Werbung

Wie verdreht kann diese Welt nur sein?

Neeske Beckmann will mit der »Lifeline« Leben retten. Stattdessen sitzt sie auf Malta fest. Ein Erfahrungsbericht.

  • Von Neeske Beckmann
  • Lesedauer: 4 Min.

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Ich war nach Malta gekommen, um mit einem Schiff auf dem Mittelmeer Menschen vor dem Ertrinken zu bewahren. Stattdessen sitze ich hier wie alle anderen Crewmitglieder der anderen Seenotrettungsorganisationen auf der Insel fest. Denn wir alle dürfen den Hafen nicht verlassen. Wir werden daran gehindert, Menschen das Leben zu retten.

Aus politischen Gründen.

Jeden Tag sterben dort draußen auf dem Meer - das so nah und dennoch derzeit so unerreichbar für uns ist - zahlreiche Menschen.

Aus politischen Gründen.

Währenddessen liegen hier im Hafen drei voll einsatzfähige Schiffe und ein Flugzeug mit handlungsfähigen, kompetenten Crews. Menschen haben sich Urlaub genommen, haben ihr Studium unterbrochen, haben gar ihren Job gekündigt, um anderen Menschen das Leben zu retten. Doch man lässt sie nicht.

Aus politischen Gründen.

Stattdessen werden unsere Schiffe absurd detaillierten Inspektionen unterzogen, mit einer bürokratischen Hürde nach der anderen konfrontiert und freiwillige Helfer werden vor Gericht gestellt.

Aus politischen Gründen.

Würde man in Deutschland eine Freiwillige Feuerwehr bei ihrer Arbeit behindern oder selbst nicht Hilfe leisten, wenn man sieht, dass jemand anderes sie benötigt, so würde man strafrechtlich verfolgt werden. Hier werden wir strafrechtlich verfolgt, weil wir anderen Menschen, die in Not sind, helfen.

Wie verdreht kann diese Welt nur sein?

Die Situation ist zum Verzweifeln. Sie macht wütend und fassungslos. Wir versuchen, diesem Europa der Ablehnung und des Rassismus etwas entgegenzusetzen. Wir versuchen, auf allen uns möglichen Wegen, Menschen aufzurütteln und gemeinsam die Abwärtsspirale und den Zerfall der Werte, für welche die Europäische Union eigentlich einst stand, irgendwie aufzuhalten.

Doch da gibt es Momente wie Donnerstagabend, bei einer von einer lokalen Gruppe organisierten Mahnwache für die Toten im Mittelmeer und jene, die die Überfahrt noch wagen wollen - da wird es zu viel. Wir waren am felsigen Strand in Valletta, dort, wo man auf die Weite des Mittelmeeres hinausgucken kann. Hunderte Kerzen wurden auf den Felsen aufgestellt und entzündet.

Eine Frau aus der Gegend kommt auf mich zu, deutet auf mein T-Shirt von der Organisation »Mission Lifeline« und fragt, ob ich für die Nichtregierungsorganisation arbeiten würde. Ich nicke. Sie nimmt meine Hand in die ihre, hält mich fest. »Danke. Danke für das, was ihr macht.« Tränen kommen ihr in die Augen. »Ihr seid wahre Helden. Hört nicht auf, euch für diese Menschen einzusetzen. Hört nicht auf zu kämpfen.«

Sie drückt meine Hand und geht. Ich stehe überwältigt da und blicke auf die Kerzen. Es sind viele. Dennoch steht jede gleich für mehrere Menschen, die alleine in den letzten zwei Wochen, seit Europa sich noch entschlossener abschottet, ihr Leben verloren haben. 629 ist die letzte Zahl, die ich gehört habe.

Auch mir treten die Tränen in die Augen. Ich fühle mich machtlos angesichts der schockierenden, strukturierten Unmenschlichkeit der Europäischen Union.

Lange Zeit starre ich in die tanzenden Lichter der Kerzen und bin verzweifelt und niedergeschlagen. Doch dann erscheinen zwei Mütter mit ihren Kindern in meiner Nähe. Sie hocken sich hin und zünden gemeinsam weitere Kerzen an. Ich hebe den Blick und sehe mich um. Ich bin umgeben von Hunderten großartigen Menschen. Menschen, die der Unmenschlichkeit im kleinen und großen Rahmen Offenheit, Liebe, Entschlossenheit und Hoffnung entgegensetzen. Das gibt Mut.

Ich stehe auf und klinke mich wieder in Gespräche mit anderen Freiwilligen ein, plane mit ihnen weiter die Demo, die wir hier in Valletta am Samstag parallel zu den Seebrücke-Demos in Deutschland und Spanien veranstalten wollen.

Weitermachen. Nicht aufgeben. Denn da draußen sind auch viele Menschen, die so denken wie wir. »Hört nicht auf zu kämpfen!«, hallen die Worte der jungen Frau nach.

Wir werden weitermachen. Und wir werden auch wieder aufs Mittelmeer fahren und Menschen vor dem Ertrinken retten. Denn Seenotrettung ist kein Verbrechen. Es ist unsere humanitäre Pflicht.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

9 Ausgaben für nur 9 €

Jetzt nd.DieWoche testen!

9 Samstage die Wochenendzeitung bequem frei Haus.

Hier bestellen