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  • Rückkehr des Merkantilismus

Die alte Selbstsucht

Mehr exportieren als importieren: Zur Rückkehr des Merkantilismus.

  • Von Klaus Müller
  • Lesedauer: 7 Min.

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Die erste Flotte der englischen Ostindien-Kompanie, die alsbald die Weltmeere beherrschte: zeitgenössische Lithografie Abb.: Getty Images
Die erste Flotte der englischen Ostindien-Kompanie, die alsbald die Weltmeere beherrschte: zeitgenössische Lithografie Abb.: Getty Images

Merkur, der Gott des Handels und der kleinen Diebe, zürnt: Donald Trump verhängt Strafzölle auf Stahl und Aluminium, die EU, Kanada und China antworten mit Vergeltungszöllen. Der US-Präsident droht, die Einfuhr von Autos zu beschränken. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) fordert Schutzzölle gegen billigen Stahl aus China ...

Handelskonflikte haben eine lange Tradition. Das ganze Mittelalter hindurch waren Zölle eine beliebte Einnahmequelle der Fürsten und Könige. Die Bürger litten unter ihnen, verteuerten sie doch die Waren. Frankreich und England erhoben im 16. Jahrhundert Zölle auf ausländische Waren, um die heimische Wirtschaft zu schützen. Protektionistische Maßnahmen waren Teil des Merkantilismus, der Wirtschaftstheorie und Wirtschaftspolitik während der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals, die »in der politischen Ökonomie ungefähr dieselbe Rolle« spiele »wie der Sündenfall in der Theologie, notierte Karl Marx. Das Kapital kam «von Kopf bis Zeh, aus allen Poren, blut- und schmutztriefend» zur Welt. Friedrich Engels sprach vom «blutigen Schrecken des Merkantilsystems, dem System des erlaubten Betrugs». In ihm zeige sich «die alte Geldgier und Selbstsucht, und dies brach von Zeit zu Zeit in den Kriegen aus, die alle auf Handelseifersucht beruhten».

Das Hauptwerk des Merkantilismus schrieb der englische Kaufmann Thomas Mun (1571 bis 1641). Sein Buch «Englands’ Treasure by Forraign Trade or The Ballance of our Forraign Trade is the Rule if our Treasure» entstand zwischen 1625 und 1630. Erst 1664 von seinem Sohn veröffentlicht, blieb es für hundert Jahre merkantilistisches Evangelium. Mun gehörte zu den Direktoren der Ostindien-Kompanie, die von Königin Elisabeth I. im Jahre 1600 das Monopol erhielt, sämtlichen Handel, auch den mit Sklaven, zwischen dem Kap der Guten Hoffnung und der Magellanstraße abzuwickeln. Er nahm die Ostindische Gesellschaft gegen ihre Kritiker in Schutz, die dagegen waren, dass die Engländer Silber ausführten, um indische Waren zu kaufen. Mun lehnte ein Verbot, Edelmetalle zu exportieren, ab. Er wollte das Geld, welches man im Handel erworben hat, nicht wieder verlieren, indem man vom Handel lässt. Die Ausfuhr von Geld zum Kauf von Rohstoffen sei richtig, wenn sie die Voraussetzung dafür ist, mehr Waren exportieren zu können: «Das gewöhnliche Mittel zur Vermehrung unseres Reichtums und unseres Besitzes an edlen Metallen besteht im auswärtigen Handel, wobei wir beachten müssen, einen größeren Wert an das Ausland zu verkaufen, als der ist, den wir verbrauchen.» Fertigwaren sollten exportiert, die zu ihrer Produktion benötigten Rohstoffe importiert werden. Die Ausfuhr des Geldes sollte den Handel und die Produktion beleben und mehr Gold und Silber ins Land bringen.

