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Der Mann, der nicht altern kann

Konzerthaus Berlin: Der dem Nationalsozialismus entronnene deutsch-amerikanische Komponist Samuel Adler war zu Gast im Gesprächskonzert

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Der Mann ist sage und schreibe 90 Jahre alt und erstaunlich fidel in den Beinen und im Kopf. Jüngst stellte er sich dem Berliner Publikum im voll besetzten Otto-Saal des Konzerthauses vor. Schon vor zehn Jahren kam Samuel »Sam« Adler anlässlich seines 80. Geburtstag nach Berlin. Wer ihn damals sah und heute wiedersah, dürfte bemerkt haben, der Mann kann gar nicht altern. Der wird noch als 100-Jähriger Noten schreiben und seine Witze machen über sich und die Zeit, in der er Schlimmstes erlebte und aus der heraus er die unmöglichsten Initiativen ergriff.

Der Musikwissenschaftler Albrecht Dümling hatte Sam Adler nun abermals zum Gespräch gebeten. Er, Leiter der Reihe »musica reanimata« und Autor profunder Schriften über das Musikerexil während der Nazizeit, organisierte mit Hilfe von Spendengeldern die Veranstaltung und moderierte sie.

Seit 1990 besteht diese hochwichtige Unternehmung. Sie erinnert an über den Globus verstreute vergessene, verfolgte, verdrängte Musikschaffende der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Tote und Lebende rückten in den Fokus, einmal durch ihre Musik, die zur Aufführung kam, häufig zur Uraufführung, zum anderen über vorfindliche wie neu entdeckte Dokumente ihres Lebens und Arbeitens. Unterbrochene oder zerstörte Karrieren, weithin unbekannt, wurden anschaulich, Leiden und Tode von Komponisten und Musikern in Gefängnissen und Konzentrationslagern, Lebensformen im Exil, nicht zuletzt das Trotz alledem individuellen Wirkens. 135 Abende gab es bisher, der mit Sam Adler stand unter Überschrift »Brücken bauen mit Musik«.

»Musica reanimata« bietet einzigartigen Platz für das Gedenken und die Erinnerung. Namen wie Viktor Ullmann, Erwin Schulhoff, Fritz Busch kamen vor, sodann Gideon Klein, Berthold Goldschmidt, Exilanten aus dem US-, dem australischen und dem argentinischen Exil wie Hanns Eisler, Kurt Weill, Michael Gielen. Weitere werden folgen. Unendlich die Schar der Verfolgten, Gedemütigten, Getöteten.

Hingegen ist es vergnüglich, Sam Adler heute zu erleben. Kein Mann von Traurigkeit ist er, sondern lebhaft, in der Musik wie im Gespräch. Jude ist er, Deutscher, geboren in Mannheim, US-Amerikaner wurde er, weil er vor den Nazis fliehen musste. Im Alter von sieben Jahren erlernte Sam das Geigenspiel. Nicht die Mannheimer Tradition habe ihn geprägt, wohl aber sein Vater, Musiker aus Passion. Sein Geigenlehrer sei selbst Jude gewesen. Nachdem dieser 1934 aus dem ortsansässigen Orchester geflogen war, sei der Verarmte zu ihm nach Hause gekommen, um ihn zu unterrichten. Zuvor habe seine Mutter ihn erst mal gefüttert.

1934, so Sam, habe er die Schule wechseln müssen, für jüdische Kinder waren nur noch jüdische Schulen erlaubt. Die Pogromnacht (im Nazijargon »Reichskristallnacht«) überstanden er und seine Familie glimpflich. Die Synagoge brannte, der ganze Orgelkasten sei heruntergeknallt. Außergewöhnlich: Ein hoher SA-Offizier, der mit den Adlers im gleichen Haus wohnte, schützte die jüdische Familie. Im Januar 1939 gelang Sam mit Vater und Schwester unter großen Schwierigkeiten die Ausreise in die USA. Dort nahm er Kompositionsunterricht bei Herbert Fromm und keinem geringeren als Paul Hindemith. Unfreiwillig kam Sam in die Reihen der US-Army, blieb dort einfacher Soldat und gründete nach dem Sieg der Alliierten in Westdeutschland ein Armeeorchester (65 Männer). Als dessen Dirigent entfaltete er mit seinen Kollegen eine rege Konzerttätigkeit. Sam baute hier Brücken, wenig später auch solche zwischen christlicher und jüdischer Tradition als Chorleiter und -komponist in Texas. Groß ist die Zahl seiner Kompositionen. Alle Gattungen hat er bedient. Und neue Partituren entstehen.

»Reanimata« hat immer auch Konzertmusik im Programm. Exzellent gearbeitet ist Adlers dreisätzige Sonate Nr. 4 für Violine und Klavier, komponiert 1989. Der US-Amerikaner Noah Bendix-Balgley, derzeit Konzertmeister der Berliner Philharmoniker und befreundet mit Adler, musizierte souverän das im 3. Satz durchaus schwierige, insgesamt expressiv angelegte Werk, begleitet am Piano von Phillip Moll. Neben der »Chortrilogie« auf Bibeltexte (2012) mit dem Vokalensemble Sirventis unter Stefan Schuck, das satztechnisch allzu gewöhnlich daherkam, sang die bestens vorbereitete Sopranistin Sabine Goetz, eine potenzielle Eisler-Interpretin, Adlers »Songs of Innocent Love« für Sopran und Klavier, alternierend mit Violine auf vier Gedichte von Selma Meerbaum-Eisinger. Die starb achtzehnjährig 1942 in einem Zwangsarbeitslager in der Ukraine. »Komm zu mir, dann wieg’ ich dich, / wiege dich zur Ruh«, heißt es im dritten Lied. Eine wunderbar ausgehörte, hochpoetische Arbeit des sympathischen Grand Old Man. Was mehr, als dass Liebe den wunderbaren Abend krönte?

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