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»Wir sind hier, um Druck auszuüben«

Myrna Troncoso über ihren Besuch in Deutschland und die Fortschritte bei der Aufarbeitung der Verbrechen der deutschen Sektensiedlung Colonia Dignidad in Chile

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Die Colonia Dignidad war eine von deutschen Aussiedlern in Chile gegründete Sektensiedlung. Sektengründer Paul Schäfer und seine Führungsclique etablierten ein Terrorregime mit Zwangsarbeit, der Verabreichung von Psychopharmaka an Bewohner und systematischem Kindesmissbrauch. Mit dem Bundestagsbeschluss vom vergangenen Jahr sollten ja einige Prozesse zur Aufklärung in Gang gesetzt werden. Wie sehen Sie die Fortschritte in der Umsetzung dieses Beschlusses, beispielsweise in der bilateralen Kommission?

Um ehrlich zu sein, ist es nicht das, was wir erhofft und erwartet hatten. Wir, als Angehörige der Opfer, wurden nicht als relevanter Akteur betrachtet. Wir haben mit Leuten in Chile geredet, die Teil der Kommission sind, aber wir wissen nicht, was davon hier im Bundestag ankommt. Wir sind etwas abgekoppelt. Wir wissen nicht, welche Fortschritte es gab.

Sie sind also nicht in die offiziellen Prozesse eingebunden?

Wir denken, dass die Prozesse nicht mit der notwendigen Strenge gemacht werden. Ich will, dass das, was ich gesagt habe und das, was ich vorgeschlagen habe, ihnen wirklich zu Ohren kommt. Aber es wurde nicht entsprechend protokolliert - und das schafft ein gewisses Misstrauen.

Das Pinochet-Regime (1973 bis 1990) ließ in der Siedlung politische Gefangene foltern und verschwinden. In der aktuellen chilenischen Regierung sind einzelne Minister, denen mangelnde Distanz zur Colonia vorgeworfen wird.

Der Minister für Justiz und Menschenrechte Hernán Larraín stand der Colonia sehr nah. Das war ein schwerer Schlag für uns. Er hat die Colonia noch bis vor Kurzem verteidigt. Deswegen werden wir davon abhängig sein, was die deutsche Regierung in Bezug zur Colonia fordert, weil ich denke nicht, dass von diesem Minister dahingehend etwas kommt. Wir haben kein Vertrauen.

Ist das ein Ausdruck eines Wandels in Bezug auf die Menschenrechtspolitik infolge der Wahl des konservativen Präsidenten Sebastián Piñera 2017?

Ich werde ehrlich sein: Die Leute wurden während der Vorgängerregierung von Michelle Bachelet auf Demos brutal unterdrückt. Und diese Regierung macht genauso weiter. Es ist die Politik in Chile, Demonstrationen zu unterdrücken. Die Farbe der Regierung ist dabei egal.

Aber hat sich die Situation in Fragen der Erinnerung in den vergangenen Monaten nicht noch verschlechtert? Gibt es nicht mehr Akte der öffentlichen Unterstützung für die Militärdiktatur?

Wir waren immer besorgt, dass die Gefangenen in Punta Peuco (Sondergefängnis für verurteilte Verbrecher der Militärdiktatur, Anm. d. Red.) begnadigt werden. Diese Idee ist heute sehr präsent. Es wurde beispielsweise ein Buch veröffentlicht, in dem sehr schlecht über die Angehörigen geredet wird. In einem anderen Fall hat ein Parlamentarier behauptet, dass alle Exilierten Terroristen seien. Das Thema ist, wie man mit so etwas umgeht. Es gibt viele Probleme, die ungelöst geblieben sind. Man hätte ja auch ein Gesetz wie hier in Deutschland machen können, dass den Aufruf zum Hass unter Strafe stellt, aber das ist nicht passiert. Und so sind wir jetzt in der Situation, dass die Begnadigung von Menschenrechtsverbrechern kurz bevorsteht, dass wir Angehörigen und Opfer beleidigt werden dürfen. Und die Colonia macht das mit ihrem makabren Tourismus auch nicht anders. Das passiert, weil es keinen politischen Willen gibt, etwas daran zu ändern.

Und in Bezug auf die Erinnerungspolitik?

Es wird viel von Erinnerung geredet, und wir halten sie auch für sehr wichtig. Sie muss eingefordert werden, wegen der Gründe, die wir alle kennen: Damit sich solche Dinge nicht wiederholen, und auch um diejenigen, die gestorben sind, zu ehren. Aber das ist nicht das Ziel unseres Kampfes. Unsere Ziele sind zuerst Wahrheit und Gerechtigkeit. Auch Erinnerung, aber nicht als erstes. Und das betone ich hier. Wir wollen jede Unterstützung Deutschlands, die es uns geben will: Sei es Technologie, die es uns erlaubt, unsere Toten zu identifizieren und um die Wahrheit rauszufinden, wie sie gestorben sind, oder um die Verantwortlichen zu ermitteln, damit die Justiz handelt. Und erst danach gehen wir zur Erinnerung über.

Haben Sie denn noch Hoffnung, die Wahrheit über die Verschwundenen herauszufinden?

Nun, es gibt die Colonos (Siedler), die mitgemacht haben, die getötet haben. Diese wissen, was passiert ist; sie müssen reden. Auch die Führungsmitglieder der Colonia, die nach ihren Verurteilungen wegen Kindesmissbrauchs und Gründung einer krimineller Vereinigung in Caucenes eingesperrt sind, wissen, was passiert ist. Die »armen Alten«, wie sie in der chilenischen Öffentlichkeit oft genannt werden, schweigen allerdings, weil kein Druck auf sie ausgeübt wird.

Was die Gerechtigkeit betrifft? Der Sektenarzt Hartmut Hopp lebt ja immer noch in Freiheit in Deutschland.

Das ist alles sehr sehr langsam vorangegangen. Wir sind aber auch deshalb zu Besuch in Deutschland, um in dieser Sache Druck auszuüben.

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