Mehr exportieren als importieren - das war der «Hauptpunkt im ganzen Merkantilsystem», bemerkte Friedrich Engels. «Hatte man mehr aus- als eingeführt, so glaubte man, dass die Differenz in barem Gelde ins Land gekommen sei, und hielt sich um diese Differenz reicher ... und um dieser lächerlichen Illusion willen sind Tausende von Menschen geschlachtet worden!» Dass es der Quadratur des Kreises gleichkommt, wollte jedes Land Exportüberschüsse erstreben, war den Merkantilisten klar. Sie wussten, dass der Vorteil des eigenen Landes auf dem Schaden beruht, den man anderen Ländern zufügt. Marx schrieb, die Merkantilisten predigten «den anderen dümmeren Nationen das Verzehren ihrer Waren». Diese Predigten erinnerten an asketische Ermahnungen der Kirchenväter.«

Die Landesherren förderten die heimische Produktion und Unternehmen, die Waren für den Export herstellten, mit denen man den Gold- und Silberstrom ins Land lenken konnte. Sie setzten auf eine große produzierende Bevölkerung. »Denn wo eine große Bevölkerung mit gut entwickeltem Handwerk lebt, muss der Handel groß und das Volk reich sein«, so wiederum Mun. Der Staat erließ »Blutgesetze« gegen Arbeitsscheue und Vagabunden, so bezeichnet wegen der grausamen Körperstrafen bis hin zur Hinrichtung, unterstützte den Bau von Arbeitshäusern und die Verlängerung der Arbeitszeit.

In England, Frankreich und Holland wurde »das von Grund und Boden gewaltsam expropriierte, verjagte und zum Vagabunden gemachte Landvolk durch grotesk-terroristische Gesetze in eine dem System der Lohnarbeit notwendige Disziplin hineingepeitscht«, schrieb Marx. Die staatliche Politik zielte auf niedrige Reallöhne, unter anderem durch Aufkauf und Lagerung von Lebensmitteln, um die Preise hochzuhalten. Der Kampf um Kolonien wurde forciert. Der Dreieckshandel florierte: Europäer tauschten Waren oft minderer Qualität in Afrika gegen Sklaven und verfrachteten sie in Ketten über den Atlantik, meist in die Karibik, von wo die Schiffe dann mit Kolonialwaren nach Europa zurückkehrten.

In Frankreich war es Finanzminister Jean Baptiste Colbert (1619 bis 1683), der hohe Ausfuhrzölle für Rohstoffe und hohe Einfuhrzölle für Fertigfabrikate erhob. Er erleichterte die Einfuhr von Rohstoffen und begünstigte die Ausfuhr der Fertigerzeugnisse. Frankreich warb Spezialisten für die Herstellung von Seiden und Brokat aus Flandern ab, holte aus Italien Fachleute der Glasherstellung und verbesserte die Ausbildung der Arbeitskräfte, um hochwertige Kleider, Teppiche und Möbel herzustellen. Spezialisten war es verboten, auszuwandern. Die französische Flotte brach das Handelsmonopol der Holländer. In Brandenburg/Preußen prägte der Merkantilismus die Wirtschaftspolitik von der Regierungsübernahme durch Kurfürst Friedrich Wilhelm 1640 bis zum Tod Friedrich des II. 1786. Ein Ziel war die Mehrung der produktiven Bevölkerung. Man brauchte Menschen zur Produktion sowie für Heer, Flotte und Kriege. Handel und Gewerbe, vor allem die Textilindustrie, wurden ausgebaut. Um die heimische Weberei zu fördern, bestraften Preußens Herrscher Untertanen, die Wolle ausführten und ausländische Tuche trugen, mit dem Tode. Sie verboten die Einfuhr französischer Waren und siedelten Hugenotten aus Frankreich an, um die Produktion von Luxuswaren im eigenen Lande voranzubringen. Nach 1763 entstanden Manufakturen in großer Zahl, unterstützt durch staatliche Subventionen und Privilegien.

