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Der Anti-Kollegah

Ohne Gemackere und FDP-Blödsinn: Danger Dans erstes Soloalbum

  • Von Thomas Blum
  • Lesedauer: 3 Min.

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Deutsche Rapper haben jetzt preußische Tugenden und Ehrbegriff / Aber sie waren schon als Jugendliche sehr bekifft / Sie sagen ständig, dass ein jeder hier es schaffen kann / Und meinen damit sozialen Aufstieg, aber nicht den Klassenkampf.« So schaut’s aus.

Und vielleicht war deutscher Hip-Hop ja auch als Kind schon scheiße, könnte ja sein: »HipHop war niemals ein Sprachrohr für Subversion / Diskriminierung ist behindert, du Hurensohn.« Da schlägt einer die diversen Kollegahs und Sidos mit ihren eigenen ausgeleierten Signalworten und versteht im Gegensatz zu ihnen sogar Ironie und Fremdwörter. Bedürfe es einer Antwort auf eine der derzeit wohl ödesten und reaktionärsten aller Spielarten des Gegenwartspop, den deutschen Hip-Hop mitsamt seinem Herrenmenschengehabe und seinem geradezu stolz präsentierten Halbalphabetentum, sie käme von Danger Dan.

Spätestens seit Bildung outgesourct wurde und überwiegend im Internet stattfindet, hat sich in den Köpfen nicht weniger deutschsprachiger Rapper eine trübe Melange aus Nazideppenideologie, FDP-Blödsinn, fröhlicher Selbstoptimierungsbereitschaft, Größenwahn, Auslöschungsfantasien und Verschwörungstheorien gebildet. Darüber hinaus gehen einem ihr oft frühpubertär-peinliches Herumgemackere plus Penisfechtereien, ihr ungustiöses Das-Recht-des-Stärkeren-Eiergeschaukel und ihre beängstigende Einfallslosigkeit auf den Zeiger.

Nichts von alldem findet man erfreulicherweise bei Danger Dan, der jetzt zwar auch nicht gerade der James Joyce bzw. Karl Kraus des Hip-Hop ist, wenn wir ehrlich sind, dessen Hirn aber wenigstens noch halbwegs gerade im Kopf zu sitzen scheint. »Im Grunde rappt er Selbstverständlichkeiten, aber genau diese fehlen der Szene« (»Musikexpress«). Mehr kann man ja, wie’s scheint, derzeit nicht verlangen. In dem Track »Sand in die Augen«, einer Bestandsaufnahme der auch in unseren Breiten nach wie vor herrschenden Geschlechterungerechtigkeit und des virulenten Sexismus, heißt es über die wahrscheinliche Zukunft der Protagonistin des Lieds, eines Mädchens: »Ob sie studiert oder ackert aufm Bau / Sie wird weniger verdienen, denn sie ist eine Frau.« Und weiter: »In der Schule, auf der Straße, in der Supermarktfiliale / Jeden Tag wird sie mal irgendwer begutachten wie Ware / Im Vorbeigehen wird sie eingeteilt in sexy oder hässlich / Jede Frau wird im Verlauf des Lebens sexuell belästigt.« Na ja, mit den Reimen hapert’s hie und da, wie man sieht, und den einen oder anderen Vers zwischen Flugblattdeutsch und Julia-Engelmann-Lyrik (»Wie eine Blume, die von Tag zu Tag ein wenig schöner blüht«) muss man eben in Kauf nehmen, aber dafür stimmt wenigstens die Herangehensweise des Künstlers an die gesellschaftlichen Verhältnisse.

Der Titel seines Soloalbums (»Reflexionen aus dem beschönigten Leben«) verballhornt neckisch den Untertitel von Theodeor W. Adornos pessimistischer philosophischer Prosaskizzensammlung »Minima Moralia« (»Reflexionen aus dem beschädigten Leben«), in der das kaputte Denken und Sprechen der Menschen unter den Bedingungen des fortgeschrittenen Kapitalismus aufgezeigt wird. Kann sowohl als Adorno-Hommage verstanden werden als auch als alberne Quatschmacherei.

Danger Dan gehört übrigens zur sich als antifaschistisch verstehenden Antilopen Gang, deren Album »Anarchie und Alltag« im vergangenen Jahr auf den ersten Platz der deutschen Charts kam. Notiz zum Schluss: Der unvermeidliche Sebastian Krumbiegel (Die Prinzen) mischt unseligerweise auf Danger Dans Soloplatte auch mit, als Gastsänger bei einem der Tracks (»Die Prinzentragödie«), nimmt sich allerdings erfreulicherweise nicht ganz so ernst, wie zu befürchten war, als man seinen Namen auf dem Cover gelesen hat: »Kann man einen kugelrunden alten Mann / Zu einer Antilope umgestalten / Oder singt er bis zum bitteren Ende in der Geisterbahn?«

Danger Dan: »Reflexionen aus dem beschönigten Leben« (JKP/Warner)

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