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Der Vorhang zu und alle Fragen offen

Am Riot der G20-Proteste hat die Linke auch nach einem Jahr noch zu knabbern. Zu unrecht, meint Christopher Wimmer

  • Von Christopher Wimmer
  • Lesedauer: 5 Min.

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Hamburg kommt nicht zur Ruhe. Auch ein Jahr nach dem G20-Gipfel vom 7./8. Juli 2017 gehen die Diskussionen weiter. Kurz vor dem Gipfel meinte der damalige Hamburger Oberbürgermeister Olaf Scholz (SPD): «Es wird Leute geben, die sich am 9. Juli wundern werden, dass der Gipfel schon vorbei ist.» Wie sehr sich Genosse Olaf hier geirrt hat. Nach einem Jahr haben sich die Rauchschwaden der brennenden Barrikaden verzogen und die meisten Verletzungen durch die Polizei mögen nun verheilt sein. Es lohnt sich nun mit klarem Blick auf die Geschehnisse zu blicken.

Die Barrikadennacht vom Schanzenviertel am Freitagabend erregt bis heute die Gemüter. Nachdem die Schanze für Stunden außerhalb der Kontrolle der Staatsgewalt und der Ordnungskräfte lag, nachdem alle möglichen Leute aufs Schulterblatt kamen – unorganisierte Jugendliche, Neugierige und Anwohner*innen –, nachdem Barrikaden gebrannt, Scheiben zu Bruch gingen und der teure Alkohol aus dem REWE geplündert war, waren sich sowohl die linke Presse als auch die organisierten Linken einig in ihrer vorauseilenden Distanzierung von den Geschehnissen. Die taz meinte, dass die politische Linke kein Bündnis mit «betrunkenen Partydeppen» und «jugendlichen Desperados» eingehen dürfe, sondern den Bruch mit der «wortlos daherkommenden Randale» vollziehen müsse. Das autonome Zentrum Rote Flora sprach von «sinnfreier Gewalt». Auch in der sonst sehr lesenswerten Stellungnahme der Gewerbetreibenden im Schanzenviertel um die Cantina Popular heißt es, der Riot vom Freitag sei eher getragen von «erlebnishungrigen Jugendlichen sowie Voyeuren und Partyvolk, denen wir eher auf dem Schlagermove, beim Fußballspiel oder Bushido-Konzert über den Weg laufen würden als auf einer linksradikalen Demo.»

Das mag stimmen, aber warum sollte das schlecht sein? Verkannt werden in einer solchen Kritik die Möglichkeiten, die aus der Unübersichtlichkeit und Unübersichtbarkeit des Freitagabends entstanden sind: vielfältige Begegnungen und Aktionen, der staatlichen Kontrolle entzogen, haben den Reichtum der Formen und die Beteiligung unterschiedlichster Menschen gezeigt. Waren die meisten Aufrufe der organisierten Linken zu G20 lediglich vorhersehbare Standartfloskeln linksradikaler Provenienz, zeigte der Freitagabend keine klare Kontur und Organisierung - und das ist gut so. Vielleicht waren die Barrikaden und die Steinwürfe nicht immer ein klarer politischer Akt, ein unpolitischer und sinnloser Ausbruch von Gewalt waren sie aber auch keineswegs.

Denn im Riot steckt die Aussicht, aus den gegebenen Bahnen und den vorgegebenen Spielregeln auszubrechen: ohne das Unvorhersehbare und auch das Chaotische und Bedrohliche ist der Riot nicht zu haben. Er unterscheidet sich vom Streik oder der Blockade, indem er sich nicht nur gegen die Produktion oder einen Gegner – wie eine Nazi-Demonstration – richtet, sondern die gesamte staunende Öffentlichkeit adressiert. Was angegriffen wird, ist der alltägliche Normalvollzug, die Idee des «Weiter-So» und der scheinbaren Alternativlosigkeit. Es ist dabei auch kein Wunder, dass sich all dies im vermeintlich linkem Schanzenviertel abgespielt hat. Die Schanze ist nicht mehr das Viertel der Protestierenden, sondern längst eine Ecke in Hamburg, in der die Mieten kaum mehr bezahlbar sind.

Was bleibt nun, ein Jahr nach dem Gipfel? Was bleibt vom Freitagabend, an dem schlussendlich das SEK mit geladenen Maschinenpistolen in die Schanze zog und zwei Warnschüsse abgegeben hat? Hat sich die unbekannte Zahl Verletzter durch die Polizei, ihr hemmungsloser Gewaltexzess gelohnt – und welche Schlüsse zieht die radikale Linke aus dem Hamburger Riot?

Der Abend in der Schanze hat neben den klassischen Aktionsformen der organisierten Linken weitere Formen hervorgebracht: Plünderungen, Unordnung und Attacken auf die Symbole der Konsumgesellschaft und der Staatsgewalt traten auf die Tagesordnung.

Unfreiwillig meisterhaft präsentierte n24 mit ihrer Parallelschaltung der G20-Chefs, die in der Elbphilharmonie der «Ode an die Freude» lauschten auf der einen, sowie den Riot-Szenen in der Stadt auf der anderen Seite die strukturelle Gewalt der Vertreter*innen des weltweiten Kapitalismus, die sich nun in ein paar zerbrochenen Fensterscheiben schlussendlich nach Hamburg zurückgekehrt und auf sie zurückgefallen ist. Diese Bilder verstehen viele.

Man darf hier aber nicht in blinden Aktionismus verfallen und muss Widersprüche klar benennen: Wie verhindert man dämliche Aktionen, wie das Anzünden von Kleinwägen und Fahrrädern? Wie fängt man Änsgte während der Riots auf? Wie verhindert man Sexismus? Und gleichzeitig: Wie formuliert man Kritik daran so, dass die Linke nicht sofort zum neuen, besseren Staatsschutz wird?

Die solidarischen Strukturen in den verschiedenen Camps, durch Cafes und Kneipen, die Verwundete versorgt haben oder rund um den Park Fiction an der Hafenstraße, wo Leute füreinander gekocht, aufeinander aufgepasst und sich umeinander gekümmert haben, scheinen hier eine Lösung zu sein.

Es geht dabei um Selbstermächtigung und solidarischen Beziehungsweisen in Ausnahmesituationen. In der jüngst erschienenen und sehr lesenswerten Flugschrift «G20 – Verkehrsprobleme einer Geisterstadt» des «Komitee 17» einem Kollektiv aus Zeug*innen, Aktivist*innen und Beobachter*innen heißt es: «Das Erlebnis, gehandelt zu haben, auf die eine oder andere Art Widerstand geleistet zu haben, nicht nur Statist in der Inszenierung der Macht gewesen zu sein, hinterließ durchaus ein Gefühl der Ermächtigung.

Weiter heißt es: »Die Proteste waren ein Schritt in die Lebendigkeit, ein Heraustreten aus den Gewohnheiten und der Vereinzelung des Alltags.« Darum geht es, und das ist nicht wenig dieser Tage.

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