Werbung

Geputzte Gewehre

Barbara Thalheim erreicht Paris

  • Von Barbara Thalheim
  • Lesedauer: 4 Min.

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Paris ist eine Messe wert«, der Spruch von Henri Quatre, war die Kurzformel für: Ich konvertiere für die Macht. Denn als protestantischer Monarch mit hugenottischer Mutter musste man in Frankreich Katholik sein, um ernsthaft nach dem Thron greifen zu können. Also ging er zur Messe und bekam so Paris und damit auch das, was damals - 1589 - Frankreich war.

Zur Pariser Fête de la Musique entdeckte ich den Königsspruch als Graffiti in der Rue Lepic unweit von Pigalle. Genau davor spielte eine gnadenlose Punkband. Hat eigentlich schon einmal jemand definiert, wann Musik aufhört und musikalische Umweltverschmutzung beginnt? Aber der Reihe nach.

Ich fuhr mit dem Auto von Lyon nach Paris, zu Bernard, Julie und ihren Kindern im 18. Arrondissement, Barbès. Eine Gegend, in die sich nur wenige Touristen verirren. Sich in dem hoffnungslos verschlungenen Einbahnstraßengewirr um die »De la Goutte-d’Or« (Goldener Tropfen) nicht zu verfahren, ist nahezu unmöglich. Hier schlägt das dunkle Herz von Paris. Maghrebiner, Afrikaner, Asiaten, insgesamt 40 Nationalitäten und Ethnien leben unter teils unwürdigen Bedingungen nebeneinander.

Das angrenzende hippe Montmartre macht in Barbès immer wieder auf sich aufmerksam. Und zwar durch Sichtachsen auf eines der bekanntesten Wahrzeichen der Stadt, Sacré-Coeur. Unterschiedlicher als Barbès und Montmartre können Stadtbezirke kaum sein. Im dunklen Herz von Paris wohnen 22 000 Menschen. »Exil-Afrika« und »Arabische Kasbah« sagen die Pariser, die nicht hier wohnen. An der Metrostation Barbès-Rochechouart wogt ein Meer von Zigarettenverkäufern mit jeder einfahrenden Bahn den Ankommenden entgegen. Einige Meter weiter auf dem Boulevard die Drogendealer, die sich keine Mühe mehr geben, ihre Geschäfte zu tarnen. Polizisten stehen mit geputzten Maschinengewehren vor ihrem Revier und signalisieren - ja, was eigentlich? Abschreckung?

In der Tiefgarage eines Neubaublocks bemerke ich im Schummerlicht eine Großfamilie aus dem Maghreb, die sich in einer Wandnische des zweiten Untergeschosses eingerichtet hat. Für eine Nacht? Für ein Leben? Wer weiß es? Hier begegnet man Menschen, die zwischen die Welten geraten sind. Paris ist hier nicht einmal mehr ein Mythos.

Mitten in dieser Welt führt ein eisernes Tor zu dem Miniwohngebiet »Villa Poissonière«, einer winzigen »Exklave« von der Größe eines Fußballfeldes mit kleinen Stadtvillen aus vergangenen Jahrhunderten. Es gibt Vorgärten mit Wildwuchs und altem Baumbestand. Schon bei Eintritt ist der Schalter im Kopf umgelegt. Vögel singen, Katzen wollen gestreichelt werden. Vor den Häusern sitzen Menschen, Freunde, Nachbarn, die sich - auch wenn du fremd bist - nach deinem Befinden erkundigen. Der holprige Feldsteinweg, der die beiden Häuserreihen voneinander trennt, hätte viel zu erzählen. Es gab ihn schon, als hier noch Wein gekeltert wurde. Aus einem Haus dringt klassischer Gesang. Ich denke sofort an den Film mit Meryl Streep in ihrer Rolle als Florence Forster Jenkins. Nein, sagt Bernard. Das ist »unsere« Gesangslehrerin mit einer Schülerin.

In einem der Häuser wohnen die beiden Filmemacher Bernard Mangiante und Julie Talon mit ihren drei Kindern. Ich kenne Bernard seit 1990, als sein Film »Inventur wegen Geschäftsaufgabe - letzter Sommer in der DDR« gedreht wurde, in dem auch mein Vater und ich zu Wort kamen. Von 1978 bis 1987 lebte er in Westberlin, wo er Film studierte und die Grundlage für seine zweite Profession, das Übersetzen von Drehbüchern, legte. Gerade aber schlägt sein Herz für einen Film seiner Kubareihe. Er will über die musikalische Ausbildung hochbegabter Kinder und Jugendlicher auf der Insel berichten, auf der ein abgeschlossener Übungsraum für Musiker mit einem Hauptgewinn im Lotto vergleichbar ist. Julie arbeitet gerade an einem Film über französische Arbeitsgerichte, wo jeweils vier nicht professionelle Richter (Arbeitnehmer-, Arbeitgebervertreter) über Konflikte in Betrieben richten.

Ich frage sie, was sie von den französischen Zeitungen hält, die sich auf ein Thema eingeschossen haben: Das vom Ehepaar Macron bestellte Prunkgeschirr für Staatsbankette im Wert von 500 000 Euro. Sie lacht: »Na, sollen sie ihr Geschirr bei Ikea bestellen?« Jetzt lache ich: »Warum nicht!« Sie hat Gespräche über den Lebensstandard des französischen Präsidenten satt und sagt: »Dieser Präsident macht genau das, was er angekündigt hat zu tun, wenn er zum Präsidenten gewählt wird. Worüber beschweren sich die Leute, die ihn gewählt haben?«

Ich bin erstaunt über die entwaffnende Logik dieser jungen Frau im Alter meiner Tochter. Wer sagt’s denn? Reisen bildet eben! Langsam bin ich bereit für die Rückfahrt. Bin eben doch auch gern Berlinerin!

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

9 Ausgaben für nur 9 €

Jetzt nd.DieWoche testen!

9 Samstage die Wochenendzeitung bequem frei Haus.

Hier bestellen