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Zäsur einer irren Gesellschaft

Christoph Ruf attackiert den Zeitgeist, weil der deutsche Fußball mal wieder so siegessicher und selbstgewiss war

  • Von Christoph Ruf
  • Lesedauer: 4 Min.

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Ich werde diese Fußball-WM als eine der angenehmeren in Erinnerung behalten. Die Spiele plätschern so nebenher, das eine schaut man, zwei, drei andere eher nicht. Große Emotionen, die gern mit großer Lautstärke einhergehen, bleiben aus, die Fanmeilen sind leer. Dafür entsteht vor der einen oder anderen Kneipe in unserer Straße tatsächlich fast so etwas wie südeuropäische Fußballatmosphäre. Ein Fernseher beim Griechen, einer bei der Espressobar, einer in der Eckkneipe - und jeweils nicht mehr als 15, 20 Leute drum herum. Nationalitäten und Sympathien bunt gemischt. Und südeuropäische 33 Grad waren es am Wochenende auch.

Nun kann man es im Fußball blöderweise nicht bei solch banalen Beobachtungen belassen, wenn das Land, in dem man lebt, ausgeschieden ist. Schon gar nicht, wenn man selbst in der Vorwoche noch peinlicherweise geschrieben hat, dass ein deutsches Ausscheiden in der Vorrunde unwahrscheinlich sei.

Tatsächlich haben die letzten Wochen zwei Erkenntnisse aufgeworfen. Die eine, dass die Zahl der Neandertaler in Deutschland weit größer ist als befürchtet. Ich werde noch ein paar Wochen brauchen, bis ich verdaut habe, dass es noch Männer gibt, die ein Problem damit haben, dass ein Fußballspiel von einer Frau kommentiert wird. Was im Fall von Claudia Neumann im übrigen nichts anderes heißt, als dass man sich lieber einen inkompetenten Mann als eine kompetente Frau antut.

Die andere ist die, dass die Özil/Gündo-/Erdogan-Klamotte nachwirken wird. Denn nun, einige Wochen nach dem grunddämlichen Fototermin in London, ist klar, dass ein großer Teil derjenigen, der die beiden völlig zurecht kritisiert haben, nur darauf gewartet hat, bis sie endlich einen Grund dafür finden, sich auszukotzen. Denn eigentlich stört sie nicht, dass die beiden dicke mit dem türkischen Präsidenten sind, sondern dass die beiden nicht »Hansen« oder »Maier« heißen.

Wer schon 2006 seine Zweifel hatte, dass der angeblich so coole Schland-Patriotismus das alte Blut-und-Boden-Denken abgelöst habe, kann sich endgültig bestätigt fühlen.

Allmählich wird es allerdings auch Zeit, die linksliberalen Märchen, die in manchen Feuilletons so gerne wiedergekäut werden, mal zu reflektieren. Jogi Löw zum Alleinschuldigen des Ausscheidens zu machen, ist idiotisch. Noch idiotischer ist es allerdings, ihn zum Repräsentanten einer irgendwie postnationalistischen, progressiven Weltsicht zu machen, der die Nationalmannschaft aus Überzeugung bunter gemacht hat. Was für ein Unsinn.

Löw hat vor allem aus einem Grund nichts zum Erdogan-PR-Termin gesagt - weil er zu politischen Themen nichts zu sagen hat. Nicht sein Metier, nicht seine Welt. Özil oder Boateng hätten auch unter jedem anderen Trainer gespielt, der Augen im Kopf hat. So albern es ist, den Mann für irgendwie zu weich zu halten, weil er nicht laut am Spielfeldrand herumpöbelt, so lächerlich ist es, einen aufrechten Fußballlehrer zum Martin Luther King vom Schwarzwald zu verklären. Löws Verdienst ist es, der deutschen Nationalmannschaft den Rumpelfußball ausgetrieben zu haben. Ist das allein nicht aller Ehren wert?

Bleibt die Hoffnung, dass 2018 irgendwann mal als Zäsur im Selbstverständnis einer irren Gesellschaft gelten wird. Denn was ist es anderes als Hybris, wenn das Mannschaftsquartier vor Turnierbeginn danach ausgesucht wird, ob es in der Nähe des Halbfinal-Spielortes liegt? Wenn einem Spieler vor dem ersten Gruppenspiel gesagt wird, seine Zeit komme später, bei den wichtigen Spielen? Da war der deutsche Fußball mal wieder so siegessicher und selbstgewiss, wie es vielen Deutschen offenbar im Blute liegt.

Der Wahn, dass es in Deutschland besser läuft als irgendwo sonst, hält nicht nur Fußballer im Würgegriff. Zu hören ist das bei jedem zweiten Gespräch, das Deutsche im Auslandsurlaub führen. Und in drei von vier Reden, in denen deutsche Politiker, die sich selbst für europafreundlich halten, den anderen Ländern die deutsche Politik zur Nachahmung empfehlen. Außer dem Exportüberschuss, versteht sich, den behalten wir für uns.

»Deutschland halt’s Maul«, stand in den 90ern auf vielen Lederjacken in Hamburg, Leipzig, Berlin und anderswo. Es war ein Slogan der Punkbewegung. Punk ist heute tot, der Slogan ist es nicht: Millionen Menschen von Kopenhagen bis Lissabon finden, dass er ziemlich gut beschreibt, was sich in Europa dringend ändern müsste.

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