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Gefangen im Livestream

Deutschland gegen Schweden in einem usbekischen Selbstbedienungsrestaurant am Flughafen Domodedowo

  • Von Jirka Grahl
  • Lesedauer: 3 Min.

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Irre Zahlen aus der Heimat: 27,48 Millionen Menschen sollen im Fernsehen live zugeguckt haben, wie die deutschen Fußballer in letzter Sekunde den Kopf aus der Schlinge zogen. Spätestens nach diesem Spiel gilt der WM die volle Aufmerksamkeit der Deutschen.

Andere Länder, andere Sitten: Am Moskauer Flughafen Domodedowo war es am Samstag überhaupt nicht einfach, einen Fernseher zum Fußballgucken zu finden. Die Leute saßen geduldig auf den Wartebänken unter den Abflugtafeln, auf denen allerlei rot markierte Flüge zu sehen waren - die üblichen Verspätungen, in einem Land, das sich über elf Zeitzonen erstreckt. Ein Flug um 2.30 Uhr? Das Normalste der Welt. Zwei Stunden zu spät? Ja, was soll’s? Schließ die Augen! Schlummere! An diesem Abend sieht man in Domodedowo zwei Deutsche von Restaurant zu Restaurant hetzen und mit wirrem Blick die Wände absuchen. Läuft hier irgendwo das Deutschland-Spiel? Hat ja schon vor ner halben Stunde begonnen, doch wenn man den »Aeroekspress« am Bahnhof Paweletskaja verpasst hat, kann man in Stress geraten.

Da, ein Fernseher! Er hängt eher beiläufig im »Uzbechka«, einem Selbstbedienungsrestaurant mit usbekischen Spezialitäten. Auf den Holzbänken sitzen nur zwei, drei Halbinteressierte und ein schmatzender Mann, der das Spiel beim Kauen auf seinem Handy verfolgt. Erleichtert lassen wir uns nieder. Endlich Fußball. Geschafft. »Sieht schlecht für euch aus«, sagt der Schmatzende links von uns, mehr zu sich selbst als zu uns, als er realisiert, dass wir Deutsche sind.

Er lächelt hämisch vor sich hin. Hm. Als kurz die Schweden gen DFB-Tor preschen, fängt plötzlich das halbe Lokal an zu jubeln, vor allem die nigerianische Reisegruppe am Tisch hinter uns. So ist das also. Sympathien klar verteilt, nun gut.

Etwas anderes fällt viel schwerer ins Gewicht: Das Spiel läuft nur im Livestream und die Internetverbindung ist derart schlecht, dass ständig das Bild stockt. Reus läuft auf das Tor zu, Reus spielt zu ... Pause ... Boateng setzt von hinten zum langen Pass, der Ball fliegt ... Pause ... Neuer wirft den Ball zu Hec ... Pause!

Ein Mix aus Ruckeln, Pause, Gucken: Mal läuft's ein paar Minuten flüssig, dann wieder Stopp und Stille. So ein Mist! Standbilder von einem Spiel, das für die DFB-Kicker schon das Ende sein kann. Man würde es jetzt gerne im Ganzen sehen.

Dazu hat der Schmatzende mit seinem Handy ein paar Sekunden Vorlauf »Odin - odin!«, sagt er kopfschüttelnd. Und wirklich: Kurz darauf trifft Reus zum 1:1. Freude bei den Deutschen, auch wenn der Moment schöner gewesen wäre, hätte man es nicht schon vorher gewusst. Wird der Mann mit den schlechten Tischmanieren jetzt alles laut ansagen? Ja: »Boateng rot!« Umgehend fliegt Boateng vom Platz. Wer will Fußball gucken und schon wissen, was passiert?

Kurz darauf dann die Erlösung: Der Schmatzende geht. Wenigstens die Schlussphase ohne Vorhersagen! Freistoß in der Nachspielzeit, ist das spannend! Kommt hier noch die Wende? Da stockt das Fernsehbild, im Lokal hält man den Atem an.

So muss Fußball sein, denke ich noch, da hält mir mein Kollege grinsend sein Handy vors Auge: »2:1« steht da im Liveticker. Dann segelt der Ball von Kroos auch im Fernseher in Netz. Und ich merke, dass ich schon aufgestanden bin und Tor gerufen habe. Diesen Treffer musste das Uzbechka leider mit meiner Vorhersage ertragen. Iswinitje!

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