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Unter freien und denkenden Arbeitern

Martin Leidenfrost besuchte im Süden Italiens eine Region,in der Hoffnung und Resignation dicht beieinander liegen

  • Von Martin Leidenfrost
  • Lesedauer: 4 Min.

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Ich bin in Süditalien, in Tarent, weil hier die Regierungskunst der populistischen Fünf-Sterne-Bewegung (M5S) auf dem Prüfstand steht. Tarent wird vom gewaltigen Stahlwerk Ilva beherrscht. Die Giftschleuder wurde 2012 gerichtlich beschlagnahmt, mit Blick auf 20 000 rare süditalienische Arbeitsplätze betrieben alle italienischen Regierungen das Werk aber kommissarisch weiter. M5S wiederum ist für die Schließung des Werks, immerhin steht einer der fünf Sterne für Umwelt. M5S gewann die Parlamentswahl mit 32 Prozent, in Tarent sogar mit 48 Prozent. Nun zögert M5S-Vizepremier Luigi Di Maio die Entscheidung hinaus. Diese Woche verschob er die Übergabe von Ilva an den Käufer ArcelorMittal, vom 1. Juli auf den 15. September.

Da sich das Ionische Meer in ein Kleines und ein Großes Meer teilt, zerfällt Tarent in autonome Viertel. Eine Raffinerie, ein Industriehafen, ein auch von NATO-Partnern genutzter Marinestützpunkt. Auf einer Insel »zwischen den Meeren« die verrottete Altstadt mit Straßenkötern in allen Stadien des Siechtums.

In einem nüchternen Straßenlokal der Neustadt besuche ich das »Komitee der freien und denkenden Arbeiter und Bürger«. Es interessiert mich als Schnittmenge zwischen Stahlarbeiterschaft und Regierungspartei M5S. Aus Protest gegen die Beschlagnahme 2012 legten 8000 gewerkschaftlich organisierte Arbeiter die Stadt lahm, die Freien und Denkenden hingegen organisierten ein freudiges 1.-Mai-Konzert. Sie wollten »nicht mehr zwischen Arbeit und Gesundheit wählen«.

Wie anderswo auch, ist M5S in Tarent eine nach außen verschlossene Online-Sekte, die sich nach innen in Denunziationen zerfleischt. Um die M5S-Spitzenkandidatur der Kommunalwahl 2017 bewarben sich 14 M5S-Mitglieder, gewählt wurde Francesco Nevoli vom Komitee. 107 Stimmen reichten zur Führung des M5S in einer 200 000-Einwohner-Stadt. Nevolis Gruppe im Komitee ging danach im M5S auf. Der Rest besteht darauf, nichts mit M5S zu tun zu haben. Die Freien und Denkenden sind gegen Parteipolitik, sowohl Bersanis PD als auch Berlusconis FI hätten Spenden von Familie Riva genommen - den früheren Werksbesitzern.

Etwa zehn von dreißig aktiven Mitgliedern sind zugegen. Die Männer sind alle Ilva-Arbeiter. »Seid Ihr für die Schließung Eurer Firma?« - »Ja!« - »Seid Ihr für die sofortige Schließung?« Ein junger Glatzkopf, er heißt Enzo, rollt verwegen die Augen: »Ja.« - »Seid Ihr nicht in der Minderheit?« - »Aber ja!« - »Seid Ihr extrem in der Minderheit?« Einer ruft: »Ja.« - »Bedeutet der Wahlerfolg von M5S, dass die Hälfte der Tarenter für die Schließung ist?« - »Das hoffen wir.« Einer mit Diplom, der 21 Jahre im Werk arbeitet, verdient 1400 Euro. Das wird hier als guter Lohn angesehen. »Haben Sie nicht Angst, die Arbeit zu verlieren?« - »Habe ich. Und Angst zu sterben habe ich genauso. Asbestverseuchung beginnt erst nach 20 Jahren zu wirken.« Seit 2012 gab es acht tödliche Arbeitsunfälle, von den Anwesenden ist einstweilen keiner krank.

Da ich vom Schwimmen am verwahrlosten Tarenter Lido komme, frage ich nach der Verschmutzung des Meeres. Eine blond gelockte Signorina sagt: »Das Meer kann sich regenerieren.« Sie zückt ihr Smartphone, zeigt mir Strandfotos: »Unser Meer, voilà!« Plötzlich ist der Ton ein anderer. Von allen Seiten werden mir Strandbilder vorgeführt, bei schimmerndem Licht, im Abendrot.

Am nächsten Tag fährt mich Enzo rum. Er ist Nichtwähler, Populismusgegner, Varoufakis-Anhänger, Demokratie nennt er eine durch »mediales Pressing« aufrechterhaltene Illusion. Am Friedhof steigen wir aus. Die hausförmigen Gräber der Mittelschicht sind rosa, »das war weißer Marmor, er ist vom Eisen oxidiert«. Er führt mich in einen mehrstöckigen Bau, in dem »Kinder des Meeres« begraben sind, auch die Züchter der berühmten Tarenter Miesmuscheln. Der Ausblick vom Dach ist überwältigend. Eine Kokshalde, »Hochofen 5, der größte von Europa«, »Kamin E312, reines Dioxin«.

Unten gibt er einem Parkwächter 40 Cent und fährt mich nach Tamburi. Nur der Friedhof trennt das Arbeiterviertel vom Stahlwerk. Die in frischem Gelb gestrichene Schule seiner Kinder wird nur von einer grün bewachsenen Abraumhalde geschützt. Enzo sagt: »Die Dependance der Uni hat man geschlossen. Für die Großen war es zu dreckig hier, für die kleinen Kinder aber nicht.« Am Ende bitte ich ihn, mich am Tarenter Lido abzusetzen, zum Schwimmen. Er redet mir das nicht aus.

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