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Geputzte Gewehre

Barbara Thalheim erreicht Paris

  • Von Barbara Thalheim
  • Lesedauer: 6 Min.

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»Paris ist eine Messe wert«, Henri Quatres berühmter Ausspruch von 1589 erfährt 2018 seine Renaissance als Graffiti in der Rue Lepic in Montmartre.

Neben dem »Café Tabac des 2 Moulins« hat sich ein Sprayer alle Mühe gegeben, den Königsspruch mit royalen Schnörkeln auf eine Hauswand zu bannen.

Das »Zwei Mühlen Café« war 2001 einer der Drehorte des Films »Die fabelhafte Welt der Amélie« von Jean-Pierre Jeunet. Durch den enormen Erfolg des Films ist die Kneipe mit Neonbeleuchtung und verschlissenem Interieur heute noch ein touristischer Wallfahrtsort.

Direkt vor dem königlichen Spruch hat sich auf schmalem Pariser Trottoir eine Punkband aufgebaut. Heute ist Sommeranfang. Das bedeutet auch: »Fête de la musique«. Das honorarfreie Auftreten von internationalen Bands auf Straßen und Plätzen vieler europäischer Städte ist eine französische Erfindung aus den 80er Jahren. Die Band legt los. Ich bin gespannt. Ein wütender Anwohner brüllt und gestikuliert gegen den Lärm an. Dabei wischt er im Eisbett schlafende Austern von einem Verkaufstisch. Eine filmreife Szene! Typisch Montmartre! Aber verständlich, denn die Musik ist unerträglich. Hat eigentlich schon einmal jemand definiert, wann Musik aufhört und musikalische Umweltverschmutzung beginnt? Der Reihe nach.

Ich fuhr von Lyon nach Paris zu Bernard und Julie ins 18. Arrondissement Barbès. Eine Gegend, in die sich nicht viele Touristen verirren. Sich in dem hoffnungslos verschlungenen Einbahnstraßengewirr um das Gässchen »De la Goutte-d'Or«, (Goldener Tropfen) nicht zu verfahren, ist nahezu unmöglich. Hier schlägt das dunkle Herz von Paris. Maghrebiner, Afrikaner, Asiaten, insgesamt 40 Nationalitäten und Ethnien leben unter teils unwürdigen Bedingungen. Hier sieht man Dinge, von denen man wusste, dass es sie gibt. Aber sehen wollte man sie nicht.

Das angrenzende hippe Montmartre macht in Barbès immer wieder auf sich aufmerksam. Und zwar durch Sichtachsen auf eines der bekanntesten Wahrzeichen der Stadt, Sacré-Coeur. Gut gelaunte Menschen erklimmen den »Mont in Martre«, um sich mit einem atemberaubenden Panorama auf eine der schönsten Städte der Welt zu belohnen. Unterschiedlicher als Barbès und Montmartre können Stadtbezirke kaum sein. In Barbès wohnen 22.000 Menschen. »Exil-Afrika«, »Arabische Kasbah«, »Drogen- und Hurenquartier« sagen die Pariser, die nicht hier wohnen.

An der Metrostation Barbès-Rochechouart wogt ein Meer von Zigarettenverkäufern mit jeder einfahrenden Bahn den Aussteigenden entgegen. Einige Meter weiter auf dem Boulevard ist der Treff der Drogendealer, die sich keine Mühe mehr geben, ihre Geschäfte zu tarnen. Polizisten stehen mit geputzten Maschinengewehren unweit der Dealerplätze vor ihrem Revier, beobachten die Szene und signalisieren - ja, was eigentlich? Coolness? Abschreckung? Koexistenz?

In der Tiefgarage unter dem Supermarkt bemerke ich im Schummerlicht eine Großfamilie aus dem Maghreb, die sich in einer Wandnische des zweiten Untergeschosses eingerichtet hat. Für eine Nacht, ein Leben? Wer weiß es. Hier begegnet man Menschen, die zwischen die Welten geraten zu sein scheinen. Paris als Mythos? Nicht einmal mehr das!

Mitten im dieser Welt führt ein eisernes Tor zu dem Miniwohngebiet »Villa Poissonnière«, einer winzigen »Exklave« von der Größe eines Fußballfeldes, mit kleinen Stadtvillen aus vergangenen Jahrhunderten. Ein Quartier im Quartier. Bis 1840 wurde hier noch Wein angebaut. Zu jedem Haus gehört ein Vorgarten mit Wildwuchs und behütetem Baumbestand.

