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Studium abgehakt – und dann?

Letzter Teil der nd-Serie: Die Jobsuche ist für viele Hochschulabsolventen begleitet von Unsicherheit und Unwägbarkeiten

  • Von Dorian Tigges
  • Lesedauer: 7 Min.

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Wenn man länger studiert gibt es immer wieder Kommilitonen, von denen man überholt wird. Einer davon ist Jakob*. Der 26-Jährige hat gerade sein Studium der Soziologie an der HU Berlin abgeschlossen. Wegen der hohen Miete für seine WG in Berlin-Charlottenburg musste er während des Studiums in einer nahe gelegenen Bar jobben. In den letzten Jahren hatte er daher ziemlich wenig Zeit, am Wochenende auszugehen oder mal entspannt ein Buch zu lesen. Das würde er gerne ändern.

Aber daraus wird vorerst nichts. Nach einigen erfolglosen Bewerbungen unter anderem als Sachbearbeiter in einem Statistikamt oder als Leiter einer Jugendhilfeeinrichtung ist er ziemlich bedrückt. Sogar als Integrationsmanager im beschaulichen Eberswalde in Nordbrandenburg hatte er sich beworben. Ist aber alles nichts geworden.

Ein Problem dabei war seine fehlende Berufserfahrung. So wird heute in den allermeisten Stellenanzeigen eine mehrjährige Berufstätigkeit vorausgesetzt. Selbst bei Trainee-Stellen, also Aufbauprogrammen für Führungskräfte, die frisch von der Uni kommen, werden vielerorts ein bis zwei Jahre Berufserfahrung, mindestens aber Praktika im entsprechenden Arbeitsfeld vorausgesetzt.

Doch woher soll Jakob die haben? Da er während des Studiums arbeiten musste, waren längere Praktika mit geringem Verdienst schlichtweg nicht drin. Einzig die Pflichtpraktika im Studium, für die es kein Geld gab, hat er absolviert.

Bei seinen Bewerbungsgesprächen musste er sich auch anhören, dass er nach dem Studium zu wenig spezialisiert und sein Englisch nicht gut genug sei. Wie auch - beides hat die Studienordnung nicht vorgesehen. Und viel Zeit hatte er neben Studium und Nebenjob nicht.

Wenn die Miete steigt, wird es eng

Jakob wollte schon aufgeben und Hartz IV beantragen, als er doch noch eine Zusage bekam: als Ehrenamtskoordinator. Immerhin ein fester Job, wenngleich die Bezahlung nicht allzu gut ist und er auch an Wochenenden arbeiten muss. Eine eigene Wohnung ist finanziell nicht drin. Doch so lange er sich in seiner WG wohlfühlt, ist das erst einmal kein Problem.

Er freut sich, untergekommen zu sein und muss schauen, was noch kommt. Doch wenn die Miete weiter steigt, wird es richtig eng. Die liegt für seine WG in der Nähe des Rüdesheimer Platzes mit etwa 9,50 Euro netto kalt zwar noch unter dem Berliner Durchschnitt, doch die nächsten Erhöhungen sind abzusehen. WG-Zimmer sind in Charlottenburg heute kaum mehr unter 400 Euro warm zu bekommen.

In der selben Zeit erhielt Jakob für seinen Nebenjob nie mehr als den Mindestlohn, der von 8,50 Euro inzwischen geringfügig auf 8,84 Euro angehoben wurde.

Zu alledem kommt noch die Ungewissheit. Braucht er bald einen neuen Job in Berlin oder muss er dafür in eine andere Stadt ziehen? Und könnte er es sich überhaupt leisten, danach wieder in die Hauptstadt zurückzukehren?

Zu migrantisch, zu weiblich?

Samira* hat auch mit Problemen zu kämpfen. Mit ihrem Masterabschluss in Betriebswirtschaftslehre von der Universität Bremen fällt es ihr schwer, einen richtigen Job zu finden. Zwar gibt es hunderte von Stellenanzeigen auf dem Markt, aber erst nach der zwanzigsten Bewerbung bekam die 27-Jährige überhaupt eine Rückmeldung. Einladungen zu Bewerbungsgesprächen lassen auf sich warten. Sie fragt sich, woran das liegen könnte: Waren ihre Studienleistungen nicht gut genug? Sie hatte einen Notendurchschnitt von 2,4. Oder liegt es an ihrem nicht-deutschen Namen? Oder daran, dass sie eine Frau ist? Sie weiß es nicht. Vielleicht fehlt ihr ganz einfach die Berufspraxis fehlt.

In der Tat sind laut dem Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung bis heute rassistische Diskriminierungen bei der Jobsuche an der Tagesordnung. Ausschlaggebend ist dabei häufig schon ein ausländisch klingender Name, die Zugehörigkeit oder das Bewerbungsfoto. Dass es bei Diskriminierungen von Frauen nicht besser aussieht, hat MeToo-Debatte gezeigt. Laut dem Institut zur Zukunft der Arbeit in Bonn kommt noch hinzu, dass die Diskriminierungen entlang von Geschlecht, Ethnie und Religion mit höherer Qualifikation der Bewerberinnen ansteigen.

Wie Jakob und Samira geht es vielen Berufseinsteigern. Unbezahlte Praktika haben heute zwar ihre Bedeutung verloren; das heißt aber nicht, dass es für Absolventen heute einfacher wäre als vor zehn Jahren.

