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Zum Anbeißen: Trinkhalme aus Apfel

In Stuttgart entwickelten drei Freunde eine ökologische Alternative zu Plastiktrinkröhrchen - bald sollen täglich 500 000 Stück vom Band laufen

  • Von Claudia Drescher
  • Lesedauer: 3 Min.

Das Meer als Müllkippe: Jedes Jahr landen laut EU-Kommission 500 000 Tonnen Plastik in den Ozeanen. Vor allem Trinkhalme aus Kunststoff sind zum Symbol für gedankenlose Wegwerfartikel geworden, gegen die die EU jetzt radikal vorgehen will. Dabei muss man Trinkhalme nicht in den Müll werfen. Man kann sie einfach essen. Ein Start-up mit Sitz in Baden-Württemberg und Sachsen hat einen nachhaltigen Trinkhalm aus Apfeltrester entwickelt. Das Abfallprodukt entsteht bei der Herstellung von Apfelsaft. »Allein in Deutschland kommen davon pro Jahr etwa 60 000 Tonnen zusammen. Das ist ein enormes ungenutztes Potenzial«, meint Konstantin Neumann, der aus dem sächsischen Langenbernsdorf stammt, inzwischen aber auch in Stuttgart heimisch ist.

Der 21-Jährige hat vor einem Jahr mit zwei Freunden das Unternehmen Wisefood gegründet und den nach eigenen Angaben weltweit ersten essbaren Trinkhalm mit dem Namen »Eatapple« auf den Markt gebracht - ein Wortspiel aus den englischen Worten für essbar und Apfel. Dafür wurden die Gründer Anfang Juni von der Initiative »Land der Ideen« als eines von bundesweit 100 Projekten prämiert. Auch beim sächsischen Ideenwettbewerb »futureSAX« und beim »IQ Innovationspreis Mitteldeutschland«, die beide Ende Juni verliehen werden, gehören die Jungunternehmer zum Kreis der Finalisten.

Genießen, ohne die Umwelt zu belasten - auf diese Idee kam Konstantin Neumann schon während seines Studiums zum Lebensmittelwissenschaftler an der Stuttgarter Universität Hohenheim. Als Leistungssportler im Kraftdreikampf, einer Form des Gewichthebens, sei ihm eine ausgewogene Ernährung sehr wichtig, erläutert er. So sei er durch den Sport und den ein oder anderen Arbeitseinsatz in diversen Mostereien auf den Apfel gekommen. Der glutenfreie Trinkhalm aus Apfelmark und Apfelfasern in Form einer überdimensionalen Makkaroni enthält viele Ballaststoffe, aber quasi kein Fett - der ideale Trainingssnack also, nachhaltig und witzig obendrein.

Bereits seit 2015 feilt Neumann mit seinen Mitgründern Danilo Jovicic (29 Jahre) und Philipp Silbernagel (26 Jahre) an der optimalen Rezeptur. Die Prototypen seien anfangs noch zu weich gewesen. Beim Trocknen hätten sie sich außerdem verzogen. Mit einer umgebauten Nudelmaschine stellten die Gründer an einem Stuttgarter Universitätsinstitut zunächst 30 bis 40 Halme her - pro Tag und mit viel Handarbeit. Später produzierten sie täglich bis zu 10 000 Öko-Halme im Deutschen Institut für Lebensmitteltechnik im niedersächsischen Quakenbrück.

Aktuell laufen die Vorbereitungen für den Umzug der Produktion zu einem Nudelhersteller im baden-württembergischen Spaichingen. Ab Juli sollen täglich eine halbe Million essbare Halme vom Band laufen. Dann seien auch weitere Geschmacksrichtungen geplant und sogar herzhafte Varianten denkbar.

Anders als die Plastikkonkurrenz weicht die Ökovariante allerdings irgendwann durch. »In Alkohol bleibt unser Trinkhalm derzeit rund 45 Minuten formbeständig, bei Saft nur etwa 20 Minuten«, räumt der Gründer ein. Derzeit arbeiteten sie an einer weiteren Rezepturverbesserung, um eine Haltbarkeit von zwei bis drei Stunden zu erreichen.

Das Studium hat Neumann mittlerweile aus Zeitgründen an den Nagel gehängt. Stattdessen ist er Arbeitgeber. Das Start-up beschäftigt demnach bereits vier Vollzeitangestellte und vier Praktikanten. Per Crowdfunding besorgten sich die Gründer das nötige Kapital. Allein im Mai habe man 50 000 Trinkhalme verkauft, wobei der Preis deutlich über der Einmalvariante aus Plastik liegt: 100 Stück kosten im Wisefood- Onlineshop 40 Euro. »Derzeit führen wir viele Gespräche, um Kooperationspartner und neue Vertriebskanäle zu finden«, so Neumann. Unter anderem laufen demnach die ersten Tests mit verschiedenen Hotelketten und dem Großhandelsunternehmen Metro.

Den nötigen Schub könnte nun das Plastikverbot der EU bringen, auch wenn dessen Umsetzung noch einige Jahre auf sich warten lassen dürfte. Die in Brüssel ansässige Umweltschutz-Dachorganisation Seas at Risk schätzt den jährlichen Verbrauch von Trinkhalmen in den 28 EU-Ländern auf mehr als 36 Milliarden Stück. Rein rechnerisch nutzt demnach jeder der etwa 512 Millionen EU-Bürger 71 Stück pro Jahr. dpa/nd

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