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  • Juniaufstand 1848 in Paris

Rote Fahnen an der Seine

Den Juniaufstand 1848 nannte Engels die »erste entscheidende Feldschlacht des Proletariats«.

  • Von Walter Schmidt
  • Lesedauer: 6 Min.

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Ende Juni 1848 eroberte sich Paris in der Berichterstattung deutscher Zeitungen einen herausragenden Platz; allen voran in der von Karl Marx herausgegebenen »Neuen Rheinischen Zeitung«. Zwar brodelte es in der Stadt an der Seine seit der Februarrevolution immer wieder. Doch die Meldungen, die jetzt aus dem Zentrum Frankreichs kamen, übertrafen alles bisherige, ja stellten selbst die Februarrevolution in den Schatten.

Die seit Wochen anwachsende Empörung der proletarischen und kleinbürgerlichen Schichten dieser Stadt über den arbeiterfeindlichen Sozialabbau, den die Regierung betrieb, war in einen Aufstand hinübergewachsen. »Der Aufstand«, so konstatierte die »Neue Rheinische Zeitung« sofort, »ist ein reiner Arbeiteraufstand. Der Groll der Arbeiter ist losgebrochen gegen die Regierung und die Versammlung, die ihre Hoffnungen enttäuscht, die täglich neue Maßregeln im Interesse der Bourgeoisie gegen die Arbeiter ergriffen, die die Arbeiterkommission im Luxembourg aufgelöst, die Nationalateliers eingeschränkt, das Gesetz gegen die Zusammenscharungen erlassen haben. Der entschieden proletarische Charakter der Insurrektion geht aus allen Einzelheiten hervor.« Alle in der Februarrevolution vom Volk eroberten sozialen Konzessionen waren beseitigt worden. Von der Garantie des Rechts auf Arbeit war keine Rede mehr. Die Schließung der Nationalwerkstätten am 22. Juni, einer massiven Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, die Tausenden Arbeitern Lohn und Brot gegeben hatte, brachte das Fass zum Überlaufen.

Die Insurrektion begann am Tag darauf, dem 23. Juni, mit einer gewaltigen Kundgebung auf dem Bastilleplatz, auf der die Rücknahme des Auflösungsbeschlusses und eine »demokratische und soziale Republik« gefordert wurden. Binnen kurzem entstanden in den alten Vorstädten St. Antoine, Temple und La Vilette nahezu 4000 Barrikaden, auf denen fast überall die rote Fahne wehte. Der Plan der Insurgenten, ausgearbeitet von Gaillard de Kersausie, einem auf die Seite der Arbeiter übergegangenen ehemaligen Offizier, lief darauf hinaus, von den Faubourgs aus ins Stadtzentrum vorzustoßen und das Hôtel de Ville als Pariser Machtzentrum zu erobern.

Die Regierung ließ sofort über Paris den Belagerungszustand verhängen und beauftragte General Louis Eugène Cavaignac, der sich seine Sporen im Kolonialkrieg in Algerien verdient hatte, mit der Niederwerfung der Erhebung. Fast 200 000 Soldaten aus regulärer Armee, Nationalgarde und Mobilgarde standen nur 40 000 schlecht bewaffnete Aufständischen gegenüber. Vier Tage tobte ein erbitterter, von Seiten der Konterrevolution erbarmungslos geführter Kampf. Cavaignac, dem nach dem Rücktritt der Regierung am 24. Juni die gesamte Exekutivgewalt übertragen worden war, setzte rücksichtslos Artillerie und Brandraketen ein und legte ganze Straßenzüge in Schutt und Asche. Die Verluste waren auf beiden Seiten sehr hoch. Bereits am ersten Tag waren mehr als Tausend gefallen oder schwer verwundet. Der militärischen Übermacht konnten die Insurgenten trotz heldenhaften Widerstands nicht standhalten. Am 25. Juni fiel faktisch die Entscheidung, als sich die Aufständischen ganz aus der Innenstadt zurückziehen mussten und nur noch die Faubourgs St. Antoine und Temple halten konnten. Am 26. Juni wurden auch diese Stützpunkte von Cavaignacs Soldateska erobert: Am Abend fielen die letzten Schüsse.

Schon die militärischen Auseinandersetzungen waren mit äußerster Erbitterung geführt worden. Die Truppen wie die Nationalgarde gaben keinen Pardon: War eine Barrikade erobert, wurden die noch lebenden Verteidiger unverzüglich füsiliert. Dem Sieg der Konterrevolution folgte brutalster weißer Terror, der Cavaignac den Beinamen »Schlächter von Paris« verschaffte. Etwa 3000 Arbeiter wurden hingerichtet oder grausam massakriert; 3500 in die Kolonialgebiete deportiert, darunter 400 deutsche Arbeiter, die mit den französischen Ouvriers auf den Barrikaden gestanden hatten. Die Deutsche Nationalversammlung, von demokratischen Vereinen aufgefordert, sich für die Verfolgten einzusetzen, tat sich damit schwer, meinte doch deren Mehrheit, dass »die Nationalgarde und die Armee mit größter Hingebung und bewunderungswürdiger Tapferkeit in den Straßen von Paris gekämpft und gesiegt haben«.

