen. Längsschnittuntersuchungen zeigen aber: Gerade Kinder aus schulfernen Milieus profitieren noch bis ins Jugend- und Erwachsenenalter davon, wenn der Anfangsunterricht in kleinen Lerngruppen stattfindet.

Die Fachleute bestreiten nicht, dass es auch in der Grundschule gelegentlich schlechten Unterricht gibt, dass Reformen und neue Methoden nicht überall erfolgreich umgesetzt werden. Kompetenz und Engagement streuen auch unter Grundschullehrerinnen breit - nicht anders als unter Ärztinnen, Rechtsanwälten und in anderen Berufen. Aber dort wird Professionalität respektiert, dagegen scheint jeder Laie zu wissen, wie man Kindern Lesen, Schreiben und Rechnen beibringt.

Der »Fakten-Check Grundschule« zeigt, wie herausfordernd diese Aufgabe ist. Und dass die Grundschule darüber hinaus noch viel mehr zu leisten hat: Ganztagunterricht, Inklusion, Jahrgangsmischung, digitale Medien sind nur vier der Themen, deren Chancen, aber auch Schwierigkeiten von den Wissenschaftler*innen benannt werden. Angesichts dieser Anforderungen helfen keine populistischen Rezepte. Pädagogische Konzepte sind anspruchsvoll. Um sie erfolgreich umzusetzen, brauchen Lehrerinnen und Lehrer eine hohe Kompetenz, viel Erfahrung - aber auch gute Arbeitsbedingungen und Respekt für ihren schwierigen Alltag.

Hans Brügelmann (71) ist Autor des Standardwerks »Schule verstehen und gestalten« und war als Bildungsforscher und Grundschulpädagoge an den Universitäten Bremen und Siegen tätig. Seit 1999 engagiert er sich im Grundschulverband, zurzeit im Vorstand der Bremer Landesgruppe und im Bremer Bündnis für Bildung. Von 1971 bis 1973 war er Assistent beim Deutschen Bildungsrat.

Münzenbergforum

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