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Erbsen für den Seelenfrieden

Allan Jenkins gräbt im Garten nach seinen eigenen Wurzeln

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 5 Min.

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Auf dem Titelbild Kapuzinerkresse - die verbreitet ihre Wurzeln stark und rankt recht weit. So wie sich auch dieser Text verzweigt: von der Parzelle 29 in einer Londoner Kleingartenkolonie bis in eine Vergangenheit, die gar nicht mal so fern ist, wie es einem vorkommen mag. Denn unsereins hatte eine ganz andere Vorstellung vom Großbritannien der 1950er, 60er, 70er Jahre, als wir in der Schule »Do you want a cup of tea?« buchstabierten. Dass es dort eine so schreckliche Armut gab, eine solche Verwahrlosung, auch der Kinder, hätte ich damals als Lüge abgetan, so wie ich auch dem »Schwarzen Kanal« nicht glaubte.

Doch zurück zur Kapuzinerkresse. Die dekorative Gestaltung lässt ein Gartenbuch erwarten, das Allan Jenkins auch hatte schreiben wollen: Ein Jahr in seinem Garten. »Als ich mit diesem Buch begann, dachte ich, es würde hauptsächlich von Dudley, von Blumen, Obst, Gemüse und von mir handeln.« Dudley - das war sein Pflegevater, von dem er einst ein kleines Beet und Samen der Kapuzinerkresse bekam. Sein Bruder Christopher sollte Studentenblumen säen. Ihm, dem früh Verstorbenen, hat Allan Jenkins sein Buch gewidmet. Eine Kerze habe er für ihn anzünden wollen. »Der Gedanke, dass ich nicht bei seiner Einäscherung war, ist mir unerträglich.«

Aber es ist tatsächlich auch ein Gartenbuch - kein Ratgeber, wie es viele gibt, sondern eines der behutsamen, freundlichen Beobachtung und der genussvollen Beschreibung von Tätigkeiten, die ermüdend wären, hätten sie nicht diese Aura des Sinnhaften, Schöpferischen. Wir lesen von Ahornkeimlingen und Nesseln, von Bohnen und Ringelblumen, von Mangold, der geerntet und zubereitet wird, von nachbarschaftlicher Hilfe, familiärem Zusammenhalt. Wie viele Pflanzen im Buch vorkommen: kaum zu zählen. An dem wuchernden Garten des Autors wird man sich beim Lesen erfreuen und zugleich atemlos darauf warten, wie es mit seinen »Ausgrabungen« weitergeht, die er kapitelweise in sein Gartentagebuch einfügt.

Mit Erinnerungen an den Garten von »Mum und Dad« beginnt es. Auf einem Foto sieht man die beiden Brüder. Christopher hält glücklich eine Katze im Arm. Aber irgendwann war er nicht mehr gewollt. Er, der Größere, wurde schwierig, während der zwei Jahre Jüngere fügsamer war, sogar den Namen der Dudleys annahm. Dass sie ihn adoptiert hätten, meinte Allan. Doch dem war nicht so, wie er später erfuhr. Als er das Buch fast fertig hatte, kam ihm insgeheim sogar ein Bedauern. Hätte er es nicht bei lichten Erinnerungen belassen sollen, musste er denn das Dunkle hervorholen? Doch es quälte ihn ja ohnehin.

Er musste in seiner Vergangenheit graben, weil er sich vor seinem verlorenen Bruder in der Pflicht sah. Während er sich um die Frühlingszwiebeln kümmert, die von Rost befallen sind, Bio-Schneckenkorn auslegt und sich während eines Wolkenbruchs durch die Erbsenreihen hackt, geben die kreisenden Gedanken für Momente Ruhe. Wer ist meine Mutter, wer der Mann, dem ich meine Geburt verdanke? Zu Beginn des Buches hat Allan Jenkins seine Verwandten und Bekannten in einem Verzeichnis zusammengestellt (wie man es sich auch bei anderen Büchern oft wünschen würde). Da heißt die leibliche Mutter Sheila und der Vater Ray. Sheila aber hat offenbar viele Männer gehabt, und Allan wird von seinem wirklichen Vater erst nach vielen Recherchen erfahren.

Acht Geschwister nennt das Verzeichnis. Dass er gleich nach der Geburt zur Adoption freigegeben wurde, ist eine erschreckende Nachricht. Drei Monate dauerte es, bis sich in einem der Fürsorge-Heime von Dr. Barnardo (bei ihrer Beschreibung möchte man nichts mehr auf DDR-Kinderheime kommen lassen) ein Platz für ihn fand. Er hatte die Krätze, als er eingeliefert wurde … Immerhin zahlte das Jugendamt später für ein Internat, wo Schläge an der Tagesordnung waren. Dort begriff er, dass Herkunft und Autos zählen. »Ich weiß, ich kann mich anpassen. Ich habe mich darin schon bewiesen.« Ein tonnenschwerer Satz.

In Bruchstücken enthüllt sich eine verschüttete Familiengeschichte, mit Verschweigen und Lüge durchsetzt, denn niemand möchte schlecht dastehen und Geheimnisse preisgeben, die ihr oder ihm schaden würden. Allan Jenkins aber kommt von unten in diese Mittelschichten-Welt. Inzwischen preisgekrönter Journalist und Herausgeber des britischen Magazins »Observer Food Monthly«, wundert er sich selbst, wie er einem vermeintlich vorbestimmten Schicksal hatte entrinnen können. Auch daher sein schlechtes Gewissen gegenüber dem Bruder, der dazu eben nicht in der Lage war. Ein Gefühl von Scham, Schuld und Verrat vermischt sich bei Jenkins mit Ängsten, die er womöglich aus seiner Kindheit mitgebracht hat. Erinnerungen gibt es, die er nicht glauben will. »So etwas Schlimmes konnte doch nicht passiert sein.« Er geht zur Psychotherapie und bricht während der Sitzungen in Tränen aus. Dabei hat er schon längst eine eigene Familie, Frau und Kinder, aber das Gefühl, ein »Kuckucksskind« gewesen zu sein, hat ihn in seiner Seele einsam gemacht. Lange hat er es verborgen. Es mit seinem Gartenbuch ans Licht zu bringen, war ihm ein Bedürfnis, hat ihm wohl eine Heilung gebracht.

Allan Jenkins: Wurzeln schlagen. Ein Jahr im Garten auf der Suche nach mir selbst. Aus dem Englischen von Christel Dormagen. Rowohlt, 298 S., geb., 20 €.

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