Schon bei Eintritt ist der Schalter im Kopf umgelegt. Vögel zwitschern, Katzen wollen gestreichelt werden. Vor den Häusern sitzen ihre Bewohner mit Freunden, Kinder spielen, Lachen, ein Wasserkessel pfeift, ein Telefon klingelt. Der holperige Feldsteinweg zwischen den beiden Häuserzeilen hätte viel zu erzählen. Es gab ihn schon, als hier noch Postkutschen fuhren und Barbès vor den Toren Paris lag. Aus einem der Häuser dringt klassischer Gesang. »Das ist unsere Gesangslehrerin von nebenan. Sie unterrichtet«, erklärt mir Bernard. Ich stelle die Ohren auf Empfang und glaube Meryl Streep in ihrer Filmrolle als Florence Forster Jenkins zu hören und muss lachen.

In einem der Häuser wohnen die Filmemacher Bernard Mangiante und Julie Talon mit ihren drei Kindern. Zur Familie gehört auch Charly, eine frei laufende Schildkröte, die irgendwann »direkt aus dem Himmel« in den Wäschekorb der Familie fiel. Nach ihrer Genesung mutierte sie zum Wachhund. Bellen kann sie nicht, aber ganz gemein in Füße zwicken.

Ich lernte Bernard 1990 während der Dreharbeiten zu dem Film »Inventur wegen Geschäftsaufgabe - letzter Sommer in der DDR« kennen. Während der 70er und 80er Jahre lebte er in einer Westberliner WG. Er studierte Film und verschaffte sich die Grundlage für s eine zweite Profession: Das Übersetzen von Drehbüchern. Z.B. sind die französischen Fassungen der Filme »Die Klavierspielerin«, »Das weiße Band«, »Wolfzeit «, »Code unbekannt« von ihm. Gerade ist er aus Kuba zurückgekehrt. Wir schauen uns Impressionen an, d ie er in Havanna für einen weiteren Film seiner Kuba-Reihe drehte.

Der Alltag der Pariser Familie ist stressig. Ich versuche mich einzubringen und spüre, dass die Eltern öfter, als sie es zugeben, am Limit sind. Zumal in den heißen Phasen der Dreharbeiten, oder wenn die Nächte dafür draufgehen, ein bereits angenommenes Exposé auf Wunsch der Auftraggeber wieder und wieder umzuschreiben.

Wir sitzen in der Pariser Abendsonne vorm Haus. Ich frage Julie, was sie vom momentanen Unisono der französischen Zeitungen hält, die, so scheint es, sich gerade auf ein Thema einzuschießen beginnen: Das vom Ehepaar Macron bestellte Prunkgeschirr für Staatsbankette im Wert von 500.000 €. Sie lacht. »Na, sollen sie ihr Geschirr bei Ikea bestellen?« Jetzt lache ich. »Warum nicht?« Sie hat Gespräche über den Lebensstandard des französischen Präsidenten satt und sagt: »Dieser Präsident macht genau das, was er angekündigt hat zu tun, wenn er zum Präsidenten gewählt wird. Worüber also beschweren sich die Franzosen, die ihn gewählt haben?«

Die junge Frau im Alter meiner Tochter ist mitten in der Arbeit zu ihrem neuen Film über Laienrichter, also Schöffen französischer Arbeitsgerichte. Morgen ist Drehtag und so ist sie - verständlicherweise - familienorganisationstechnisch nur halb bei der Sache.

2013 war ihr Film »Comme si de rien n'était«, (Als wäre nichts gewesen) über ihre an Alzheimer erkrankte Großmutter Rose, für den Prix Europa nominiert. Ich saß im Publikum, weinte und lachte, wie fast alle Zuschauer im Kinosaal der Berliner Masurenallee.

Für mich heißt es Abschied nehmen: Zehn Tage Paris standen am Ende meiner dreimonatigen Frankreichreise von April bis Juni 2018. Bernard begleitet mich bis fast zur Autobahn, damit sich die Berlinerin nach viereinhalb tausend Kilometern in Frankreich zum Schluss nicht noch auf dem Pariser Périphérique verirrt. In den 80er Jahren, als Berliner Filmstudent, hatte Bernard Mangiante mit seinem »deux chevaux« ( französische Ente) sogar einen Streckenrekord Berlin-Paris aufgestellt.

Ich überlege – wie immer beim Abschied von Frankreich - ob mein Leben anders verlaufen wäre, wenn ich – wie meine westdeutschen Freunde – schon mit 18 Jahren die Möglichkeit gehabt hätte, Frankreich, dieses wunder bare Land, kennenzulernen.

Ein Abschied verleitet immer dazu, etwas zu sagen, zu denken, was man sonst nicht ausgesprochen hätte ... meint Michel de Montaigne, einer der Klügsten unter den Klugen Frankreichs .

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