Laut dem Institut der Deutschen Wirtschaft erhielt 2012 fast jeder zehnte Akademiker einen Bruttolohn von etwa 9,30 Euro.

Die Lage hat sich zwar in den letzten Jahren deutlich gebessert. So haben insbesondere die Absolventen der stärker technisch ausgerichteten Fachhochschulen (Master) nach der Absolventenstudie 2016 inzwischen nicht nur Aussicht auf ein Einstiegsgehalt pro Jahr von knapp 40 200 Euro, sondern auch mehrheitlich gute Aussichten auf eine unbefristete Anstellung. An den Universitätsabsolventen und besonders an den Geisteswissenschaftlern ging dieser Trend jedoch weitestgehend vorbei. Deren Bruttoeinstiegsgehalt liegt aktuell bei 30 000 bis 40 000 Euro im Jahr. Schlechter haben es beispielsweise noch Architekten oder Sozialarbeiter mit einem jährlichen Einstiegsgehalt um 30 000 Jahr. Hausmeister verdienen in ihrem Beruf, der keinen geregelten Ausbildungsgang voraussetzt, laut Vergleichsportalen wie gehalt.de mit 31 650 Euro im Durchschnitt etwa gleich viel.

Schmerzhafte Unsicherheit

Dazu kommt noch, dass rund die Hälfte aller Absolventen zunächst nur einen befristeten Arbeitsvertrag erhält - bei den Geisteswissenschaften sogar drei Viertel. Dabei wird in der Regel eine hohe Flexibilität gefordert. Flexibilität, das heißt zum Beispiel Arbeit am Wochenende, kaum Kündigungsschutz, ständige Erreichbarkeit. Eine Familie zu gründen, ein zeitaufwendiges Hobby, politisches Engagement - so etwas ist unter diesen Bedingungen kaum möglich.

Die Verdienstaussichten nach dem Studium sind in den letzten Jahren, auch durch die Einführung des Mindestlohns, besser geworden. Doch berufliche Unsicherheit und geforderte Flexibilität haben zugenommen. Das hat nicht zuletzt Folgen für die Gesundheit: Jeder zehnte Berufstätige unter 30 Jahren leidet den Krankenkassen unter Schmerzen ohne organische Ursachen, oft begleitet von Burn-out und Depressionen.

Samira hat es inzwischen aufgegeben, einen festen Job zu suchen. Sie hätte vielleicht einen bekommen können, aber dafür aus Bremen wegziehen müssen. Doch dann müsste sie eine Fernbeziehung mit ihrer Freundin führen. Das kommt für sie nicht in Frage. Jetzt hält sie sich mit Nebenjobs über Wasser und hofft weiter auf einen Job in erreichbarer Nähe.

Weiter an der Uni bleiben?

Besonders schwierig wird es, wenn man sich wie Jens* nach dem Studium für eine Promotion entschieden hat. Er hat seinen Master 2016 in Politikwissenschaften an der Universität Kassel gemacht und arbeitet inzwischen im zweiten Jahr an seiner Promotion. Am Anfang lief es ganz gut. Er bekam eine Stelle bei einem Forschungsprojekt an seinem Institut, konnte damit seinen Lebensunterhalt finanzieren und machte sich voller Motivation an die Arbeit.

Mit seinem Job hatte er Glück. Denn von den knapp 200 000 Promovierenden in Deutschland hatten 2014 hatten laut Statistischem Bundesamt nur 64 Prozent eine Stelle an einer Hochschule. Diese Stellen sind nahezu alle befristet, meist unabhängig von der Dauer der Promotion.

Inzwischen spürt Jens, dass er wegen der zeitlichen Belastung durch den Job mit der Promotion nicht so voran kommt, wie er sich das vorgestellt hat. Damit ist er nicht allein. So arbeiteten 2014 zwar 82 Prozent der angestellten Promovierenden in Forschung und Lehre, was jedoch nicht bedeutet, dass die Tätigkeit ihrer Promotion zugute kam oder sich zeitlich mit dieser vereinbaren ließ. 44 Prozent der angestellten Promovierenden hatten eine Wochenarbeitszeit von mehr als 30 Stunden.

Ende September läuft das Projekt aus, bei dem Jens beschäftigt ist. Dann hat er zwar wieder genug Zeit für die Doktorarbeit, aber kein Geld zum Leben. Deshalb will er sich eine Stelle mit geringerer Stundenbelastung suchen, wahrscheinlich als wissenschaftliche Hilfskraft. Sollte das gelingen, wäre die Finanzierung für weitere zwei Jahre gesichert.

Doch danach wird es wohl wieder schwierig. Weil er schon während des Studiums als Hilfskraft an der Uni gearbeitet hat, wäre dann seine maximale Beschäftigungsdauer erreicht. Die Uni darf ihn nicht länger als Hilfskraft beschäftigen. Vielleicht hat er es bis dahin die Promotion fertiggestellt; wenn nicht, müsste er sich wohl wieder nach Projektstellen umsehen, sicherlich erneut befristet.

Und danach wird es nicht einfacher. Professuren sind in Deutschland rar gesät und Festanstellungen im wissenschaftlichen Mittelbau inzwischen zur Ausnahme geworden; Privatdozenten bekommen teilweise deutlich unter 1000 Euro brutto pro Seminar, das sie anbieten. Rosige Aussichten sehen anders aus.

* Die Namen wurden verändert.

Dorian Tigges studiert Kunstgeschichte in Marburg und engagiert sich dort seit Jahren in der Studierendenvertretung.

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