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Nachbarschaft

Leo Fischer über Optimismus qua Meldeadresse und Arbeit, die auch beim Wohnen nicht aufhört

  • Von Leo Fischer
  • Lesedauer: 3 Min.

Überall werden Grenzen geschlossen, wird das Mein und Dein getrennt wie nie, wird der Unnütze aussortiert und muss dem Nützlichen als Trittstein dienen - zweifelsohne, die Welt ist schlecht, und gut kann man jene verstehen, die ihr am liebsten entfliehen wollen, in andere, freundlichere Zusammenhänge. Da besinnt man sich wie die Autorin Charlotte Roche wieder aufs Landleben, wo nachts die Sterne so schön blinken wie sonst nur die Handyarmatur, und entdeckt wie Roche den »Indianer in mir«. Entfliehen kann man aber auch anders, mitten in der Stadt, wo man morgens pitcht und optimiert und abends auf Bauernmarkt und Straßenfest das dörfliche Idyll rekonstruiert, dem die ganze Existenzform doch schon ab ovo widerspricht. Wenn es sein muss, wird das Idyll mit Gewalt eingeführt.

Freunde von mir, die in einem schon an sich recht bürgerlichen Stadtteil Hannovers wohnten, staunten nicht schlecht, als sie aus der Presse erfuhren, plötzlich im sogenannten »Jamiel-Kiez« zu wohnen. Mehrere Flyer, eine Webseite und Internet-Videos waren schon fertig, als diese Erklärung eintraf - und dekretierte, dass sie ab sofort nicht nur einfach sturzlangweilige Einwohner eines sturzlangweiligen Viertels seien, sondern vielmehr völlig neue Menschen. Denn im »Jamiel-Kiez«, wo »Wohnen - Arbeiten - Genießen« Lebensmotto sei, wohnten, ausweislich des Werbeschriebs, neuerdings Menschen, die »dynamisch, visionär, vielseitig, konstruktiv, friedlich, optimistisch, energievoll, intelligent, freundschaftlich miteinander verbunden« seien. Man kriegt ja viel ärgerliche Post, aber dass man jetzt qua Meldeadresse optimistisch und vielseitig zu sein hat, grenzt schon an Nötigung. Hat man sich nicht extra dafür eine Wohnung besorgt, damit man dort depressiv rumhängen kann? Wenigstens im Abendschein dem dauergrinsigen Produktivitätsethos der Arbeitswelt entfliehen darf? Traurig, faul, hoffnungslos zu sein, ohne dass einem das einer madig macht?

Nein, nein, nein - die Arbeit endet niemals; im 21. Jahrhundert ist auch Wohnen Arbeit, auch hier hat man zu funktionieren und daueroptimistisch energievoll zu sein. Besonders, wenn man, wie der Marketing-Fex, der hinter diesem obszönen Mist steckt, nicht zum Arzt geht, sondern Visionen hat. Video-Visionen nämlich zeigen den »Kiez«, der ohnehin schon recht honett ist, noch einmal tiefengekärchert, um alles Schmutzige, Zufällige, Menschliche bereinigt, besonders um Graffiti und die paar Schore rauchenden Grattler, die sich hier überhaupt noch hintrauen.

Was hier nach Nachbarschaft klingen soll, ist Mobilmachung, Produktivmachen ungenutzten Arbeitspotenzials. Auch nach Feierabend soll man aufpassen auf »seinen« Kiez, soll auf Sauberkeit und Nettigkeit achten. Man ahnt: Die Grattler müssen auch weg, sie sind mit Nachbarschaft nicht gemeint. Sehr wahrscheinlich ist, dass der Marketing-Mann, der sich diesen Schmarrn ausgedacht hat, Immobilieneigentum im Schlemihl-Kiez besitzt; damit dessen Wert weiter wächst, nimmt er die kostenlose Image- und Beschönigungsarbeit seiner Mitbürger verpflichtend in Anspruch. Ein smarter Luchs, der Herr Nachbar.

Ohne dass irgendwer gefragt oder hinzugezogen wurde, beschließt dieser selbsternannte Kiezkönig Feste und Veranstaltungen, zwingt seine Nachbarn per Verordnung zum Appell: »Am 16.06.2018 ab 12 Uhr werden wir zusammen feiern. Dann sind unsere Straßen autofrei und wir haben viel Bewegungsfreiheit. Stellt Tische und Stühle raus, bringt etwas zu Essen und Getränke mit. Für Kinder ist ein Flohmarkt geplant. Wozu habt ihr sonst noch Lust? Musik machen? Sportlich sein? Im Liegestuhl liegen? Cocktails trinken? Einfach machen! Einfach mitmachen!« Hier gibt sich inklusiv, was zutiefst autoritär ist, was nach Gutdünken Straßen zumachen und Leuten den Parkplatz wegnehmen will, unter der Berufung auf unsichtbare Kollektive. Wer nicht einfach mitmachen will, wird zwar nicht erschossen, gehört aber irgendwie nicht dazu, ist bereits in der Nähe von Graffiti, Schore und Schmutz. Schon kündigt die Initiative an, ältere Leute nach ihrem Sicherheitsgefühl fragen zu wollen; ein Schelm, wer glaubt, dass da Leute mit ungewöhnlichen Nachnamen oder Hautfarben plötzlich auch eine Rolle spielen werden. Nein, Nachbarschaft als Gratisarbeit für Stadtentwickler gehört abgeschafft, kann weg. Es gibt ein Recht auf Siff.

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