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  • Lyrik und Nationalismus

Grenzpoesie - Poesiegrenze?

Die zeitgenössische Lyrik in Deutschland ist postnational und kosmopolitisch

  • Von Björn Hayer
  • Lesedauer: 4 Min.

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Der Ruf «Wir sind das Volk!» stand einst für Freiheit, inzwischen jedoch leider für eine anmaßende Verteidigung von Besitzstand. Versinnbildlicht wird darin das unredliche Motto: Deutschland den Deutschen. Statt wie 1989 Mauern einzureißen, werden mit dem Slogan geradezu neue errichtet, zwischen drinnen und draußen, wir und denen. Sprache kann ausgrenzen, Macht ausdrücken, Realitäten verfestigen, für unlautere Zwecke missbraucht werden.

Dass sie aber auch Vielfalt zu transportieren, unser Denken und die Verhältnisse zu verändern vermag, liest sich an der neueren Lyrik ab. Während sich die Nationalisten als Erretter eines «reinen Deutschtums» gerieren, loten die Poeten dieser Tage das unendliche Potenzial der Sprache (kosmopolitischer Intellektueller wie Goethe und Schiller) aus. Der Raum zwischen dem Eigenen und dem anderen schwindet in dieser Dichtung - vor allem in so virtuosen Sprachspielen, wie sie Barbara Köhler in ihrer Miniatur «FREMDENVERKEHR» vorführt: «die verkehrung von fremden zu freunden, deren / falsifizierung: valse vrienden, false friends / weil handschriftliches lettering etwas undeut / lich zwischen fremd und freund sein kann bloß / so eine halbe kehre vom m zum un und unzuläng / lich wie menschen ja umgehn mit andern und un / terschieden die sie bewegen». Indem die Lyrikerin selbst die konventionelle Worttrennung am Zeilenende aufbricht, entsteht ein Fließen im Poetischen. Fremde klingt wie Freunde.

Und doch gibt es eben eine kleine, aber spürbare Differenz, die sich kulturell begründet und momentan den öffentlichen Diskurs bestimmt. Der Büchner-Preisträger Durs Grünein analysiert daher sehr genau den Blick der Stigmatisierung und Abwertung in seinem Gedicht «Die Ausgeschlossenen». Im Park campierende Afrikaner muten seinem lyrischen Ich fast wie unsichtbare «Gespenster» und «Randfiguren» an, welche von jenem römischen Brunnen trinken, den einst ihre Vorfahren, die Sklaven, erbaut haben. Sie seien «stolze Menschen im Grunde, doch nutzlos / in ihrer Verborgenheit». Denn die meisten Passanten haben nur Ablehnung für sie übrig, «Augen», die «punktier[en]» und verurteilen. Mit kritischer Ironie fragt der Schriftsteller daher ferner in dem politischen Text «Allgemeine Verschärfung»: «War die Gesellschaft nicht offen? So offen, daß viele / Von nun an draußen blieben, hinter der gläsernen Wand.»

Dass die aus der Ferne Kommenden vieles überstehen mussten und eigentlich des Mitgefühls bedürften, thematisiert Thilo Krauses «Rede des Migranten». Letzterer hat seine Vergangenheit im Schlepptau, hat irgendwo ein Zuhause. Sobald er aufgebrochen ist, steht seine Existenz im Zeichen des Dazwischens. «Du schliefst / im Schatten der Büsche / die sich neigten / auf beiden Seiten. / Fluss oder Berg. Kommen oder gehen» - so beschreibt das lyrische Ich sein Gegenüber, das ganz an das «Oder» und die beiden «Seiten» gekoppelt ist. Migranten tragen beides mit sich herum, das Alte und das Neue. Sie erweisen sich als Heimatlose und Vermittler der Kulturen gleichermaßen. Sie versinnbildlichen, wie Mirko Bonnés «Elisabeth Street» darlegt, das «Verschwindenmüssen». Es gilt: «Wiederkehr möglich, doch nie mehr so.»

Mehr als jede andere Gattung wohnt der Lyrik das Potenzial inne, den Leser zu einem Einfühlen anzuregen. Einerseits emotionalisiert Poesie, andererseits fordert sie zur Interpretation heraus. Gerade weil sie zumeist vielfältige Deutungswege anbietet, ermöglicht sie, stets unterschiedliche und vor allem gleichwertige Perspektiven einzunehmen. Dadurch verlieren die Zugewanderten ihre Fremdheit. Das Denken in separierenden Kategorien wie In- und Ausländer löst sich zugunsten einer von Toleranz und Pluralismus geprägten Wir-Gemeinschaft auf, in der das Trennende schwindet und die Vorstellung von einer kulturell-nationalen Ursprünglichkeit leichtfüßig ad absurdum geführt wird.

Aus dem mit Besitzanspruch verknüpften «eigendeutsch» macht der 1961 im alemannischen Hausach geborene José F. A. Oliver kurzerhand «eigensinnlich». Der Eigensinn des spanischstämmigen Poeten entzieht sich bewusst jedweder Einordnung. In seinem «gedicht einer e / migration» beschreibt er ein in einem «böhmischen dorf» geboren[es]« Ich. Es wächst »abgeschottet / von einer spanischen wand« auf, findet seinen Platz zwischen verschiedenen Kulturen und Sprachen. Der Zwang, sich festlegen zu müssen, ruft in ihm blankes Entsetzen hervor. Denn »Hören / meine augen auf zu träumen / wenn jemand mit dem finger auf eine landkarte zeigt« - eine ganze Subgattung scheint der Dichter zu begründen: die postnationale Lyrik. Die Idee von einer fixen Identität wird darin als Konstruktion entlarvt. Das Ich nimmt weltbürgerliche Züge an, definiert sich nicht aus der Prägung, sondern aus seinem eigenen Entwurf heraus.

Während sich also manch Politiker noch rund um die Integration laviert, sind die Dichter schon längst weiter. Sie zeigen offenherzig Begegnungsorte auf, nämlich in der Sprache selbst, wo Ferne und Nähe zueinanderfinden. Sprache bedeutet Augenhöhe zwischen Produzenten und Rezipienten. Nur so kann sie als Medium für Verständigung fungieren. Die damit verbundene Gleichheit dient als Basis für die Anerkennung von Würde.

Durs Grünbein: Zündkerzen. Suhrkamp, 152 S., geb., 24 €.

Jahrbuch der Lyrik 2018. Herausgegeben von Christoph Buchwald und Nico Bleutge. Schöffling & Co., 256 S., geb., 22 €.

Jahrbuch der Lyrik 2017. Herausgegeben von Christoph Buchwald und Ulrike Almut Sandig. Schöffling & Co., 232 S., geb., 22 €.

José F. A. Oliver: wundgewähr. Matthes & Seitz, 224 S., geb., 24 €.

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