Werbung

Damit sie das Schreien hören

Beim Fest der Linken ist der Dokumentarfilm »Reserve Slaves« zu sehen, der vor einer Rückkehr der Sklaverei warnt

  • Von Carmela Negrete
  • Lesedauer: 4 Min.

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Am Ende wurde er auch hier zum Sklaven: auf dem Feld, in Italien. Zurück geht es nicht. Wenn man den Job nicht annimmt, dann macht ihn jemand anderes. Dabei hat der Mensch, der in Michelangelo Severgninis Dokumentarfilm »Reserve Slaves« über sein Schicksal spricht, Unfassbares auf dem Weg nach Europa erlebt. Zwei Wochen ist er mit Schleppern durch der Agadez-Wüste gezogen. »Wir hatten nur Wasser und Zucker dabei. Drei meiner Freunde starben.« Die Leichen wurden einfach in der Wüste »entsorgt«.

In Libyen angekommen, mussten sie mit der Gesetzlosigkeit und dem dort herrschenden Rassismus umgehen. Immer wieder wurden sie von der Polizei schikaniert. »Sind die Gefängnisse Kolonien von Sklaven?« Das wird irgendwann im Film gefragt. Der Zeuge erzählt, wie er im Gefängnis, in dem er nach seiner Verhaftung wegen illegaler Migration einsaß, gefoltert wurde. Die Familien bezahlen für die Freilassung, und auch die Polizei ist involviert.

Die Vorwürfe, in Libyen würden die Menschen verkauft und versklavt, sind, wie Severgnini zugibt, schwer zu beweisen. Dafür müsste man vor Ort in Libyen recherchieren, was extrem schwierig ist. Dennoch, erklärte er gegenüber »nd«, wiederholten und ergänzten sich die Geschichten. Zum Beispiel, wenn die Männer erzählen, dass die Folter während Telefonaten mit den Familien stattfänden, damit diese das Schreien hören und Geld schicken». Außerdem habe Severgnini auf der Facebook-Seite des Films ein Forum geschaffen, in dem Flüchtlinge, die in Libyen sitzen, ähnliche Geschichten erzählen und nach Hilfe rufen.

Die Interviews im Film wurden im August des vergangenen Jahres aufgenommen. Severgnini verfügte dafür über keinerlei Finanzierungsquellen. Er war nur in der Lage, den Film zu drehen, weil er in den Zentren für Flüchtlinge in Pozzallo in der südlichen Region Siziliens Kontakte hatte. Im Oktober 2017 wurde jedoch ein Bericht von CNN gesendet, der vor Ort gedreht worden war und zeigte, dass Menschen auf Sklavenmärkten verkauft wurden. Danach verpflichtete sich die jetzige libysche Regierung, den Fall zu untersuchen und die Verantwortlichen zu verfolgen. Severgnini sagt dazu: «Ich würde gerne wissen, wer genau das machen soll, denn das Land ist eigentlich in den Händen militärischer Banden. Es gibt keine libysche Autorität.» Und er fügt hinzu: «Wenn die Sklaverei in Libyen wieder eingeführt worden ist, dann sollte die EU so schnell wie möglich alle Flüchtlinge aus Libyen evakuieren.»

Stellenweise entsteht der Eindruck, der Film sei von einem Amateur gedreht worden: kein Stativ, oft sind die Bilder unscharf. Dabei hat Filmemacher Michelangelo Severgnini eine lange Karriere in der Filmbrache hinter sich. Seit 2004 hat er immer wieder Dokumentationen für das italienische Fernsehen gedreht. 2007 bekam er sogar für «State of Fear» den Preis für die beste italienische Fernsehdokumentation. Sein bislang letzter Film war die 2017 in Berlin vorgestellte «Linea de Fuga» über die spanische Partei Podemos. «Das ist mein Stil. Ich möchte, dass die Filme persönlich aussehen», erklärt er im Gespräch mit «nd». Servergnini wollte wissen, was sich in der Migration verändert hatte. 2005 drehte er den Film «Final Destination Lampedusa» für den Fernsehsender RAI. Dann erfuhr er, dass sich die Dinge für die Migranten geändert hatten. Er wollte die Flüchtlinge selbst befragen, denn «das sollte das Wichtigste sein, aber sehr oft wird einfach in ihrem Namen gesprochen». Deshalb auch spielen sie eine zentrale Rolle im Film.

Dreh- und Angelpunkt seines aktuellen Films ist nicht nur, dass es in Libyen Sklaverei gibt. Die gibt es teilweise auch in Europa, denn oft müssen Flüchtlinge hier entweder ohne Vertrag arbeiten oder unbezahlte Überstunden machen. Der Film sucht auch nach Lösungen. Eine der Aussagen der interviewten Flüchtlinge stimmt nachdenklich: «Wenn die EU unseren Regierungen Geld gibt, werden wir davon nichts sehen», erklärt ein Mann aus Ghana. Dieses Dilemma ist selbst in der deutschen Linkspartei ein Streitpunkt.

«Reserve Slaves» hat im Mai auf der «Labour International Film Festival» in Istanbul einen Preis erhalten. Zu sehen ist der Film auf dem Fest der Linken am Sonnabend (23. Juni) um 13 Uhr im Karl-Liebknecht-Haus (Mitte) sowie am Donnerstag, 28. Juni, im Kino Moviemento (Neukölln) um 19 Uhr. Nach dem Sommer wird der Film auf dem Youtube-Kanal von Regisseur Michelangelo Severgnini in voller Länge für alle hochgeladen.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

9 Ausgaben für nur 9 €

Jetzt nd.DieWoche testen!

9 Samstage die Wochenendzeitung bequem frei Haus.

Hier bestellen