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Wie ein Schachspiel

»Rotes Licht« von Maxim Kantor: Ein Jahrhundertroman über Europa, Faschismus und Demokratie

  • Von Karlheinz Kasper
  • Lesedauer: 8 Min.

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Von russischen Kritikern wird dieser Roman gern mit Jonathan Littells monströsem, 1400 Seiten starkem Thriller »Die Wohlgesinnten« verglichen, der die fiktive Biografie eines ehemaligen SS-Offiziers zusammen mit realen Ereignissen und Personen des Holocausts darstellt. Mir scheint ein Vergleich mit dem Roman »Europe Central« des US-Amerikaners William Vollmann eher angebracht. Ähnlich wie Vollmann, der auf 1028 Seiten das Leben von Dmitri Schostakowitsch, Anna Achmatowa, General Andrej Wlassow, Käthe Kollwitz, SS-Obersturmführer Kurt Gerstein und Feldmarschall Friedrich Paulus unter dem Aspekt der inneren Verbindung von Krieg und Kunst auf dem Hintergrund der roten und braunen Diktaturen des zwanzigsten Jahrhunderts gestaltet, unternimmt der russische Maler und Romancier Maxim Kantor mit »Rotes Licht« den Versuch, die geopolitischen, militärischen und individuellen Konflikte des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts in einem voluminösen epischen Kaleidoskop zu bündeln. »Der Held dieses Buches, der Jude Solomon Richter, lag im Sterben, so wie Europa und die Demokratie.« Wie ein Paukenschlag ist der erste Satz. In 14 Kapiteln werden sodann Ereignisse nachgezeichnet, die Deutschland und Russland in über hundert Jahren radikal verändert haben - von der russischen Revolution 1905 bis zum Krieg im Donbass und zum Anschluss der Krim. Auf Solomon Richter wirkt diese Zeit wie ein unaufhörliches »Schachspiel zwischen Rot und Braun«.

Handlungsorte sind die Territorien Sowjetrusslands und des Deutschen Reiches sowie weitere Regionen Europas. Die Romanfiguren repräsentieren nahezu alle sozialen Schichten - die Tyrannen Stalin und Hitler und deren Führungselite, die sowjetische Intelligenzija und das deutsche Bildungsbürgertum, alle Dienstgrade der Roten Armee und der Wehrmacht, die Opfer der Schauprozesse Stalins und die Hauptakteure des Widerstands gegen den Nationalsozialismus, Teilnehmer der Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg, Ausländer, die in Nazideutschland oder der UdSSR in bestimmter Mission agieren, dissidentische, liberale und konservativ-patriotische Kreise des zeitgenössischen Russlands und der russischen Emigration, superreiche Oligarchen und Wirtschaftsbosse sowie jener Teil der künstlerischen Intelligenz, der heute die elitären Moskauer Zeitschriften und Magazine beherrscht.

Streckenweise hat »Rotes Licht« das Format eines Familienromans. An zwei oder drei Generationen von Moskauer Familien veranschaulicht Kantor fundamentale Transformationen. Die Deschkows verkörpern noch die soldatische Tugenden Russen, Vater Grigori als Kampfgefährte Marschall Tuchatschewskis und wie dieser 1937 zum »Volksfeind« erklärt, Sohn Sergej in den Schlachten des Zweiten Weltkriegs, Enkel Jakow in den Scharmützeln um das »Neue Russland« im Donbass. Friedrich Cholin, im Geiste Goethes und der deutschen Romantik erzogen, will Schriftsteller werden. Gerade er denunziert seinen Freund Solomon Richter und liefert ihn dem KGB aus. Die Skuratows sind berufsmäßig Geheimdienstler. Ist Vater Andrej noch überzeugt, durch Wachsamkeit die Reinheit der revolutionären Idee zu wahren, erweist sich Sohn Pjotr nur noch als ein beflissener Staatsdiener.

