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Und wieder war es Nowitschok

Neue Kampfstoffvergiftung in Südengland - Opfer offenbar ohne Kontakt nach Russland oder zu Geheimdiensten

»Hüten Sie sich davor, irgendwelche unbekannte oder ursprünglich gefährliche Gegenstände wie Nadeln und Spritzen aufzuheben.« Englands Chief Medical Officer, Sally Davies, fügte jedoch beruhigend hinzu: »Ich möchte der Öffentlichkeit versichern, dass das Risiko für die breite Öffentlichkeit niedrig bleibt.« Das ist eine kühne Aussage angesichts der wenigen Fakten, die den Ermittlern bislang bekannt sind. Sicher ist nur: Der neue Vorfall fand nahe der Stadt Salisbury statt, wo im März der frühere Doppelagent Sergej Skripal und seine Tochter vergiftet worden waren. Nun ist ein Paar aus derselben Region betroffen. Am Samstag war die 44-jährige Frau kollabiert, später mussten die Notärzte auch den 45-jährigen Mann ins Krankenhaus bringen. Zunächst war man davon ausgegangen, dass die beiden möglicherweise verunreinigtes Heroin oder Crack-Kokain eingenommen hätten. Doch diese Annahme wurde nach Tests relativ schnell widerlegt.

Beide schweben in Lebensgefahr. Der Sicherheitsrat der Regierung, das sogenannte Cobra-Komitee, nimmt die Sache sehr ernst, denn offensichtlich ist abermals Nowitschok, ein in der späten Sowjetunion entwickelter binärer Nervenkampfstoff, im »Spiel«. Noch ist unklar, ob das Paar absichtlich ausgewählt wurde, erklärte Scotland Yard. Bislang ist nicht bekannt, dass die beiden Opfer auch nur den geringsten Kontakte nach Russland oder zu Geheimdiensten hatten. Eine Ermittlungshypothese geht daher von einer zufälligen Kontamination aus. Wobei unklar ist, warum die erst vier Monate nach dem ersten Fall auftrat. Da die Ermittler im Skripal-Fall keine für den Anschlag benutzten Behältnisse oder Instrumente fanden, ist es denkbar, dass ihnen das Paar unglücklicherweise und wahrscheinlich zufällig voraus war.

Denkbar, dass der neue Fall dazu beiträgt, den Anschlag auf die beiden Skripals, die inzwischen an einem unbekannten Ort versteckt leben, aufzuklären. Das Attentat löste eine schwere internationale Krise aus, nachdem die britische Regierung Moskau dafür verantwortlich gemacht hatte. Premierministerin Theresa May war innenpolitisch unter starkem Druck und erklärte, Russland stehe »sehr wahrscheinlich« hinter dem »Giftanschlag«. Aus welchen Motiven man den bereits vor Jahren nach Großbritannien entlassenen ehemaligen Agenten des Militärgeheimdienstes GRU, der sich vom britischen MI6 umdrehen ließ, hätte umbringen sollen, ist nie hinterfragt worden. Obwohl die Belege dünn waren, schlossen sich die meisten NATO-Staaten - auch Deutschland - der britischen Sicht an. Zahlreiche westliche Staaten wiesen Dutzende russische Diplomaten aus. Moskau reagierte mit ähnlichen Maßnahmen.

Nach und nach war jedoch bekannt geworden, dass auch zahlreiche Staaten des Westens mit Nowitschok experimentiert haben. Auch der deutsche Auslandsnachrichtendienst BND hatte eine Probe des Kampfstoffes beschafft und angeblich an ein nicht näher bezeichnetes Labor in Schweden weitergeleitet. Das Labor hat dem Auftraggeber angeblich nur die chemische Formel übermittelt, die der BND auf Kanzleramtsweisung an enge Partner weiterreichte. Wo der Stoff nun ist, wird nicht erklärt. Auch im britischen Chemiewaffenlabor von Porton Down, das nahe der beiden Tatorte liegt, ist der Kampfstoff bestens bekannt. Die militärische Einrichtung ist - wie im Fall Skripal - in aktuellen Ermittlungen einbezogen.

Medien in Moskau merkten nach den ersten Meldungen sarkastisch an, dass die Fußball-WM offenbar gerade zu gut laufe und es daher nur eine Frage der Zeit sei, bis die Schuldigen am jüngsten Vergiftungsfall abermals in Moskau ausgemacht würden.

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