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  • Politik
  • Veranstaltung über Linksextremismus

Im Reich der extremen Mitte

In Berlin diskutierten Polizisten, Forscher und Politiker über G20

  • Von Niklas Franzen
  • Lesedauer: 5 Min.

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Die Gedenkstätte Hohenschönhausen hat zu einer Veranstaltung geladen, der Titel: »Linksextremismus - eine unterschätzte Gefahr?«. Die Crème de la Crème der bürgerlichen Mitte will ein Jahr nach G20 darüber diskutieren, wie passieren konnte, was passierte und wie es nie wieder passiert.

Die Kulisse: das ehemalige Stasi-Gefängnis in Ost-Berlin. Die Veranstaltung beginnt mit einem Zuckerstück: Die Besucher werden in einen Raum geführt und bekommen VR-Brillen vors Gesicht geschnallt. Ein sechsminütiger Film zeigt brennende Barrikaden, Wasserwerfer und rennende Hundertschaften. In 360 Grad kann man nochmal beim G20-Gipfel dabei sein: Es ist die Zukunft des Riot-Porns - (fast) zum Anfassen. Gegen die Krawall-Bilder geschnitten: Interviews mit einem Polizisten und einem »Ex-Autonomen«. Dass dieser auf jeden Fall mal ein echter Linker war, zeigt sich an den Demo-Postern und Baskenland-Schals an der Wand sowie der sicheren Verwendung von szenetypischen Begriffen wie »Wawe« (Wasserwerfer).

Als alle einmal gucken durften, geht die Veranstaltung dort los, »wo in der klassenlosen Gesellschaft der Mercedes des Chefs« gestanden habe, wie Gedenkstättenleiter Hubertus Knabe erklärt. Vor der Veranstaltung wäre er bei der »Antifa« gewesen und habe über Kapitalismus diskutiert. Mit viel Pathos schlägt er in seinem Vorwort die Brücke vom DDR-Staat zum heutigen linken Aktivismus. Am Ende wird er dann aber doch noch versöhnlich: »Ich hoffe, dass wir nach der Veranstaltung bei einem Glas Wein mit den Vertretern der Jungen Welt und AfD feststellen werden, dass wir alle Menschen sind, die friedlich miteinander auskommen müssen.«

Die Diskussion wird moderiert von dem Journalisten Helmuth Frauendorfer, der mit Suggestivfragen wie »Warum ist die zum Schutz der Bevölkerung notwendige Polizeigewalt so negativ konnotiert?« glänzt. Den sympatischen, jungen Polizisten von nebenan spielt Niels Sahling - und wirkt dabei fast sympathisch. Er sei unter anderem wegen Jan Fedder Polizist geworden, dem Hamburger Raubein aus der TV-Serie »Großstadtrevier«. Sahling war auch beim G20-Gipfel im Einsatz. Als gebürtiger Hamburger habe ihm das Herz geblutet, als er die Bilder von den Ausschreitungen in der Schanze gesehen habe: »Am liebsten wäre ich dort hingefahren und hätte aufgeräumt.« Sprichwort Schanze: Dort hätten wegen der Gentrifizierung einfache Leute wie er mittlerweile »keine Schnitte« mehr.

Trost spendet Cord Wöhlke. »Als Vertreter der sozialen Marktwirtschaft setze ich mich für Leute wie sie ein« und zeigt auf den Jungpolizisten. Der millionenschwere Unternehmer und Geschäftsführer der Drogeriekette Budnikowsky trägt ganz klassenbewusst einen Seidenschal. Wöhlke nimmt die Rolle des G20-Opfers ein. Sein Laden in der Schanze wurde komplett zerstört. »Das war nicht nur Zerstörungswut, sondern blinde Zerstörungswut.« Zumindest sei er gut versichert gewesen. Doch Wöhlke wirkt überrascht differenziert und outet sich sogar als »linksliberal«. Die Veranstaltung in Berlin passt ihm gut. »Die Leute in Hamburg lieben uns, deshalb kommen wir jetzt nach Berlin«, erzählt er stolz. Bald öffnet der erste Budni in Berlin. Moderator Frauendorfer ist begeistert: »Direkt bei mir um die Ecke!«

Ein Besucher ist ganz besonders von der Veranstaltung angetan: Frank Börner. Der Berliner AfD-Politiker sieht mit seinen langen Haaren, Flip-Flops und der Haifischzahn-Kette aus wie ein Surfer in Ruhestand. Nur die Trainingshose von Union Berlin 06 passt nicht ganz ins Bild. Ja, die Menschen sollten schon dort bleiben, wo sie herkommen, aber ein Rassist sei er damit noch lange nicht. Er habe ja auch mal ein Fußballturnier für Geflüchtete organisiert. Was Börner richtig nervt, ist »der ganze Genderquatsch«. Und der Sexismus? »Ich komme aus der DDR, ich weiß gar nicht, was das ist«, meint Börner. Im nächsten Satz spricht er von »West-Tussis«.

Auf dem Podium sitzt auch Tom Schreiber. Der als Linken-Hasser und Hobby-Sheriff verschriene SPD-Politiker schlägt für seine Verhältnisse ungewöhnlich milde Töne an. Nicht alle Linken seien gefährlich - sogar in der Rigaer Straße lebten ganz normale Menschen. Dennoch: Kieze dürften nicht zu Symbolen der linken Szene werden, zu »Angsträumen« quasi. Im Kampf gegen Linksextremismus brauche es vor allem Prävention.

Den Intellektuellen mimt Werner Patzelt. Weil Intellektuelle gerne erklären, erklärt der Professor von der TU Dresden die Hufeisen-Theorie. Gemäß dieser »Theorie« näherten sich die politischen Ränder, also links und rechts, wie bei einem Hufeisen wieder an. Patzelt präsentiert aber auch andere Weisheiten: Polizeigewalt sind Einzelfälle und strukturelle Gewalt durch den Kapitalismus gebe es nicht.

Stephan Mayer kommt zu spät, eine Abstimmung im Bundestag habe ihn aufgehalten. Der CSU-Staatssekretär gibt den harten Hund und beklagt, dass zu wenig Gelder für den Kampf gegen Linksextremismus aufgewendet würde. Auch zu G20 hat er eine klare Meinung: »Wenn das in Hamburg Rechtsextremisten gewesen wären, hätten wir monatelang Lichterketten gehabt.« Als er Werbung für die CSU macht, lacht sich der halbe Saal kaputt.

Immer wieder wird von den Anwesenden betont: Die Unterscheidung zwischen Links- und Rechtsextremismus sei wichtig, ja. Dennoch hält das die Anwesenden natürlich noch lange nicht davon ab, permanent die DDR- und Nazi-Zeit gleichzusetzen. Auschwitz und Hohenschönhauen fallen in einem Satz.

Am Ende bleiben noch zwölf Minuten für Fragen aus dem Publikum. Wie es sich für lupenreine Demokraten gehört, werden die Frage, die man vorher auf Karten schreiben durfte, vom Moderator ausgesucht. Polizeigewalt, hat es die bei G20 gegeben? Sehlig meint: Wenn es welche gegeben habe, werden sich die Gerichte darum kümmern.

Mit einem Dank an die anwesenden Sicherheitskräfte endet die Veranstaltung. Und am Ende erfüllt sich dann doch noch der Traum des Gedenkstättenleiters Knabe: Linke Journalisten und AfDler drängeln sich gemeinsam vor dem Wein- und Schnittchentisch. Doch alles gut. Fast zumindest.

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