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Pornostars, Punks & Postboten

Virginie Despentes: »Das Leben des Vernon Subutex 2«

  • Von Guido Speckmann
  • Lesedauer: 4 Min.

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Ohne Menschen nur eine Wiese im Park Buttes-Chaumont, so aber ein riesiger Pariser Debattiersalon
Ohne Menschen nur eine Wiese im Park Buttes-Chaumont, so aber ein riesiger Pariser Debattiersalon

Die eine kann damit leben, der andere verfault innerlich am Groll über seine Mittelmäßigkeit: Auch im zweiten Teil von Virginie Despentes’ viel gelobter Trilogie »Das Leben des Vernon Subutex« leiden die Protagonisten am verpfuschten Leben. Aber im Gegensatz zum ersten Teil gönnt ihnen die ehemalige Punkerin und Pornofilmkritikerin, die heutige Feministin sowie Schriftstellerin hier eine Auszeit.

Rückblick: Im ersten Band erzählte die 48-jährige Autorin vom Abstieg des nach einem Heroinsubstitut benannten Vernon Subutex. Einst ein einflussreicher Plattenladenbesitzer in Paris, musste er seinen Laden, einen Anlaufpunkt der Musiksubkultur, schließen. Als Napster und iTunes der klassischen Musikindustrie den Garaus machten, kauften die Leute keine LPs und CDs mehr. Eine Zeit lang kann Subutex seine Miete davon bezahlen, dass er seine wertvollen Restbestände über das Internet vertickt. Als alle Platten verkauft sind, übernimmt ein alter Freund, der erfolgreiche Musiker und Sänger Alex Bleach, die Miete. Als der jedoch an einer Überdosis stirbt, fliegt Subutex aus der Wohnung. Zunächst übernachtet er noch bei ehemaligen Bandkollegen, Freundinnen und Bekannten, dann landet er auf der Straße.

Man las diese Abstiegsgeschichte aus der Sicht derer, bei denen Subu-tex Unterschlupf fand, oder jener, deren Wege sich mit Subutex’ Wegen kreuzten. So lernte der Leser einen frustrierten rechtsradikalen Drehbuchschreiber, ehemalige Pornostars und gealterte Punkrockmusiker kennen, dazu Nazischläger, einen fiesen Filmproduzenten, einen koksenden Börsenhändler, einen laizistischen Universitätsdozenten, einen gewalttätigen marxistischen Postboten sowie eine junge Islamistin. Trotz aller unsympathischen Züge, die sie hatten, empfand man bei der Lektüre Empathie mit diesen Figuren.

Durch die Multiperspektivität zeichnete die Autorin ein Sittengemälde nicht nur der Pariser, sondern der französischen Gesellschaft insgesamt. Es ist eine Gesellschaft, in der alle zu Konsumenten geworden sind - selbst jene, die im Geiste des Punk einst angetreten waren, sich der offiziellen Sprache des Kapitalismus und der Werbung zu verweigern. Es ist eine, in der das Klassenbewusstsein und damit die Würde der Leute verschwunden ist. Es ist eine Gesellschaft, in der die Linke orientierungslos geworden ist, und eine, in der der Songschreiber Bleach keine Musik mehr textet, sondern davon lebt, dass seine alten Songs zu Werbehits und Klingeltönen geworden sind. Despentes schilderte das in einer rohen, wütenden Sprache und psychologisch stets nachvollziehbar.

Zu Beginn von »Vernon Subutex 2« ist der Protagonist ganz unten angekommen. Er ist obdachlos, schläft im Norden von Paris, in der Nähe des Parks Buttes-Chaumont. Er hat nicht einmal eine Decke, um sich zu wärmen. »Manchmal legt sich eine fette, einäugige Katze mit rotem Fell auf seinen Bauch.« Mitunter hat er Aussetzer und verfällt in Lethargie.

Seine alten Freundinnen und Bekannten schließen sich unterdessen, vom schlechten Gewissen geplagt, virtuell in einer WhatsApp-Gruppe und bald auch realiter zusammen, um Vernon Subutex und die in seinem Besitz befindlichen Memoiren des verstorbenen Sängers Bleach zu suchen. Als sie ihn schließlich finden, passiert etwas Merkwürdiges: Die Hauptfigur schlägt alle Angebote aus, bei seinen Freunden unterzukommen. Stattdessen bleibt er im Park und empfängt dort »mit der Liebenswürdigkeit eines Gastgebers, der Zeit hat und sich über Aufmerksamkeit freut«, seine Bekannten. Die Wiese wird zu Vernons Salon, der Park zu einer Mischung aus Debattierklub und Coffeeshop unter freiem Himmel. Manchmal legt Su᠆butex abends in einem Café Platten auf und verzaubert die Anwesenden. Er wird zum »Schamanen«, seine Freunde zu »Jüngern«.

Den Grund dafür fasst der erwähnte frustrierte Drehbuchschreiber in folgende Worte: »Ich habe in einem tiefen Loch gesteckt. Wir sagen immer, ich scheiß auf das Urteil der anderen, aber das Urteil steckt in dir drin, und das Schwierige ist, es dir selbst aus der Brust zu reißen. Zu sehen, dass Vernon das schafft, hat mich irgendwie befreit. Ich habe aufgehört, mir selbst Geschichten zu erzählen, in denen ich ein Held sein muss ...«

Auf diese Weise wird »Vernon Su᠆butex 2« zu einer fast klassischen Hippie-Aussteigergeschichte, Psychomagie und Gruppenhysterie inklusive. Das liest sich psychologisch weniger schlüssig als im ersten Teil. Allerdings tut das der Lesefreude nur wenig Abbruch. Denn neben der Aussteigergeschichte wird noch viel mehr erzählt, zum Beispiel, wie sich zwei Freundinnen an einem Vergewaltiger rächen. Man muss gar nicht den viel gezogenen Balzac- oder Houellebecq-Vergleich bemühen oder den im September erscheinenden letzten Teil abwarten, um festhalten zu können, dass Virginie Despentes mit ihrer Subutex-Trilogie ein beeindruckendes Werk gelungen ist.

Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex 2. Roman. Aus dem Französischen von Claudia Steinitz. Kiepenheuer & Witsch, 395 S., geb., 22 €.

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