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Ein Revolver in der Teddybärentasche

Nicht gehorsam gegenüber den Erwartungen: Morgen beginnt das 24. Jüdische Filmfestival Berlin und Brandenburg

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Ein verstohlener Kuss auf einem dunklen Sportplatz fliegt auf - mit Folgen. Denn die Küssenden sind zwei Frauen und die eine davon gehört einer orthodoxen jüdischen Gemeinde Londons an. Esti (Rachel McAdams) hat in Ronit (Rachel Weisz) ihre Jugendliebe wiedergefunden, die nun ihr Leben auf den Kopf stellt. »Disobedience« (Ungehorsam), Sebastian Lelios Liebesgeschichte mit Starbesetzung, wird als Deutschland-Premiere auf dem 24. Jüdischen Filmfestival Berlin und Brandenburg gezeigt, das auch in diesem Jahr die Vielfalt jüdischen Lebens in aller Welt präsentiert.

Neben langen und kurzen Dokumentar- und Spielfilmen stehen auch experimentellere Formate oder Fernsehserien aus Israel, Frankreich, Deutschland, Russland und anderen Ländern auf dem Programm. »Disobedience« passt in das Festival, das formal und inhaltlich nie im Gehorsam gegenüber Erwartungen, in Normen oder politischer Korrektheit erstarrt ist. Das in einem unglamourösen London spielende Drama schildert eine doppelte Rückkehr.

So hat sich die hippe Fotografin Ronit für ein weltliches Leben in New York entschieden und stellt sich einem Wiedersehen mit einer Gemeinde, die ihr ihren Weggang nie verziehen hat. Die Lehrerin Esti dagegen hat Ronits Stiefbruder, einen Rabbi, geheiratet und ihr persönliches Glück stets den Regeln des orthodoxen Mikrokosmos untergeordnet. Freiheit als Last und Freiheit als Sehnsucht sind die Pole, zwischen denen sich beide Frauen bewegen. Dabei verfällt der Film jedoch nie in Klischees oder Schuldzuweisungen. Alessandro Nivola bietet eine besonders differenzierte Darstellung als geschmähter, aber sensibler Ehemann Estis. Dennoch gehört »Disobedience« ganz den beiden willensstarken Protagonistinnen und erzählt deren Geschichte ernsthaft und anrührend.

A propos Frauen: Dieses Jahr wurden 13 von 41 Filmen beim Jüdischen Filmfestival von Regisseurinnen inszeniert. Außerdem steht die herausragende Filmschauspielerin Hedy Lamarr (1914 - 2000) im Zentrum der Hommage. Die wenigsten wissen, dass die aus einem österreichisch-jüdischen Elternhaus stammende Hollywoodschönheit sich auch als Erfinderin der Frequenzspreizung hervortat, einer Technologie, die zum Vorreiter für Bluetooth und W-Lan avancierte.

Als Exponent des satirischen Humors gilt dagegen der aus Ungarn stammende israelische Schriftsteller und Regisseur Ephraim Kishon (1924 - 2005). Dass er vor allem in der Bundesrepublik seine größten Erfolge feierte, nahm der Holocaust-Überlebenden mit Befremdung und Amüsement zur Kenntnis. Die originelle, mit Zeichentrick-Animation verfremdete israelische Dokumentation »Kishon« (Regie: Eliav Lilti) porträtiert einen Mann, der auch in Momenten des größten Triumphs nie glücklich war.

Selbst als ihn Filmgrößen von Hitchcock bis Marcello Mastroianni bei den Golden Globes feierten, blieb er in seinem Herzen offenbar stets der junge Budapester Ferenc Hoffmann, der den angewiderten Blick eines schönen Mädchens ertragen musste, als dieses den Judenstern an seinem Revers erblickte. Emotionale Reserviertheit und das Gefühl von mangelnder Anerkennung führten schließlich zu Paranoia: In einer mit Teddybären verzierten Überlebenstasche trug er im Alter stets einen geladenen Revolver mit sich herum.

70 Jahre israelisches Filmschaffen feiert das Festival ebenfalls mit Samuel Maoz’ international prämierter Antikriegsparabel »Foxtrot«. Anhand eines tragischen Todesfalls reflektiert das Drama über die Psyche von Menschen in einem Land im permanenten Kriegszustand. Der Tanz des Foxtrotts symbolisiert dabei einen Teufelskreis aus Angst, Misstrauen und Stillstand im Angesicht des israelisch-palästinensischen Konflikts.

Vom 26.6. bis 5.7. u.a. in den Kinos Delphi Lux, Filmkunst 66 und im Filmmuseum Potsdam. Das Programm und weitere Informationen sind zu finden unter: www.jfbb.de

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