Auch Zar Peter I. in Russland und die Herrscher Hollands, Italiens, Spaniens und anderer Länder haben eine merkantilistische Wirtschaftspolitik betrieben. Für einen historischen Moment deckten sich die Interessen der herrschenden Feudalklasse mit denen des aufstrebenden Bürgertums, weil der beste Weg, dem Staat die Kassen zu füllen, darin gesehen wurde, die gewerbliche Produktion mit allen Mittel zu fördern. Selbst der Feudaladel unterstützte diese Änderungen, die letztlich seinen Untergang herbeiführen sollten.

Die formalen Ähnlichkeiten zwischen der staatsmonopolistischen Wirtschaftspolitik im 21. Jahrhundert und dem Merkantilismus des Mittelalters und der Frühen Neuzeit sind frappierend. Wie ehedem erstreben die heutigen Staaten Exportüberschüsse und Wirtschaftswachstum, wollen eine hohe Beschäftigung und niedrige Löhne. Die USA weisen von allen Ländern das größte Defizit im Handel aus. Trump meint, es liege an der unfairen Behandlung seines Landes und versucht, Unternehmen aus anderen Ländern den Absatz ihrer Produkte zu erschweren.

Staatliche Wirtschaftspolitik dient auch heute dem nationalen Kapital, dessen Verwertung sie unterstützt. Man kann sie mit gewissem Recht neomerkantilistisch nennen. Eingriffe des Staates in die Wirtschaft werden gestützt durch die Lehren von John Maynard Keynes. Er zählt zu den bedeutendsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts. Seine Ideen haben bis heute Einfluss auf ökonomische und politische Theorien. Keynes hielt eine positive Handelsbilanz und eine reichliche Geldversorgung für zinssenkend und wirtschaftlich anregend. Der Exportüberschuss führe zu einer Geldzufuhr und diese zu niedrigen Zinsen. Dies sei gut für Produktion, Beschäftigung und Investitionen. Für Keynes war dies »das Element wissenschaftlicher Vernunft in der merkantilistischen Lehre«.

Kapitalistische Staaten kämpfen seit eh und je um Wirtschaftsvorteile, Rohstoffquellen, Kolonien und Absatzmärkte - wenn nötig mittels Krieg. England brach in vier Seekriegen zwischen 1652 und 1784 die holländische Vorherrschaft im Welthandel. Um die Kontrolle der Ozeane und Handelswege zu gewinnen, französische und spanische Kolonien in Amerika und Indien zu annektieren, nutzte England die Rivalitäten in Kontinentaleuropa.

Auch spätere Kriege dienten stets dazu, die ökonomische Macht zu stärken. Das ist die barbarische Seite des Kapitalismus und eines seiner Wesensmerkmale geblieben. In den »Verteidigungspolitischen Richtlinien« von 1992 wird die Bundeswehr als Instrument zur »Aufrechterhaltung des freien Welthandels und des ungehinderten Zugangs zu Märkten und Rohstoffen in aller Welt« bezeichnet. Und freimütig bekannte Bundespräsident Horst Köhler 2010: »In meiner Einschätzung sind wir insgesamt auf dem Wege, in der Breite der Gesellschaft zu verstehen, dass ein Land unserer Größe, mit dieser Außenhandelsabhängigkeit, auch wissen muss, dass im Zweifel, im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren.« Die Offenheit wurde ihm zum Verhängnis, führte zu seinem Rücktritt. Er hätte wissen müssen, dass es sich für ein Staatsoberhaupt nicht ziemt, auszusprechen, was jeder weiß.

Von Prof. Dr. Klaus Müller (Jg. 1944), ehemaliger Dozent an der Technischen Hochschule Karl-Marx-Stadt und später an der Berufsakademie Glauchau, erschienen jüngst bei PapyRossa »Lohnarbeit und Arbeitslohn«, »Boom und Krise« sowie »Profit«; er verfasste zudem für den neuen Band des »Historisch-kritischen Wörterbuchs des Marxismus« (9/I) den Eintrag zu »Merkantilismus«.

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