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Kurzer Klang der Friedensglocken

Zum Ramadan-Ende brachte ein Waffenstillstand seltene Szenen der Versöhnung. Seither geht der Krieg aber weiter

Als Mitte Juni der islamische Fastenmonat Ramadan zu Ende ging, wurde seitens der Kabuler Regierung ein Waffenstillstand für die Feiertage ausgerufen, der ausschließlich für die Taliban galt. Nachdem diese das Angebot annahmen, spielten sich in Kabul und anderen Landesteilen Afghanistans Szenen ab, die man so nicht erwartet hatte. Zahlreiche Taliban-Kämpfer strömten in die Städte, um den Menschen - auch den Soldaten der afghanischen Armee - zum Zuckerfest zu gratulieren.

Mitten im Kabuler Stadtteil Kote Sangi hissten Taliban-Kämpfer ihre Flagge und wurden von Sicherheitskräften freudig empfangen. Man umarmte sich, machte Selfies und trank gemeinsam Tee. In der Provinz Farah, die einige Tage zuvor noch von den Taliban belagert worden war, empfing der Gouverneur Aufständische in seinem Palast und lud sie zum Essen ein. Auch Frauen beteiligten sich an diesen völlig neuartigen Friedensgesten. In der östlichen Provinz Nangarhar besuchte die politische Aktivistin Muqadasa Ahmadzai mit einer Delegation von Stammesältesten tiefstes Taliban-Gebiet und beendete das Gespräch mit dem lokalen Kommandanten mit einem feierlichen Akt. Ahmadzai setzte dem jungen Mann einen Turban auf - eine ehrenvollere Geste gibt es in der afghanischen Gesellschaft praktisch nicht. Das Bild dieses Aktes wurde in sozialen Medien massenhaft verbreitet.

Der Klang der Friedensglocken war für viele Afghanen etwas Neues und lang Ersehntes. Dies ist wenig verwunderlich, wenn man bedenkt, dass sich das Land seit fast vierzig Jahren im Krieg befindet. »Wir wollen Frieden, zumindest für einen einzigen Tag«, meinte ein junger Afghane aus Kabul gegenüber dem Nachrichtensender Kabul News. »Ein Tag ohne Blutvergießen muss dem afghanischen Volk gegönnt sein. Doch selbst das ist in den letzten Jahren so unrealistisch geworden«, fügte er hinzu. Der kurze Waffenstillstand hat vielen Menschen vor Augen geführt, dass auf beiden Seiten die Bürger desselben Landes kämpfen - und kriegsmüde sind.

Doch der Frieden war nur von kurzer Dauer und wurde gestört, etwa vom »Islamischen Staat«, der Taliban und Armeesoldaten gleichzeitig angriff und auch in diesen Tagen weiter mordet.

Hinzu kam, dass die Taliban-Führung den Waffenstillstand nach den Feiertagen für beendet erklärte und die Aufständischen in mehreren Provinzen ihre Operationen fortsetzten. Alles andere wäre eine Überraschung gewesen, denn an den Realitäten auf dem Schlachtfeld hat der Waffenstillstand nichts geändert.

Die Taliban sind weiterhin auf dem Vormarsch und vergrößern täglich das Einflussgebiet ihrer Parallelregierung. Die Rhetorik des afghanischen Präsidenten Ashraf Ghani, der vor einigen Tagen auch in einem Beitrag in der »New York Times« über seine Friedenspläne schrieb und betonte, stets bereit zu sein, mit der Taliban-Führung von Angesicht zu Angesicht zu verhandeln, ändert daran nichts. Mittlerweile hat auch der Präsident den Waffenstillstand für beendet erklärt.

Während Ghanis Anhänger seine jüngsten Schritte als Erfolg betrachten und ihn gar als »Afghanistans Gandhi« bezeichnen, sind andere Beobachter skeptisch. Etwa Waheed Mozhdah, ein politischer Analyst aus Kabul, der meint, dass ein dauerhafter Frieden weiterhin unwahrscheinlich sei. »Der Kabuler Regierung geht es vor allem um Prestige und Rhetorik. Dies hängt auch mit den Präsidentschaftswahlen im nächsten Jahr zusammen«.

Zu den Hauptforderungen der Taliban gehört der vollständige Abzug der ausländischen Truppen. Einerseits hat Ghanis Regierung diesbezüglich keinerlei Befugnisse, andererseits liegt der Abzug auch nicht in ihrem Interesse. Die Sicherung des korrupten Staatsapparates, der 2001 mit westlicher Hilfe errichtet wurde, kann nämlich nur mit ebenjener Unterstützung aufrechterhalten werden.

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