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Es ist alles kompliziert

Abseits! Die Feuilleton-WM-Kolumne

  • Von Jürgen Amendt
  • Lesedauer: 3 Min.

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Früher, ja früher, da war alles einfach. Wer politisch rechts war, brüllte während einer Fußballweltmeisterschaft für Deutschland. Der Slawe (also der Pole, der Bulgare, der Russe) galt ihm als besonders gefährlich, weil er angeblich zusammenhält. Ähnliches traf auf den Jugoslawen zu. Die jugoslawische Mannschaft bei der WM 1974 etwa, so bekam ich als Neunjähriger zu hören, sei besonders heimtückisch, »weil der Jugoslawe ein geborener Partisan ist, da musst du aufpassen!« Ich wusste damals nicht, was ein Partisan ist, hielt das für Reibekäse vom Balkan, aber dass die Jugos heimtückisch sind, hatte ich verstanden. Wer politisch links war, brüllte nicht für Deutschland, sondern für die Jugos, manchmal auch für Italien, weil dort Kommunisten so stark waren (außerdem verstanden die italienischen Kommunisten anders als ihre DKP-Genossen etwas von gutem Essen und gutem Wein).

Mit dieser Fußball-WM hingegen ist es sehr, sehr kompliziert. Soll man jetzt Sympathien für Ilkay Gündogan und Mesut Özil haben, weil der rechte Mob sie wegen dieser Sache mit dem Händedruck und dem Bild mit dem türkischen Despoten Recep Tayyip Erdogan aus dem DFB-Team kegeln will? Einerseits ja, andererseits nein. Ja, weil man damit die AfD und die CSU ärgern kann; nein, weil Erdogan ja auch kein lupenreiner Demokrat ist. Ist es jetzt gut, wenn die deutsche Mannschaft in der Vorrunde ausscheidet, weil dann, so lautet einer der inflationär verfassten Beiträge auf Facebook, der »nationale Spuk« endlich ein Ende hätte? Oder wäre das Vorrundenaus schlecht, weil sich dann der ganze Hass des Deutschen gegen alles Fremde richtet? Und sollte man nicht schon deshalb für Deutschland sein, weil die Rechten gegen das deutsche Team sind, weil in der Mannschaft so viele Migranten spielen?

Man weiß es nicht. Man weiß auch nicht mehr, ob man für die Russen oder die Polen sein soll; Russland ist ja nicht mehr Sowjetrussland und Polen wird heute von PiSern regiert, einer Mischung aus AfD und CSU. England ist der Verräter an der EU. Spanien, na ja: Der Spanier an sich ist ja okay, aber seine Fußballliga ist derart korrumpiert, das Uli Hoeneß dagegen wie ein Buchhalter wirkt, der sich aus der Bier-Kasse bedient hat.

Auch der Brasilianer und der Argentinier sind nicht mehr das, was sie einmal waren. Bei der WM 1978 in Argentinien war zwar die Regierung dort scheiße (Militärdiktatur!), dafür war mit César Luis Menotti jemand Trainer der Argentinier, der die Philosophie eines linken Fußballs vertrat, der sich nicht nur am Sieg ergötzte, sondern an der Schönheit und Ästhetik des Spiels. Das wird heute auch von Jogi Löw so gesagt, aber Löw ist beileibe kein Linker.

Was ist mit dem Afrikaner? Nun, der Afrikaner ist heute wie der Europäer, also wie der Deutsche. Er spielt Fußball, um zu gewinnen; selbst wenn er sich durch die Vorrunde rumpeln muss. Dass der Franzose keine Sympathien mehr bekommen kann, ist wegen Emmanuel Macron und Marie Le Pen selbstverständlich. Bleibt also doch nur das kleinere Übel: der Deutsche. Ein so schönes Tor wie das von Toni Kroos in der fünften Minute der Nachspielzeit gegen Schweden hat die WM bislang nicht gesehen. Da können der Russe, der Pole, der Brasilianer und der Argentinier einpacken, der Serbe sowieso! Einerseits. Andererseits spielt Kroos bei diesem korrupten Verein aus Madrid. Es ist halt alles kompliziert geworden.

Alle Kolumnen unter: dasND.de/abseits

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