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12 000 Steine für den Elbe-Riesen

Niedersachsen: An der Ruine der Dömitzer Eisenbahnbrücke ist immerhin der Verfall des Brückenhauses gestoppt

  • Von Hagen Jung, Dömitz
  • Lesedauer: 4 Min.

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»Das haben die damals aber hübsch gebaut - wie bei einer alten Burg.« Solche Bemerkungen sind nicht selten zu hören von Spaziergängern und Radlern, die am niedersächsischen Elbufer nahe Dannenberg die Überreste der 1945 zerstörten Eisenbahnbrücke betrachten: die noch erhaltenen 16 Stahlbögen auf westlicher Seite vor dem Fluss und das backsteinrote, zur Zeit von einem Baugerüst umgebene Brückenhaus am Ende des Bahndamms.

Das Haus hat tatsächlich etwas Burgähnliches mit seinen Zinnen und Schießscharten. Doch an ein »hübsches«, historisch anmutendes Erscheinungsbild hatten die Planer keineswegs gedacht, als sie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die etwa 1000 Meter lange Elbquerung zwischen dem Raum Dannenberg und dem mecklenburgischen Dömitz entwarfen. Knallharte strategische Überlegungen der Preußischen Militäradministration prägten das Aussehen des Bauwerks - an der Brückenzufahrt auf der anderen Elbseite stand eine ebensolche Bastion. Im Kriegsfall müsse ein Vorrücken des Feindes über den Fluss verhindert werden, nötigenfalls durch Sprengung der Elbquerung, hieß es. Für die dazu eingesetzten Soldaten seien »Wachtblockhäuser« zu bauen, ausgestattet mit Öffnungen zum Durchstecken von Gewehren und mit Kasematten zum Aufenthalt der Streitkräfte. Und so entstanden dann zwischen 1870 und 1873 der Schienenweg und die roten Wehrgebäude.

Jahrzehntelang blieben die Brückenhäuser standhaft, selbst an jenem 20. April 1945, an dem US-amerikanische Bomben sowohl die Bahnbrücke als auch die parallel dazu verlaufende Dömitzer Straßenbrücke zerstörten. Das Wehrhaus auf Mecklenburger Seite wurde fortan von den DDR-Grenztruppen als Wachtturm genutzt - bis 1987. In jenem Jahr ließen die staatlichen Organe der DDR die in ihrem Verfügungsbereich der Elbe liegenden Brückenreste und auch das Turmhaus wegschaffen. Das Gegenstück im Westen jedoch, im Kreis Lüchow-Dannenberg, gammelte seit Kriegsende vor sich hin.

Arg nagte der Zahn der Zeit am Mauerwerk, Feuchtigkeit machte ihm zu schaffen, Verfall drohte. Bewahrt davor wurde das Haus durch den Unternehmer Toni Bienemann, dem es Freude bereitet, historische Bauwerke zu retten. Der Niederländer erwarb die Brücke 2010 bei einer Auktion von der Deutschen Bahn für 305 000 Euro mit dem Ziel, das Industriedenkmal zur Attraktion für Besucher der Elbregion zu machen.

Der Bund fördert das Vorhaben mit 300 000 Euro, die Stiftung Denkmalschutz mit 100 000, aus eigener Tasche steckt Bienemann erklärtermaßen 300 000 Euro in die Brücke. Die Summe sieht beachtlich aus, doch die Sanierung des Wehrhauses ist derart aufwendig, dass sie den Großteil der 700 000 Euro verschlingt.

In Handarbeit müssen gut 12 000 Steine ausgetauscht werden. Die neuen Steine entstehen nach dem Muster des 1870 verwendeten Materials in einer Ziegelei im brandenburgischen Werder - in einem historischen Ringofen. Mit dem Ergebnis, dass sich die neuen Steine nicht von den alten unterscheiden. Das Gebäude sieht dadurch »wie früher« aus, freut sich Architekt Ralf Pohlmann aus Lüchow, der das Projekt leitet.

Mehrere Monate lang hatte es allerdings eine Baupause gegeben, denn das Bauwerk liegt in der strengsten Schutzzone des Biosphärenreservats Elbtalaue. Um die dort nistenden und brütenden Vögel nicht zu stören, mussten die Arbeiten am Brückenhaus bis vor Kurzem ruhen. Abgeschlossen sein sollen sie bis zum 9. September, dem »Tag des offenen Denkmals«, so Pohlmann im Gespräch mit »nd«. Nicht mehr offen ist ein Gewölbe im Gebäude, in dem Müllsünder in der Vergangenheit allerlei Unrat abgeladen hatten. Der dunkle Raum ist fortan nur noch für Fledermäuse zugänglich, denen er als Winterquartier dienen soll. Im nächsten Schritt soll dann auf dem Brückenrest ein Weg entstehen, auf dem Besucher ein Stück weit in Richtung Elbe gehen können. Dort also, wo einst ungezählte Züge rollten - bis die von vielen Menschen gern genutzte Verbindung im Krieg zerstört wurde.

Beim Spazieren entlang der Brückenbögen werden sich nicht wenige Ausflügler fragen, was zum Erhalt dieser Elemente getan wird. Müssen sie entrostet und danach mit einem Schutzanstrich versehen werden? Das ist nicht erforderlich, sagt Pohlmann. Der für die Bögen verwendete Stahl - diesen musste Frankreich nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 als Reparationsleistung abgeben - ist hochwertig und korrodiert nur an der Oberfläche. Ernste Rostschäden werden die Brücke daher nicht beeinträchtigen.

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