Es liegt auf der Hand, dass eine wesentlich von proletarischen Schichten getragene Insurrektion innerhalb einer bürgerlichen Revolution von solcher Dimension, oft »Junirevolution« genannt und von Engels als »erste entscheidende Feldschlacht des Proletariats« charakterisiert, von allen Medien der Zeit breit reflektiert wurde. Die konservative und großbürgerliche Presse, zunächst in Angst und Schrecken ob der Folgen eines möglichen Sieges der Pariser Arbeiter, feierte mit Genugtuung den Sieg Cavaignacs über die Aufrührer. Für die bürgerlichen Blätter waren die Insurgenten nur eine Bande von Dieben, Mördern und Menschenfeinden, darauf aus, die bürgerliche Gesellschaft in Gefahr zu bringen. Auch die Masse der kleinbürgerlich-demokratischen Zeitungen wandte sich mit Abscheu und bestenfalls mit Bedauern gegen die Pariser Junikämpfer.

Allein das Blatt der äußersten Linken, die »Neue Rheinische Zeitung«, und das bedeutende Berliner Arbeiterblatt »Das Volk«, herausgegeben von Stephan Born im Auftrage des Zentralkomitees für Arbeiter, bekannten sich offen zur Pariser Arbeiterinsurrektion. Vom ersten Tage an analysierte Friedrich Engels den Verlauf der Kämpfe. In seinen Augen war es ein »Bürgerkrieg in seiner fürchterlichsten Gestalt, der Krieg der Arbeit und des Kapitals«, der die seit Februar 1848 kursierenden Illusionen über den Charakter der bürgerlich-kapitalistischen Ordnung vernichtet habe. Für Marx war die Verteidigung der geschlagenen und verleumdeten Juniinsurgenten Ehrensache: »Aber die Plebejer, vom Hunger zerrissen, von der Presse geschmäht, von den Ärzten verlassen, von den Honetten Diebe gescholten, Brandstifter, Galeerenslaven, ihre Weiber und Kinder in noch grenzenloseres Elend gestürzt, ihre besten Lebenden über die See deportiert - ihnen den Lorbeer um die drohend finstere Stirn zu winden, das ist das Vorrecht, das ist das Recht der demokratischen Presse.« Nicht minder verteidigte auch Born die Pariser Arbeiter im Geiste praktischen proletarischen Internationalismus: »Wir haben das Recht, Partei zu nehmen für unsere unterdrückten Brüder, seien es deutsche, seien es Franzosen oder Engländer, die Arbeiter trennt kein Unterschied der Sprache, keine Landesgrenze, sie haben alle nur ein Interesse, die Befreiung aus den Fesseln der Geldherrschaft.«

Die Niederlage in der Pariser Junischlacht bedeutete einen Wendepunkt im Revolutionsverlauf, nicht nur für Frankreich, sondern für ganz Europa. Mit der Niederwerfung des Proletariats war eine entscheidende demokratische Kraft ausgeschaltet worden. Damit setzte der Niedergang der französischen 1848er Revolution ein, der im Dezember 1848 zur Beseitigung der Republik und zum Kaisertum Napoleons III. im 18. Brumaire 1851 führte. Seit Ende Juni 1848 verstärkten sich auch die Aktivitäten der adlig-monarchischen Konterrevolution in Deutschland zur Rückeroberung der Macht. Ohne Pariser Juniniederlage keine Eroberung Wiens durch Windischgrätz Ende Oktober 1848 und kein Berliner konterrevolutionärer Novemberstaatsstreich. »Die Niederlage der Arbeiterklasse in Frankreich, der Sieg der französischen Bourgeoisie«, so resümierte Marx am Jahresende 1848, »war gleichzeitig die neue Knebelung der Nationalitäten, … war gleichzeitig die Niederlage der Mittelklassen in allen europäischen Ländern.«

In der demokratischen und Arbeiterbewegung Deutschlands förderten die Erfahrungen des Pariser Junis den Politisierungs- und Radikalisierungsprozess. Die deutschen Arbeiter, selbst in Abwehrkämpfe mit der eigenen Konterrevolution verwickelt, begannen zu begreifen, dass sie im Ringen mit den bürgerlichen Demokraten um demokratische Verhältnisse ihre eigenen sozialen und politischen Interessen zur Geltung bringen mussten. Zu ihrem Schibboleth wurde - wie es auf den Fahnen des Pariser Juniinsurgenten gestanden hatte - die demokratisch-soziale, die rote Republik.

Die Arbeiterbewegung bewahrte und pflegte mit der europäischen 1848er Revolution als ganzem zugleich die Erinnerung an die Pariser Junirevolution. Sie galt den politisch bewussten deutschen Arbeitern als erste selbstständige Aktion des europäischen Proletariats für eine sozial gerechte Gesellschaft. Als die deutsche Sozialdemokratie seit den frühen 1870er Jahren mit ihren Feiern zum 18. März eine demokratische Gegentradition zum regierungsoffiziellen Sedantag entwickelte und dabei nicht nur der deutschen Märzrevolution von 1848, sondern auch der Ausrufung der Pariser Kommune von 1871 gedachte, da erinnerte sie stets daran, dass der Kommune die Junierhebung der Pariser Arbeiter von 1848 vorausgegangen ist. Für Wilhelm Liebknecht war »die Junischlacht von Paris« gar »eine Weltenwende, wie die Schlacht von Valmy am 22. September 1792«.

Walter Schmidt, ehemaliger Direktor am Institut für Deutsche Geschichte der DDR-Wissenschaftsakademie und Gründungsmitglied der Leibniz-Sozietät, ist u. a. Herausgeber der mehrbändigen Edition »Männer und Frauen der Revolution von 1848/49«.

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