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Wohldurchdachte Rache ist angesagt

Hans-Otto-Theater Potsdam: Tobias Wellemeyer inszenierte Shakespeares »Der Sturm«

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Welch merkwürdige Versammlung auf dieser schäbig-schönen Insel? Minimalismus herrscht hier, und maximaler Zauber. Zwei Kinder Gottes hausen darauf einsam, Vater Prospero und Tochter Miranda, fern den Umwälzungen der italienischen Renaissance, aus der sie kommen. Jedoch was in Neapel oder Mailand nicht gelingen kann, besteht hier, eine Gelehrten-Republik, in der es keinen Herrscher gibt. Ausgenommen natürlich Vater und Tochter. Sie achten einander, lieben sich. Gerecht sind sie und gebildet, vertraulich gegeneinander und verständnisvoll, den Künsten zugewandt. Prospero ist überdies mächtig der Magie, allein zum Schutz der Republik. Zwei weitere Figuren besiedeln die Insel, Hilfs- und Antriebskräfte, der Luftgeist Ariel, der über die Winde herrscht, und Caliban (Eddie Irle), der wilde, missgestaltete Knecht Prosperos, so gut wie schlecht erzogene, listige wie arglistige Geister unter seiner Hand. Sie stören und stützen die Republik.

Kein Papst, kein Kaiser, keine Armada hat den einstigen Herrscher von Mailand der Welt entrückt, wohl aber der eigene Bruder Antonio mit Komplizen. Um sein Herzogtum gebracht, setzten ihn auf dem Meere aus wie einen faulen, lästigen Fisch. Was für eine Wunder, mit seiner Bibliothek und einem Kleinkind konnte er sich auf die Insel retten. Seither besteht, wo sie heimisch geworden, ein streng gehütetes Geheimnis. Miranda, 15 Jahre alt, will wissen: Wer bin ich, woher komme ich? Der Vater verschwieg dies bislang. Das Geheimnis zu enthüllen, tritt er mit Ariel einen Sturm los, der herbeibringt, was ihm nötig dünkt, das Schiff mit den alten Rivalen drin. Die stranden auf der Insel-Republik. Und das grotesk-komische Spiel nimmt seinen Lauf.

Die Geräuschmaschine zündet in Potsdam sofort. Donnernde Winde blasen, wie es sich in »Sturm« gehört, Shakespeares letztem Stück, dem wohl versöhnlichsten von allen, die aus seiner Feder kamen. Harald Thor hat die Bühne mit tiefschwarzem Hintergrund eindringlich geformt. Voll Schmutz seine Holzlandschaft, lose Planken liegen herum, viele alte Bücher, Musikinstrumente, Stativ, Schrankuhr, Müllsäcke, Regiestuhl und anderes Zeug. Die Akteure müssen dauernd aufpassen, nicht zu stolpern. Solch krumme, elende, faulige Wohnstatt, Stürmen ausgesetzt, anzuschauen, vergisst man nicht so leicht. Sofort blitzen Assoziationen auf zu den um ihr Leben fürchtenden Flüchtlingen, die, gerettet, nicht mal mehr anlanden dürfen.

Mit im turbulenten Spiel der Schalk Trincolo (Raphael Rubino) und der ewig betrunkene Stephano (Moritz von Treuenfels), Mundschenk des Königs von Neapel (Christoph Hohmann). Sie widerstreiten dem aufs Heiterste dem übrigen, nach Renaissancemodellen bunt ausstaffierten Figurenreigen (Kostüme Tanja Hofmann). Bisweilen poltert es allzu viel auf den Brettern.

Die einstigen Intrigen und Kämpfe in der Heimat kehren in »Der Sturm« (für Potsdam übersetzt von Fran-Patrick Steckel) gleichsam auf der Stufe von Armut und Ausgrenzung wieder. Rache ist angesagt, keine blinde, sie ist wohldurchdacht. Bernd Geiling als Prospero, Ruhepol, Drehscheibe von Rache und Versöhnung, dreht daran kraft seiner Zauberkünste. Nichts Fürstliches taugt schon lange nicht mehr an seinem Leib. Wie Heinrich Böll und Jean Gabin trägt er Baskenmütze, luftigen Schal, in der grauen Jackentasche ein Buch. Leinwand trägt er, ausersehen für Videos (Marc Eisenschink/ Daniel Wolff). Die zeigen allerlei Spuk und Irrwitz. Drei Nymphen in Weltraumkleidung treten auf, dazu drei unikale Schnitter. Prospero liebt das Schöne und vertraut der Gewalt seiner Zauberkünste. Ein Wink genügt, und schon sind die gewünschten Zustände und Personen da. Das treibt die Handlung an und führt sie von Paradox zu Paradox. Juliane Götz als Miranda ist ganz Subjekt liebevoller Hinwendung und Fürsorge des Vaters. Ihre Naivität passt zur Figur. Ferdinand, Sohn des Königs (Frédéric Brossier) wird ihr, über die Planken stolpernd, zum Freund, dann seine Braut mit Vaters Segen. Auf verschiedenartige Berührungen und Momente hin singt Geiling einfühlsam englischsprachige Songs, Amalgame aus altenglischer Vokalmusik und gedämpft rockigen Elementen. Auf der Bühne umherwandelnd, begleitet ihn Gitarrist Marc Eisenschink. Dies die poetischsten Momente der Aufführung.

Stark die Wirkung der »weißen Maske« Ariel, von Prospero närrisch »Hühnchen« genannt. Hans Werner Henze schien die Figur so musikträchtig, dass er in seiner »Royal Winter Music« (1976) ihr einen eigenen Satz widmete. In all ihrer List, Schlitzohrigkeit, schamlosen Liebedienerei wie virtuosen Körperlichkeit bringt sie Michael Schroth auf die Potsdamer Bühne. Versöhnlich schließt das Stück. Prospero vergibt seinen einstigen Häschern.

Tobias Wellemeyer und Kollektiv zauberten diese Geschichte höchst lustvoll und ideenreich hervor. Schade, der Intendant und Regisseur verlässt nun die Potsdamer Bühne. Über neun Jahre weg hat er dort am weithin hart auf die Probe gestellten Ensemblegedanken festgehalten. Gegen alle Wellen eines Zerstreuungstheaters und den Vorwurf, er würde Zuschauer vertreiben, blieb er seiner auf akute gesellschaftliche Probleme gerichteten Bühnenkonzeption treu.

Nächste Aufführung: 30. Juni

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