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Sie meinen die Ultras

Christoph Ruf über den merkwürdigen Fairness-Begriff von DFB-Vertretern und einen Leidtragenden der Pseudo-Justiz

  • Von Christoph Ruf
  • Lesedauer: 4 Min.

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Dass es vielen Menschen schwerfällt, beim Fußball anständig zu verlieren, ist bekannt. Eine neuere Erkenntnis ist es hingegen, dass es auch schwer sein kann, anständig zu gewinnen.

Nach dem glorreichen und hochverdienten Sieg des deutschen Underdogs gegen die mit Weltstars gespickten Schweden rannten jedenfalls einige Schlipsträger auf der deutschen Bank wild gestikulierend zu der Bank der Schweden und provozierten dort mit triumphierenden Gesten. »Nach dem Schlusspfiff schüttelt man sich die Hände und benimmt sich nicht so«, sagte Schwedens Trainer daraufhin.

Das sah dann irgendwann auch der DFB so - und entschuldigte sich bei den Schweden. Löblich. Wenn nicht Sportdirektor Oliver Bierhoff nachgeschoben hätte, das Zeitspiel der Schweden habe die Pavian-Reaktionen auf der DFB-Bank provoziert. Das war nun wirklich in mehrerlei Hinsicht interessant. Denn die Schweden hatten in der Schlussphase natürlich nicht mehr das deutsche Tor berannt, sich aber auch keinerlei unfaire Aktionen geleistet. Die Wahrnehmung des Oliver B. ist also das eine Mysterium, das andere ist, dass er überhaupt auf den Wert der Fairness verweist. Denn die spielte wohl noch nie eine kleinere Rolle als bei dieser WM.

Völlig schamlos schleichen Spieler im Tempo einer Weinbergschnecke bei ihrer Auswechslung vom Platz, um Zeit zu schinden, gaukeln andere Spieler lebensgefährliche Verletzungen an Körperstellen vor, an denen sie gar nicht berührt wurden. Kaum ein Spiel, das ohne dreiste Schwalben auskommt. Auch Weltstars wie der Brasilianer Neymar scheinen den Großteil ihrer Konzentration darauf zu verwenden, den Schiedsrichter zu verarschen - eine Unsitte, die bei der Niederlage gegen Mexiko auch einige deutsche Spieler betrieben.

Überhaupt sollte die Göttin der Fairness erst dann vom DFB angerufen werden, wenn er Timo Werner aus dem Kader schmeißt. Denn die weltdreisteste Schwalbe gewürzt mit einer feisten Lüge in den Interviews danach - die hat sich in den letzten Jahren kein Brasilianer geleistet.

Aber bleiben wir beim Thema Fairness. Oder geht es nicht auch hier eher um das Vorgaukeln falscher Tatsachen? Jedenfalls leistet sich der DFB eine Sportgerichtsbarkeit, die über Recht und Unrecht im Fußball befindet. Zur besten Sendezeit - also während alle WM gucken - hat dessen Kontrollausschuss nun vorgeschlagen, dass dem Regionalligisten SV Waldhof Mannheim für die kommende Saison neun Punkte abgezogen werden, weil einige seiner Fans im entscheidenden Aufstiegsspiel gegen den KFC Uerdingen einen Spielabbruch provoziert haben. Den Ärger des DFB über die Aktion von ein paar Handvoll elitärer Fans, die sich einen Scheiß um den Mehrheitswillen im Stadion kümmern, den kann man gut verstehen.

Doch die Wahrheit ist, dass kein Verein und kein Verband mit Sicherheit ausschließen kann, dass sich so etwas in seinem Stadion nicht auch ereignet. Die Mannheimer haben nun ein paar Maßnahmen beschlossen - und zwar aus eigenem Antrieb und sofort nach dem skandalösen Spiel: keine Fan-Selbstverwaltung mehr im Stadion, Ausbau der Videoüberwachung, das Entfernen der »Ultra-Container« vom Stadiongelände, das Verbot von Blockfahnen etc.

Exakt diese Maßnahmen schlägt der DFB nun auch vor, nur, dass er zusätzlich neun Punkte abziehen will, was nicht mehr und nicht weniger heißt, als dass er einem Verein, dem er durch die äußerst fragwürdige Lizenzerteilung für Uerdingen bereits die Dritte Liga verwehrt hat, nun auch die kommende Saison ruiniert. Neun Punkte werden nämlich nicht aufzuholen sein. Nach dem Protest der Waldhöfer - darauf darf man wohl wetten - wird der DFB-Würfel statt neun eine etwas geringere Augenzahl anzeigen. Man kann sich dann kompromissbereit geben und irgendwie nachweisen, dass die eigene Justiz mehrere Instanzen hat.

Dabei geht es letztlich nur um eines: Um ein Ausrufezeichen. Um die martialische Antwort eines mächtigen Verbandes, der den Ultras zeigen will, dass er sich nicht auf der Nase herumtanzen lassen will. Und der den Verein bestraft, weil er die Ultras nicht zu fassen bekommt.

Wer das logisch findet, müsste den DFB mal fragen, wie er die rechtsextremen und antisemitischen Pöbeleien bestrafen will, die sich Fans der deutschen Mannschaft im vergangenen Sommer in Prag geleistet haben. Nach seiner eigenen Logik müsste er sich in der anstehenden EM-Qualifikation selbst einen Punktabzug auferlegen.

Rosa - Dietz-Verlag

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