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Analysieren und Einmischen

Thüringen: Das Jenaer Institut für Soziologie feiert sein 25-jähriges Bestehen

  • Von Doris Weilandt, Jena
  • Lesedauer: 3 Min.

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Soziologen der Friedrich-Schiller-Universität (FSU) im thüringischen Jena bestimmen seit Jahren die Diskussionskultur in Deutschland wesentlich mit. Ihre Forschungen zur Kapitalismustheorie, zum Arbeitsmarkt, zu Geschlechterbeziehungen und zu einzelnen Bereichen der Postwachstumsgesellschaften sind weit über das universitäre Umfeld hinaus gefragt. Und Professoren wie Hartmut Rosa und Klaus Dörre gehören zu den bekanntesten Wissenschaftlern des Fachgebiets, die nicht nur mit ihren Büchern, sondern auch auf Podien soziologische Themen einem breiten Publikum näher bringen. Dabei wird das Institut in diesen Tagen gerade einmal 25 Jahre alt und die genannten Wissenschaftler bilden die mittlere Generation in der Geschichte dieses jungen Studiengangs.

»Am Anfang waren es drei Professuren, dann kamen noch zwei dazu, die tatsächlich männlich-westlich besetzt waren«, sagt Institutsdirektorin Sylka Scholz. »So fing es an. Jetzt sind wir ein Institut mit einer Frauenprofessuren-Beteiligung von 50 Prozent. Wir sind eines der wenigen Institute an der FSU, die das geschafft haben. Es ist doch erstaunlich, wie lang der Weg zu einer pluralen Geschlechterstruktur war.«

Vor der Gründung des Instituts spielte die Soziologie in Jena kaum eine Rolle. 1989 gab es in ganz Ostdeutschland lediglich zehn soziologische Professuren und ebenso viele Dozenten an den Universitäten Berlin, Leipzig und Halle, sowie stadtsoziologische Forschungseinrichtungen in Weimar und Berlin. An der Uni Jena versuchte die Sektion Marxismus/Leninismus (M/L) zu diesem Zeitpunkt einen neuen Ansatz für Forschung und Lehre als Sektion Sozial- und Politikwissenschaften nach dem Vorbild westlicher Universitäten. Pate stand dabei die Partneruniversität in Göttingen.

Dass diese Idee ein rasches Ende fand, hatte zwei Gründe: 1990 wurden per Ministerratsbeschluss alle M/L-Hochschullehrer abberufen. Ein halbes Jahr später wickelte die damalige Thüringer CDU-Landesregierung die Sektion Sozial- und Politikwissenschaften ab. So entstand die Soziologie in ganz Ostdeutschland als westdeutscher Import. Allerdings hatten sich auf die Ausschreibung der Professuren auch kaum Wissenschaftler mit DDR-Biografie beworben. In Jena wurde der Göttinger Wolf Rosenbaum zum Gründungsbeauftragten bestellt.

Die Studierenden kamen fast alle aus dem Osten und wurden unter anderem mit einem Marxismus konfrontiert, der sich von den damals üblichen Distanzierungen und Verunglimpfungen gänzlich unterschied. Die Schriften von Marx wurden von den westlich geprägten Sozialwissenschaftlern geschätzt und als bedeutende Forschung wahrgenommen, mit der man sich kritisch auseinandersetzte. In den Anfangsjahren war die Jenaer Soziologie eine »eher theoretisch denn technologisch orientierte, empirisch gesättigte und historisch jenseits der Zeitenwende 1989/90 ansetzende Erforschung des Transformationsprozesses«, schreibt Rosenbaum im Beitrag »Umbrüche, Reformen und Restriktionen im Wissenschaftssystem der ostdeutschen Länder« (1994).

Danach ist das Institut schnell gewachsen auf heute sieben Professuren und etwa 60 wissenschaftliche Mitarbeiter, die 1500 Studierende betreuen. Silke van Dyk, die die Professur für Politische Soziologie inne hat, schätzt die Debattenkultur und das offene Gespräch, die zum Erfolg der Einrichtung beigetragen haben

»Das Institut war in der Vergangenheit recht heterogen«, sagt Silke van Dyk. »Es ist Ende der 2000er Jahre sehr stark über den Suhrkamp-Band ›Soziologie-Kapitalismus-Kritik‹ wahrgenommen worden, aber das Institut war nie ein durchgängig linkes oder marxistisches. Es gab sehr unterschiedliche Positionen und man kann sagen, es war trotzdem immer extrem kooperativ und an der Sache orientiert. Einig sind wir uns heute darin, dass wir eine kritische, engagierte und öffentliche Soziologie betreiben.«

Die Jenaer analysieren Umbrüche in der Politik, an den Arbeitsmärkten oder am Wohlfahrtsstaat. Am 27. Juni wird das 25-jährige Bestehen mit Rückblicken und einer Podiumsdiskussion zum Thema »Ost-West-Perspektiven auf die Soziologie« gefeiert.

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