Zwei Gestalten des Romanpersonals hat Kantor mit einer besonderen Funktion betraut: Solomon Richter und Ernst Hanfstaengl. Hinter dem einen verbirgt sich Kantors Vater Karl, ein Philosoph, vergleichbar mit dissidentischen Kollegen wie Alexander Sinowjew, Merab Mamardaschwili oder Alexander Pjatigorski, ein Mann, der das Christentum so interpretiert wie Kant den kategorischen Imperativ. Hinter dem anderen steht ein bayerischer politischer Abenteurer. Beide sind Schlüsselfiguren, agieren als »Sprachrohr« von diametral entgegengesetzten Weltanschauungen, ringen miteinander um die Wahrheit wie Goethes Faust und Mephisto. Stalin wird aus der Perspektive Solomon Richters bewertet, Hitler aus der Sicht Hanfstaengls. Wie eine kabarettistische Einlage wirken da die der Großmütter Sonja, Musja und Sina, die das Romangeschehen kommentieren, wie die drei Hexen in Shakespeares Drama »Macbeth« .

Solomon Richters Vater Moses emigrierte um 1905 vor den Judenpogromen nach Argentinien. 1929 kehrte er in die UdSSR zurück und nahm als parteiloser Mineraloge am Aufbau der neuen Gesellschaft teil. Drei seiner vier Söhne, als »Trotzkisten« denunziert, wurden im Spanischen Bürgerkrieg umgebracht. Solomon absolviert eine Fliegerschule und kämpft im Zweiten Weltkrieg gegen die deutschen Eindringlinge. Als Historiker und Philosoph betrachtet er den Krieg als Tragödie, die die Ideale der Revolution (nicht »Lenins Oktober«, sondern der »Revolution Jesu Christi«) zerstört. Stalin habe die Idee einer sozialistischen Internationale durch die Forderung nach einem »russischen Imperium« ersetzt und so Vorstellungen verwirklicht, die der panslawistische Vordenker Nikolai Danilewski 1871 im Buch »Russland und Europa« entwickelte. Ein Brief an seinen Freund Friedrich Cholin, in dem er sein christlich-sozialistisches Weltverständnis erläutert, bringt Solomon während des Krieges ins Arbeitslager.

Auch der Zeit nach Stalin steht Solomon Richter in kritischer Distanz gegenüber. In Nikita Chruschtschow und den folgenden Machthabern bis hin zu Boris Jelzin sieht er Menschen, die vorher »andere denunziert und erschossen« haben. Putin habe anfangs wie ein »unscheinbarer jugendlicher Romanow« gewirkt, wie ein »willfähriger Zar«, der sich von den Oligarchen manipulieren ließ. Wenig später jedoch habe der »KGB-Oberst« seine Machtfülle ausgespielt. In Richters Augen ist Putins Russland ein nostalgisches »Imperium mit sozialistischer Rhetorik«, ein Staat, in dem »KGB-Milliardäre an der Macht sind«. Als Historiker ist er davon überzeugt, dass das »russische Imperium« den Sinn der europäischen Geschichte zerstört und Menschheitsideale wie den Sozialismus diskreditiert. Solomon Richter ist zweifelsfrei eine Stimme des Autors, der sich offen dazu bekennt, seine Zeitgenossen aufklären zu wollen.

Fällt Solomon Richter im Roman die Rolle des Faust zu, der sich ideologisch für die Gleichheit aller Menschen engagiert, spielt Ernst Hanfstaengl mit teuflischer Lust den Mephisto, dessen Ideal die Herrschaft der Stärkeren über die Schwachen ist. Im realen Leben war Hanfstaengl (1887 bis 1975) ein deutsch-amerikanischer Kunsthändler, der in den 1920er Jahren als Freund und finanzieller Unterstützer Hitlers, in den 1930er Jahren als Auslands-Pressechef der NSDAP und später als Mitarbeiter Franklin Roosevelts bekannt wurde. 1937 floh er nach Großbritannien, 1942 wurde er in die USA überstellt, 1946 kehrte er nach Deutschland zurück, wurde entnazifiziert und veröffentlichte seine Memoiren. Die Romanfigur Hanfstaengl ist allerdings nur bedingt mit dem »Klavierspieler und Hofnarren Hitlers« identisch.

Hanfstaengl führt Hitler in die gehobenen Kreise der deutschen Gesellschaft ein, prägt seinen Geschmack, macht ihn salonfähig. Er kann es sich aber auch leisten, über Hitlers Auftritte zu spotten, so wie er Winston Churchill oder den Philosophen Martin Heidegger und seine Studentin Hannah Arendt verspottet. Ob Hanfstaengl sich über die deutschen Verschwörer des Juli 1944 äußert oder über die heutige russische In- und Auslandsopposition (die Romanfigur lebt über den Tod des realen Hanfstaengl hinaus) - seine Worte sind mit Vorsicht zu genießen. Auch dieser Mephisto bleibt ein unermüdlicher Provokateur, der sich selbst diesen Satz erlauben kann: »Hitler hatte nicht das Glück des Vielfraßes Helmut Kohl, dem das vereinigte Deutschland als Geschenk eines russischen Möchtegern-Reformers in den Schoß fiel.« Was die Zukunft angeht, ist Hanfstaengl fest davon überzeugt, dass nach dem »Fegefeuer« das »Höllenfeuer« kommt.

Mit Hanfstaengl ist die große Liebesgeschichte des Romans verknüpft. Eine leidenschaftliche Liaison mit Helene Wittrock, geborene von Moltke, Frau eines Münchener Möbelhändlers. Sie stellt sich am Ende gegen ihren Liebhaber und wird im Januar 1945 gemeinsam mit Graf Helmuth James von Moltke, dem Begründer der Widerstandsgruppe Kreisauer Kreis, exekutiert. Hanfstaengl, im methusalemischen Alter, reist nach dem Ausbruch des Ukraine-Konflikts nach Moskau, angeblich, um junge Politiker zu beraten.

Stilistisch bedient Kantor alle Register. Er wechselt zwischen philosophischer Reflexion und politischer Agitation, Pathos, Witz und Ironie, die bisweilen bis zum Sarkasmus reicht, lässt auf knappe Momentaufnahmen breitangelegte Panoramen folgen, apostrophiert den Leser in betont didaktischen Kommentaren. Wie in seinen Bildern kommt auch in seiner Prosa der Einfluss der grotesken Karikaturen Goyas und Daumiers sowie der satirischen Bilder von George Grosz zum Ausdruck. Auch von der bissigen politischen Publizistik Alexander Sinowjews (»Gähnende Höhen«, 1976) hat Kantor viel gelernt.

William Vollmanns Roman »Europe Central« endet mit einer negativen Geschichtsbilanz. Der SS-Obersturmführer Kurt Gerstein kehrt nach acht Jahren Workuta aus sowjetischer Gefangenschaft zurück, wird entnazifiziert, erlebt den Mauerbau, liest »Verlorene Siege«, die Memoiren des Feldmarschalls Erich von Manstein, und fragt sich, warum Deutschland den Krieg nicht gewonnen habe. Kantors Roman warnt vor der Gefahr eines mit der »konservativen Revolution« Putins wieder auflebenden Faschismus in Russland. Ist der vermeidbar, wenn die Menschen, für die Solomon Richter steht, sich dem »Roten Licht«, das vom Romantitel und einigen leitmotivartigen Textstellen symbolisiert wird, unerschrocken entgegenstellen? Letztlich widersetzt sich die Romanmetapher einer eindeutigen Interpretation genau so wie die sphärische Komposition »Rotes Licht« des suprematistischen Malers Iwan Kljun von 1923.

Der Maler und Schriftsteller Maxim Karlowitsch Kantor, 1957 in Moskau geboren und in einem dissidentischen Milieu mit Platon und Shakespeare, Beethoven und Bach, Wyssotzki und Galitsch aufgewachsen, lebt und arbeitet heute auf der französischen Île de Ré, in Oxford und Berlin. 2016 erhielt er die deutsche Staatsbürgerschaft. Kantor behauptet, er habe mit fünf Jahren zu schreiben und mit sechs Jahren zu malen begonnen. Mit vierzehn sei er wegen seiner antisowjetischen Gedichte und Artikel von der Schule verwiesen und in die Arbeitswelt geschickt worden. Seit Anfang der 1980er Jahre nimmt Kantor an Kunstausstellungen teil, zunächst im russischen Untergrund, danach weltweit. Spätestens seit der Biennale in Venedig 1997 gehört er zu den international renommiertesten russischen Malern und Grafikern. Meist thematisiert er in seinen Bildern Szenen aus dem russischen Alltag, in dem Armut und Trostlosigkeit herrschen. Kunstexperten erkennen in seiner Malweise Bezüge zum westeuropäischen Expressionismus, zum Schaffen Max Beckmanns und zum Magischen Realismus.

Maxim Kantor: Rotes Licht. Roman. Aus dem Russischen von Juri Elperin, Sebastian Gutnik, Olga und Claudia Korneev. Paul Zsolnay Verlag, 703 S., geb., 29 €.

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